Kommentar

Reiter-Debakel, grüner Sieg: Was die OB-Wahl für München bedeutet

Ein Hauch von Protestwahl: AZ-Lokalchef Felix Müller kommentiert das Wahlergebnis, das vor vier Wochen niemand für denkbar gehalten hätte, die Fehler von SPD und CSU und die Frage, wen Dominik Krause absehbar enttäuschen könnte.
von  Felix Müller
Der Schatten von Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München, ist nach dessen Rede bei der Wahlparty zu sehen. Nach zwölf Jahren gibt er das Amt an seinen grünen Herausforderer ab.
Der Schatten von Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München, ist nach dessen Rede bei der Wahlparty zu sehen. Nach zwölf Jahren gibt er das Amt an seinen grünen Herausforderer ab. © Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Dominik Krause ist gewählt worden. Richtiger ist: Dieter Reiter ist abgewählt worden. Er hat an diesem historischen Sonntag die Vertrauensfrage verloren, ob die Münchner ihm nach allem, was vorgefallen ist, noch einmal sechs Jahre das höchste Amt der Stadt anvertrauen wollen. So steckt ausgerechnet in der Wahl dieses Krauses, den alle, die ihn gut kennen, als korrekten, verlässlichen, ernsthaften Politiker beschreiben, ein Hauch Protestwahl.

Krause hat sich wenig getraut – und trotzdem gewonnen

Krause wurde durch Reiters viele Fehler plötzlich in eine historische Chance hineingespült. In eine Situation, in der Krauses persönliche Schwächen plötzlich zu Stärken wurden. Er ist über die Jahre immer pragmatischer geworden.

Für einen, der OB werden wollte, hat er sich ziemlich wenig getraut. Keine großen Ideen, die Widerspruch hätten hervorrufen können, sind bekannt geworden. Seine Auftritte wirken in schwachen Momenten eher ein bisserl blass-bieder. Krause ist kein Typ, dem sofort die Herzen zufliegen. Wo, um alles in der Welt, sollte eine Wechselstimmung herkommen?

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Nun aber stand er plötzlich als das nur schwer angreifbare Gegenmodell da zu einem in Verruf geratenen Amtsinhaber. Ein korrekter Mittdreißiger, mit seinen Positionen und seinem Auftreten sehr anschlussfähig für das junge und weltoffene München, jemand, der Lust auf Politik hat und zugleich auch ältere Münchner der Mitte ansprechen kann.

Aus dem Schatten von Dieter Reiter getreten: Münchens zweiter Bürgermeister Dominik Krause übernimmt jetzt als OB.
Aus dem Schatten von Dieter Reiter getreten: Münchens zweiter Bürgermeister Dominik Krause übernimmt jetzt als OB. © Felix Hörhager/dpa

Wie ewiggestrig wirkten da SPD und CSU, die das alte Lied sangen, dass die Grünen doch nur eine Klientelpartei seien. Beide sprachen immer noch über die Stadt, als gebe es nur zwei Pole – den hart arbeitenden Diesel-Fahrer am Stadtrand und die sorglose, lastenradfahrende Grünen-Wählerin vom Gärtnerplatz. Die Wahrheit ist: In dieser Stadt gibt es sehr viel dazwischen – und dort überall grasen die Grünen ab. Sie haben Direktmandate in Giesing oder Moosach geholt, sind in Sendling auch bei der Stadtratswahl wieder stärkste Kraft geworden. Sie sind in den im besten Sinne ganz durchschnittlichen Münchner Vierteln längst angekommen.

Frischer Wind? Ja, aber

Grünen-Themen söderesk herabzuwürdigen, ist da 2026 komplett abwegig. Auch für die CSU, die sich bemitleidenswert unsouverän an ein untergehendes Schiff kettete, kann das in München keine Strategie mehr sein. Künftig erst recht nicht, weil München nun einen pragmatischen grünen OB hat.

Einen, der im Alltag mit seiner Art überzeugen wird. Enttäuscht werden könnte aber die grüne Kernklientel. Bei allem Sprechen vom frischen Wind: Die Grünen waren schon bisher stärkste Fraktion, Radwege-Ausbau oder neue Fußgängerzonen sind in München im internationalen Vergleich absurd unambitioniert. Nun wird auch noch das Geld viel knapper. Frischer Wind? Ja, schon. Aber ganz praktisch wird Krause das Fenster nur auf Kipp stellen.

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