"Querdenken 089": 10.000 Teilnehmer bei Corona-Demo auf der Theresienwiese

10.000 Menschen demonstrieren am Samstag in München gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen der Politik. Viele von ihnen ignorieren die Abstandsregeln und die Maskenpflicht.
| Ralph Hub
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
24  Kommentare Artikel empfehlen
Zahlreiche Menschen haben sich zu einer Kundgebung der Initiative "Querdenken 089"  gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese eingefunden.
Zahlreiche Menschen haben sich zu einer Kundgebung der Initiative "Querdenken 089" gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese eingefunden. © Valentin Gensch/dpa

München - Ein Mediziner, der sich selbst als "Truppenarzt" bezeichnet und bereit ist, Atteste vom Laster runter an Leute zu verteilen, die keine Maske tragen wollen. Ein Anwalt, der Demonstranten Tipps gibt, wie sie Hygieneregeln durch eine eidesstattliche Versicherung umgehen können.

 

Der Konflikt zwischen Demonstranten und Staat fokussiert sich am Samstag klar auf zwei Punkte: Abstandsregelungen und Maskenpflicht. Beides kann die weitere Ausbreitung des Coronavirus eindämmen, sagen Virologen. "Querdenker" sehen es anders – und das machen auch die Redner klar.

Bereits am Odeonsplatz, als sich mittags die Menschen zur Demo formieren, tragen die wenigsten Masken. Die Abstände passen, doch statt der erlaubten 500 sind es in der Spitze laut Polizei bis zu 3000, die sich dem Zug anschließen.
Eine Frau im dunklen Dirndl schreit sich heiser: "Es gibt nur eine Erkrankung, keine Pandemie." Ein Mann schwenkt eine Fahne mit Hammer und Sichel. Darauf steht: "DDR 2.0".

Was die Demonstranten eint, ist der Frust über die Einschränkungen wegen der Corona-Krise und die Sorge vor einer dauerhaften Beschneidung gewisser Grund- und Freiheitsrechte. Erklärtes Symbol dieser "Unterdrückung durch den Staat", wie es manche nennen, sei die Maske.

Mehr Schirme als Masken: Die Demonstration auf der Theresienwiese war gut besucht.
Mehr Schirme als Masken: Die Demonstration auf der Theresienwiese war gut besucht. © Ralph Hub

Demonstranten: "Gib Gates keine Chance"

"Es geht bei der Mund-Nasen-Bedeckung einfach nur darum, dass man uns schikanieren möchte", verkündet der Anwalt und Co-Organisator des Protestes Markus Haintz vom Lastwagen an der Spitze des Zugs. "Warum sollen wir fremden Menschen und den Medien glauben?", stellt er mehr rhetorisch eine Frage, "warum glauben wir nicht unseren Freunden?"
Ein paar Anhänger von "QAnon" laufen mit. Eine Frau hält ein Schild, auf dem steht "Gib Gates keine Chance". Ein älterer Herr mit Bart wirft den Regierenden nicht weniger vor als "Hochverrat am deutschen Volk".

Doch es sind auch Linke unter den Demonstranten, Alternative, Esoteriker, Leute, die barfuß auf dem heißen Asphalt tanzen, Bürger, die sich Sorgen manchen, wo die Beschränkungen noch hinführen. Manche sind aus Berlin und Stuttgart angereist, einige aus dem Allgäu. "Weißhemden" aus Neumarkt in der Oberpfalz trommeln.

"Ich will wieder selbst über mein Leben bestimmen", sagt eine Lehrerin, "und deshalb beteilige ich mich an dem Protest." Eine Stunde steht die Demo in der Gabelsbergerstraße, die Polizei lässt sie nicht einen Meter weiter. Grund: Die allermeisten Teilnehmer tragen weiter keine Maske.

Die BRD als "Unrechtsregime"

Haintz, Rechtsanwalt vieler "Querdenker"-Initiativen, wirft den Beamten vor, sie würden sich nicht an Recht und Gesetz halten. Man werde dafür sorgen, dass sie "ihren Job loswerden". Er vergleicht die Polizisten mit DDR-Grenztruppen und erwähnt im selben Atemzug den Schießbefehl an der früheren innerdeutschen Grenze.

Nur all zu oft und bei all zu vielen geht es an diesem Tag darum, Bundesrepublik und DDR als "Unrechtsregime" gleichzusetzen. Bundes- und Landesregierungen würden Bürger unterdrücken, willkürlich Freiheiten beschneiden, der Demokratie schaden. Viele Zuhörer jubeln und klatschen begeistert Beifall. Sie sehen die Schutzmaßnahmen des Staates "als Willkür und Unrecht".

Die Demonstranten auf der Theresienwiese,
Die Demonstranten auf der Theresienwiese,

Etwa zur selben Zeit versammeln sich am Goetheplatz rund 900 Gegendemonstranten. Motto: "Solidarität statt rechter Verschwörungswahn". Alle tragen Masken und halten Abstand. Klare Worte findet Max Brym, Trainer beim jüdischen Sportverein TSV Maccabi. Er bezeichnet die Demonstranten der "Querdenker" als "bescheuertes, rücksichtloses Kleinbürgertum". Er erzählt, wie er Ende Mai im Englischen Garten von einem Radler mit "Coronaleugner"-T-Shirt antisemitisch beleidigt wurde, die Juden "hätten das mit Corona gemacht".

Doppelt so viele Teilnehmer wie erwartet

Bei den "Querdenkern" geht immer noch nichts weiter. Kurz nach 14 Uhr ziehen sie die Reißleine und lösen die Demo auf. In Gruppen, oft bis zu 100 Leute, ziehen sie zur Theresienwiese. Gegen 16 Uhr sind es nach Schätzungen der Polizei rund 10.000 Menschen. Doppelt so viele wie erwartet.

Anfangs stehen alle dicht beieinander. Kaum jemand trägt einen Mund-Nasenschutz. Manche haben ein Netz vor dem Gesicht, einer eine Batman-Maske, andere tragen das Konterfei von Söder oder Merkel als Maske. Kein Schutz, sondern in diesem Fall ein Verstoß gegen das Vermummungsverbot auf Demos. Rechtsanwalt Haintz weist eilig drauf hin, man möge die Maske am Hinterkopf tragen, um Ärger mit der Polizei zu vermeiden.

Eifrig erteilt der Anwalt immer wieder Tipps, wie man mit einem Attest oder einer eidesstattlichen Versicherung sich vor dem Tragen einer Maske drücken könne. Der Arzt, der diese Atteste bereitwillig verteilt, wird von der Polizei schließlich festgenommen. Genauso wie eine Anwältin, die sich nach einem Geschubse im Gedrängel weigerte, Polizisten ihre Personalien zu nennen. Sie berichtet später auf der Bühne und wird zum "Opfer staatlicher Willkür" stilisiert.

Am Rande der Corona-Demonstration auf der Theresienwiese versammelten sich einige Dutzend Gegendemonstranten und hängten große Plakate am "Kotzhügel" auf.. Die Polizei sprach von "einigen wenigen Personen aus dem linken Spektrum".
Am Rande der Corona-Demonstration auf der Theresienwiese versammelten sich einige Dutzend Gegendemonstranten und hängten große Plakate am "Kotzhügel" auf.. Die Polizei sprach von "einigen wenigen Personen aus dem linken Spektrum".

In der Menge tummeln sich Anhänger rechter Gruppen: "Bavarian Brotherhood", "Bündnis Deutscher Patrioten", einige AfDler. Kaiserreichsfahnen wie in Berlin und Stuttgart sind nicht zu sehen. Manche tragen die Farben unauffällig auf T-Shirts. Corona sei eine "Verschwörung gegen das deutsche Volk", behaupten zwei Männer in Lederhosen.

Ex-TV-Pfarrer Jürgen Fliege spricht

Die Abgrenzung von der rechten Szene vollzieht Michael Ballweg, Initiator der "Querdenken"-Initiative wieder mal nur halbherzig. Stattdessen jubelt er: Das "Freiheitsvirus" habe München erreicht. Auch der frühere TV-Pfarrer Jürgen Fliege hält eine Rede.

Weil kaum Masken getragen werden und die Abstände zu gering sind, unterbricht die Polizei die Kundgebung. Erst als sich die Menge über das Gelände verteilt, geht es weiter. Die Beamten zeigen mehr als 100 Leute an, weil sie partout keine Maske tragen wollten. 25 weitere Personen werden angezeigt unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, Körperverletzung und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz.

Lesen Sie auch

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 24  Kommentare – mitdiskutieren Artikel empfehlen
24 Kommentare
Artikel kommentieren