Interview

Prof. Ulrike Protzer: "Ein negativer Schnelltest ist kein Freifahrtschein"

Corona-Tests, die schon nach kurzer Zeit ein Ergebnis liefern, kommen immer breiter zum Einsatz. Doch wie sicher sind sie wirklich?
| Lisa Marie Albrecht
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Ein Friseurmeister bekommt einen Schnelltest - auch Kunden brauchen den in Bayern.
Ein Friseurmeister bekommt einen Schnelltest - auch Kunden brauchen den in Bayern. © Robert Michael/dpa

München - Die 58-jährige Infektiologin Ulrike Protzer ist Direktorin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München. Sie sitzt im Corona-Expertenrat der Staatsregierung.

Bringen Schnelltests nur eine Scheinsicherheit?

Am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Friseur und nun auch für den Zoobesuch: Schnelltests gelten als wichtige Errungenschaft im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Doch Virologen wie Christian Drosten oder der Münchner Oliver Keppler warnen davor, sich zu sehr darauf zu verlassen.

"Diese Scheinsicherheit kann schädlich sein in der Pandemie", sagte Keppler, Virologe an der LMU, dem BR. Wie aussagekräftig sind die Tests wirklich? Die AZ fragt bei Virologin Ulrike Protzer nach.

AZ: Frau Professor Protzer, wie hoch ist die Zuverlässigkeit von Schnelltests wirklich - und wovon hängt sie ab?
ULRIKE PROTZER: Die Schnelltests haben eine ganz gute Trefferquote, wenn man Symptome hat. Da sprechen sie in über 80 Prozent der Fälle korrekt an. Wenn man sie aber ohne Symptome einsetzt, dann bekommt man deutlich mehr fehlerhafte Befunde. Man übersieht eine von zwei der Infektionen - das heißt, der Test ist falsch negativ und spricht nicht an, obwohl man infiziert ist. Auch falsch positive Ergebnisse sind möglich: Der Test zeigt ein positives Signal an, obwohl man gar nicht positiv ist. Deshalb muss ein positives Ergebnis im Schnelltest auch durch einen PCR-Test bestätigt werden.

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Wie unterscheiden sich Schnelltests in der Apotheke, für zu Hause und PCR-Tests?
Die Schnelltests weisen Eiweißbestandteile des Virus nach, die PCR-Tests das Virusgenom, das bedeutet seine Erbinformation. Da die PCR eine gezielte Amplifikationsmethode ist, ist sie empfindlicher und auch spezifischer als die Schnelltests. Wichtig ist aber natürlich auch, wie gut das Material entnommen ist, das in den Test geht. Deshalb würde man bei einem Test in der Apotheke, bei dem die Probenentnahme und auch die Testdurchführung professionell erfolgt, immer eine höhere Trefferquote erwarten als beim Test zu Hause.

Wie sehr kann ich mich auf Schnelltest-Ergebnisse verlassen - sind sie ein Freifahrtschein?
Da ein Schnelltest ja doch viele Infektionen übersieht, gerade wenn man keine Symptome hat, ist ein negativer Test sicher kein Freifahrschein.

Welche Risiken entstehen durch die Nutzung von Schnelltests im privaten Raum? Besteht die Gefahr einer zu großen Sorglosigkeit?
Das große Risiko ist, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt, wenn man einen negativen Schnelltest hat. Man darf aber nie vergessen, dass der Test ja doch einen erheblichen Teil der Positiven einfach nicht erfasst. Deshalb muss man die Hygieneregeln auf jeden Fall weiter einhalten, egal ob zu Hause oder im öffentlichen Raum.

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Wie sicher sind Schnelltests als mögliche Eintrittskarte - etwa für Restaurantbesuche oder zum Einkaufen?
Positiv betrachtet, erkennen Schnelltests zumindest einen Teil der Infektionen und verringern dadurch die Gefahr, dass jemand, ohne es zu wissen, infiziert in ein Restaurant oder Geschäft geht. Aber eben nur so etwa die Hälfte, die andere Hälfte bleibt unerkannt. Das heißt, wegen der limitierten Treffgenauigkeit kann man sich eben nicht sicher sein.

Was muss auch bei negativem Schnelltest für den Infektionsschutz beachtet werden?
Die Aha- und L-Regeln weiter einhalten (die Abkürzung steht für Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Lüften, d. Red.) - und wenn möglich impfen lassen. Dann ist man auf der sicheren Seite.

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