Rätseln über das Motiv für die Mordanschläge im Kreißsaal

Noch immer ist unklar, warum eine Hebamme im Klinikum Großhadern Schwangeren Blutverdünner injezierte. Was ein Traumatherapeut zu dem Fall sagt.
| Ralph Hub
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Das Klinikum Großhadern, in dem die Frau seit 2012 arbeitete, hatte Anzeige erstattet. Foto: Tobias Hase/Archiv
dpa Das Klinikum Großhadern, in dem die Frau seit 2012 arbeitete, hatte Anzeige erstattet. Foto: Tobias Hase/Archiv

Das Klinikum Großhadern zieht erste Konsequenzen. Im Geburtszentrum werden die internen Kontrollsysteme verschärft. Noch immer ist unklar, warum eine Hebamme vier Schwangeren Blutverdünner injizierte. Was der Traumatherapeut Christian Lüdke  zu dem Fall sagt

München -  Nach der Verhaftung einer Hebamme (33) wegen versuchten Mordes an vier werdenden Müttern hat das Klinikum Großhadern die medizinischen Abläufe innerhalb der Geburtsstation neu organisiert. Infusionen sollen beispielsweise künftig erst kurz vor einer Operation vom Anästhesisten gelegt werden. Das kündigte der Leiter des Zentrums für Geburtshilfe, Uwe Hasbargen, am Freitag an. Vollkommen ausschließen lasse sich ein solcher Fall aber trotzdem nicht.

Die Hebamme soll, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, bei Risikoschwangerschaften vor dem Kaiserschnitt vier werdenden Müttern den Blutverdünner Heparin verabreicht haben. Die Frauen wären beinahe gestorben. Die Hebamme sitzt in U-Haft. Sie bestreitet die Vorwürfe. Entsetzt reagierte der Deutsche Hebammenverband in Karlsruhe. „Ein solcher Fall ist uns vorher noch nie begegnet“, sagte Katharina Jeschke, Mitglied im Präsidium.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. „Es wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen“, sagte Staatsanwalt Peter Preuß. Wann es zu einer Anklage kommt, ließ er offen. Die 33-Jährige soll vorher psychiatrisch untersucht werden.

AZ: Herr Lüdke, Hebammen sind sehr einfühlsame und engagierte Menschen. Ist so jemand überhaupt in der Lage zu so einem Verbrechen?

CHRISTIAN LÜDKE: Im Prinzip ja. Es ist ein sehr aggressives Verhalten. Diese Frau hat eine sehr dunkle Seite. Es liegt der Verdacht nahe, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.

Das heißt, sie ist nicht schuldfähig? Nein, das kann man erst nach einer gründlichen psychiatrischen Untersuchung durch einen Gutachter entscheiden.

Was glauben Sie? Die Taten, die man ihr vorwirft, erfordern eine sorgfältige Planung. Man muss genau wissen, was man tut und wann man es tut. Sie hätte demnach sehr gezielt gehandelt und ihren Beruf als Tarnung benützt.

Klingt nach einem Menschen mit scharfem Verstand. Das sehe ich auch so. Schuldunfähig wäre sie nur, wenn sie zum Tatzeitpunkt den Bezug zur Realität verloren hätte, wenn sie an Paranoia oder Schizophrenie leiden würde. Was für ein Mensch ist sie? Im Grunde jemand, der von großen Selbstzweifeln getrieben wird. Deshalb hat sie sich vermutlich auch einen Beruf ausgesucht, in dem sie außerordentlich hohe Verantwortung trägt. Im Grunde ist sie ein Mensch, der sich hilflos und ohnmächtig fühlt.

Klingt nach Minderwertigkeitskomplex, aber nicht nach Mordmotiv. Diese Menschen haben das Gefühl, aus der Welt herauszufallen. Vermutlich denkt sie, sie werde nicht richtig akzeptiert und angenommen von Freunden und Kollegen. In der Klinik gilt sie als hoch motiviert und engagiert.

Klingt das nach Ablehnung? Menschen wie sie sind überengagiert, wollen mehr leisten als andere und fühlen sich trotzdem nicht akzeptiert. Solche Menschen werden von massiven Selbstzweifeln gequält. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt und strengen sich deshalb noch mehr an, um dazuzugehören. Ein Teufelskreis.

Ohne Ausweg? Die Taten, die man ihr vorwirft, könnten ihre Art der Therapie gewesen sein. Ein primitiver Versuch, die Probleme auf ihre Art zu lösen.

Indem sie von der Hebamme zur Giftmischerin wurde? Es gibt in ihrem Leben einen Konflikt, den sie nicht bewältigen kann. Die Handlungen könnten so eine Art Ventilfunktion ausgeübt haben. Sie haben ihr vorübergehend Linderung verschafft.

Und deshalb brachte sie andere Menschen in Gefahr? Den Tätern verleiht es ein Gefühl von absoluter Macht. Sie schwingen sich auf zum Herrscher über Leben und Tod.

Hebammen helfen, Leben auf die Welt zu bringen. Wie passt das zusammen? Sie nimmt für sich das Recht heraus, Regeln zu brechen. Sie sieht die Welt vermutlich ganz anders. Sie deutet die Realität ganz anders, lebt und handelt nach ihren eigenen Regeln.

Was könnte die Frau dazu getrieben haben? Vermutlich gab es eine schwerwiegende Kränkung, eine Demütigung, mit der sie nicht fertig wird. Ein Stachel, der tief in ihrer Seele steckt.

Aber doch nicht durch die schwangeren Mütter? Das kann weit bis in die Kindheit zurückreichen. In manchen Fällen ging eine schwer belastete Mutter-Tochter-Beziehung voraus.

Könnte das der Grund sein, weshalb die Frau mit 33 Jahren selbst keine Familie hat? Denkbar wäre das. Das könnte auch erklären, weshalb die Frau selbst keine Kinder hat und auch nicht in einer festen Beziehung lebt.

Was hat das mit den werdenden Müttern zu tun? Vielleicht wollte sie die Frauen beschützen, ihnen das ersparen, was sie selbst am eigenen Leib erlebt hat.

Das klingt jetzt wieder nach einem Menschen mit sehr kranker Psyche. Ich denke, sie fühlt sich im Leben gescheitert und unfähig zu einer Beziehung.

Sie hatte Freunde an der Klinik, Ärzte und Spezialisten um sich herum. Warum hat sie sich nicht Hilfe gesucht? Vielleicht war der Leidensdruck zu groß, vielleicht hatte sie Angst, sich anderen Leuten anzuvertrauen und von den finsteren Gedanken in ihrem Kopf zu erzählen.

Musste sie nicht rechnen, früher oder später erwischt zu werden? Das ist manchen Tätern egal. Manche halten sich für zu schlau, um gefasst zu werden. Vielleicht war aber genau das ihr Ziel: Wer erwischt wird, muss sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen, dem Leben im Gefängnis aber nicht unbedingt mit den tieferen Ursachen, die ihn genau dahin gebracht haben, wo er jetzt ist: hinter Gittern.

 

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