Prominente SPDlerin: "München hätte eine Oberbürgermeisterin verdient"

Bei der OB-Wahl in München treten fast nur Männer an. Darüber, wie Frauen in der Politik benachteiligt werden, was sie anders machen und wie sehr sie selbst sich das Oberbürgermeister-Amt wünscht, hat die AZ mit Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) gesprochen.
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Verena Dietl von der SPD ist als Dritte Bürgermeisterin im Rathaus unter anderem für Soziales und Sport zuständig. Sie will auch Frauen fördern.
Verena Dietl von der SPD ist als Dritte Bürgermeisterin im Rathaus unter anderem für Soziales und Sport zuständig. Sie will auch Frauen fördern. © Daniel von Loeper

Die SPDlerin Verena Dietl zog 2008 in den Stadtrat ein. 2020 wurde sie Dritte Bürgermeisterin. Sie ist unter anderem für Soziales und Sport zuständig. Die AZ hat mit der 45-Jährigen darüber gesprochen, wo Frauen in der Politik immer noch benachteiligt werden und ob sie enttäuscht ist, dass sie dieses Mal nicht als OB-Kandidatin antreten darf. 

AZ: Frau Dietl, bei der letzten Wahl waren Dieter Reiters größte Gegner zwei Frauen. Diesmal sind von 13 OB-Kandidaten zwölf Männer. Woran liegt es, dass Frauen diesmal gar keine Rolle spielen?
VERENA DIETL: Parteien entscheiden natürlich selbst, wen sie ins Rennen schicken. Wir spüren aber insgesamt in der Gesellschaft gerade, dass Frauen wieder zurückgedrängt werden. Wir müssen wieder mehr kämpfen – auch für Dinge, von denen wir dachten, wir hätten sie längst erkämpft. Umso wichtiger ist es, dass sich Frauen gegenseitig stärken.

Wie erleben Sie den politischen Betrieb im Rathaus als einzige Frau in der Stadtspitze? Wo haben Frauen noch Nachteile?
Leider sind die Strukturen nicht nur im Rathaus noch so, dass sich Karriere und Familie nicht immer gut vereinbaren lassen, wenn die Kita um 17 Uhr zumacht. Hier im Rathaus hat es sich mittlerweile etwas gebessert. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Perspektive von Frauen in die Politik einfließen zu lassen und sie zu ermutigen, ihre Meinung zu äußern – auch wenn sie mal von einem Mann zurückgedrängt worden sind.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Ihnen weniger zugetraut wurde, weil Sie eine Frau sind?
Frauen müssen immer 200 Prozent geben. Als Frau wird man mehr infrage gestellt, schneller kritisiert. Frauen – und das würde ich für mich auch in Anspruch nehmen – ist wichtig, eine nahbare Politik zu machen und direkt mit den Menschen zu reden. Aber durch diesen anderen Politikstil unterschätzen einen erst mal viele. Ich habe schon öfter gehört, dass über mich gesagt wurde: Kann die richtig auf den Tisch hauen? Ich finde: Die Zeiten, in denen man auf den Tisch haut, sind vorbei. Ich arbeite hier im Rathaus mit runden Tischen, bei denen alle offen reden, ehrlich sein können und es trotzdem Lösungen gibt.

Sie haben selbst zwei Kinder. Wie schwierig war es für Sie, Karriere zu machen?
Mein jüngeres Kind habe ich im August 2019 bekommen. Drei Wochen nach der Geburt hat der damalige Fraktionsvorsitzende die SPD plötzlich verlassen. Ich war seine Stellvertreterin. Für mich war klar, dass ich das Amt übernehme. Aber damals haben schon auch Frauen gesagt: Das geht doch nicht, du hast gerade ein Kind bekommen. Zu einem Mann würde niemand so etwas sagen. Bis heute werde ich mindestens einmal die Woche gefragt: Wer kümmert sich denn um Ihre Kinder? Ich antworte dann ganz trocken: Ja der Papa? Wenn ich es noch schaffe, diese Denkmuster aus den Köpfen zu bekommen, wäre das ein echter Erfolg. Bei unserem ersten Kind hat mein Partner acht Monate Elternzeit genommen. Das war damals immer noch die totale Ausnahme.

"Frauen stellen sich selbst zu sehr infrage" 

Die Entscheidung fällt für viele Paare deshalb so aus, weil Frauen oft schlechter verdienen.
In der öffentlichen Verwaltung zahlen wir gleich. Ich erlebe allerdings oft, dass Frauen zuerst keine Führungspositionen wollen, weil sie sich selbst zu sehr infrage stellen. Männer sagen: Locker kann ich das. Dazu muss man Frauen vielleicht noch mehr motivieren. Wir in der Stadt vergeben auch Führungspositionen in Teilzeit. Daran sollten sich Unternehmen ein Beispiel nehmen.

Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) hat mit der AZ darüber gesprochen, wie Frauen noch immer in der Politik benachteiligt werden.
Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) hat mit der AZ darüber gesprochen, wie Frauen noch immer in der Politik benachteiligt werden. © Daniel Loeper

Lange hieß es, Sie könnten Reiters Nachfolgerin werden. Dann hob Markus Söder die Altersgrenze auf, jetzt tritt Reiter noch mal an. Waren Sie enttäuscht?
Dass darüber diskutiert wurde, dass ich seine Nachfolgerin werden könnte, war naheliegend. Schließlich bin ich die zweite in der SPD-Reihenfolge. Dass Dieter Reiter weitermacht, ist für mich in Ordnung, weil ich in einem Alter bin, in dem ich mir das auch noch später vorstellen kann.

"Ich kann mir eine OB-Kandidatur vorstellen"

Sie wollen also Oberbürgermeisterin werden?
Jetzt steht erst mal die Wahl von Dieter Reiter an. Ich bin überzeugt, dass er wieder Oberbürgermeister wird. Und wenn er nicht mehr will, dann wird die Partei entscheiden, wie es weitergeht. Ich wurde von meiner Partei mit 100 Prozent der Stimmen als sein Ersatz gewählt, die Person, die antritt, falls Dieter Reiter ausfällt. Das ist ein schönes Signal, dass ich Rückhalt habe. Unabhängig davon finde ich, dass München auch mal eine Oberbürgermeisterin verdient hätte. Ich habe immer gesagt, dass ich mir irgendwann eine Kandidatur vorstellen kann.

Wie sehr hat es Sie dann genervt, als Christian Scharpf aus Ingolstadt hierher wechselte, um Wirtschaftsreferent zu werden, und alle Medien schrieben, er sei Reiters Kronprinz?
Vielleicht ist es naheliegend, das so zu interpretieren, weil Christian Scharpf schon mal Oberbürgermeister war. Aber er ist jetzt hier als Wirtschaftsreferent und muss genauso wie wir alle auch erst mal einen guten Job machen. Vielleicht war es auch wieder ein Beispiel dafür, dass Männer mehr Vorschusslorbeeren bekommen.

Braucht es noch eine Frauenquote auf Stadtratslisten und in der Stadtspitze?
Eigentlich wäre es angebracht, dass es eine Quote nicht mehr bräuchte. Ich bin 26 Jahre bei der SPD und wir haben immer mit Quoten gearbeitet. Nicht nur ich musste mir anhören: Sie sind ja nur die Quotenfrau. Das wird dem Können der Frauen nicht gerecht. Aber leider erlebe ich den Alltag so, dass es ohne Quoten nicht funktioniert. Deshalb bin ich stolz, dass meine Partei eine paritätisch besetzte Liste hat. Und habe mich sehr gefreut, dass die OB-Kandidaten sich einig sind, dass es eine Bürgermeisterinnenquote in der Stadtspitze braucht.

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  • SKi vor 50 Minuten / Bewertung:

    Klassischer Fall des Dunning-Kruger-Effekts.

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  • SKi vor 52 Minuten / Bewertung:

    Klassischer Fall des Dunming-Kruger-Effekts.

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  • Witwe Bolte vor einer Stunde / Bewertung:

    Der Reiter-Nachfolger wird höchstwahrscheinlich Christian Scharpf heißen.

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