Großhadern: Mordanschlag im Kreißsaal

Eine Hebamme mischt bei vier Risikoschwangerschaften werdenden Müttern absichtlich Blutverdünner in die Infusionslösung. Die Frauen können im letzten Moment gerettet werden. Die 33-Jährige sitzt in U-Haft.
| Ralph Hub/Daniel von Loeper
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Das Perinatalzentrum im Klinikum Großhadern: Hier geschahen die unfassbaren Mordversuche auf die werdenden Mütter. Kleines Bild: Betretene Gesichter: Hebamme Heike Wolff, Dr. Uwe Hasbargen und Prof. Karl-Walter Jauch.
Daniel von Loeper Das Perinatalzentrum im Klinikum Großhadern: Hier geschahen die unfassbaren Mordversuche auf die werdenden Mütter. Kleines Bild: Betretene Gesichter: Hebamme Heike Wolff, Dr. Uwe Hasbargen und Prof. Karl-Walter Jauch.

München – Die Vorwürfe klingen unglaublich: Eine junge Hebamme aus dem Münchner Umland soll im Klinikum Großhadern, einer der größten und bekanntesten Kliniken Europas, versucht haben, vier Mütter im Kreißsaal umzubringen. Sie spritzte ihnen einen Blutverdünner.

Mit einem Haftbefehl in der Tasche kamen die Fahnder der Münchner Mordkommission am Freitag letzter Woche ins Klinikum. Die Beamten erklärten der 33-Jährigen, dass gegen sie wegen versuchten vierfachen Mordes ermittelt wird. „Die Hebamme reagierte gefasst, geradezu gelassen“, sagt Markus Kraus, Chef der Mordkommission. Anschließend wurde die Frau abgeführt. „Es war wie im Krimi, wir kamen uns vor wie in einem schlechten Film“, erzählt Professor Klaus Friese, Chef der Frauenklinik.

Bei der Vernehmung bestritt die Hebamme zunächst die Vorwürfe. „Sie sagt, das stimmt alles nicht“, so Markus Kraus. Inzwischen schweigt sie. Auf Anraten ihrer Rechtsanwältin macht sie keine Angaben.

Die Vorfälle ereigneten sich bei vier Kaiserschnittgeburten zwischen April und Juni 2014. Die Hebamme soll den Blutverdünner Heparin werdenden Müttern in hoher Dosis verabreicht haben. „Jeder mit medizinischen Grundkenntnissen weiß, dass Heparin bei einem Kaiserschnitt nichts verloren hat“, betont Staatsanwalt Peter Preuß.

Die 33-Jährige geriet unter Verdacht, weil sie als einzige bei allen vier kritischen Kaiserschnittoperationen anwesend war. Das ergab die Überprüfung der Dienstpläne. Nach Angaben der Ermittler injizierte die Hebamme den Blutverdünner in Infusionsflaschen, während die Patientinnen auf die OP vorbereitet wurden.

„Die vier Frauen hatten Risikoschwangerschaften und neigten zu verstärkten Blutungen“, teilte die Klinikleitung gestern mit. Heparin wäre deshalb unter keinen Umständen verabreicht worden. Das Medikament hätte das Risiko weiterer Blutungen „erheblich verstärkt“.

Tatsächlich kam es bei allen vier Kaiserschnittgeburten zu schweren Komplikationen. Markus Kraus: „Die Frauen erlitten einen lebensbedrohlichen Blutverlust, der nur durch notfallmedizinischen Maßnahmen gestoppt werden konnte.“ Zwei Frauen brauchten Bluttransfusionen, zwei mussten erneut operiert werden, eine von ihnen verbrachte nach Klinikangaben eine Nacht mit einem Tuch im Bauch. Anders war die Blutungen nicht zu stoppen.

Die Ermittler gehen von einem heimtückischen Mordkomplott aus. „Wir sind betroffen, wir sind bestürzt“, sagte der ärztliche Direktor des Klinikums, Karl-Walter Jauch. Es deute einiges darauf hin, dass die Frauen mit Risikoschwangerschaften gezielt ausgesucht worden seien. „Umso schlimmer finde ich das auch menschlich“, sagte der Direktor der Frauenklinik, Klaus Friese. „Es ist eine ganz fürchterliche Situation für uns alle.“ Die schwangeren Frauen fühlten sich in der Klinik gut versorgt und in Sicherheit. Die Hebamme habe die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausgenützt, so der Staatsanwalt.

Die Hebamme aus dem Umland gilt als erfahrene Geburtshelferin. „Wir können es nicht verstehen“, sagt Professor Karl-Walter Jauch. „Sie ist eine angesehene Hebamme.“ Seit März 2012 ist sie im Klinikum Großhadern beschäftigt. Sie legte sehr gute Zeugnisse vor. Die Klinik hat sie suspendiert.

„Die Hebamme hatte es auf das Leben der Menschen abgesehen“, sagt Staatsanwalt Peter Preuß. Das Motiv ist unklar. Die 33-Jährige gilt als psychisch stabil. Bis März war sie allerdings länger krank gewesen. Sie hat keine Kinder, ist ledig und bisher bei der Polizei nicht aufgefallen. Von Problemen am Arbeitsplatz ist nichts bekannt.

Bis vor zwei Jahren arbeitete die Geburtshelferin in Kliniken außerhalb von Bayern. Die Polizei wird zu allen Kontakt aufnehmen. Gerüchteweise soll es auch an einem früheren Arbeitsplatz Vorfälle gegeben haben, sagte Friese, ohne Details zu nennen. Das Klinikum Großhadern hat die Vorfälle selbst aufgedeckt. Bei Laboruntersuchungen wurde in einer Flasche Heparin nachgewiesen. Die Patientinnen wurden informiert.

Am 10. Juni informierte die Klinik die Staatsanwaltschaft. „Ohne deren Anzeige wären die Fälle gar nicht bekanntgeworden“, betont Peter Preuß.

 

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