Olympisches Dorf: Ein Ort für alle Welt

Das Olympische Dorf ist ein Vorzeigeprojekt, was Verkehr und Ökologie betrifft. Heute stellen wir Ihnen die Anfänge der ungewöhnlichen Siedlung vor - mit vielen vergessenen Geschichten.
| Karl Stankiewitz
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Ganz unbemalt sind die Bungalows bei der Einweihung.
imago 7 Ganz unbemalt sind die Bungalows bei der Einweihung.
Schön kompakt - oder doch "Äh, da hätte ich mir mehr Platz vorgestellt?": Frühe Bewohnerin in einem der Bungalows.
imago 7 Schön kompakt - oder doch "Äh, da hätte ich mir mehr Platz vorgestellt?": Frühe Bewohnerin in einem der Bungalows.
Später wie hier im Jahr 1980 wird es bunter.
imago 7 Später wie hier im Jahr 1980 wird es bunter.
Ein Bauarbeiter arbeitet an der Bepflanzung.
imago 7 Ein Bauarbeiter arbeitet an der Bepflanzung.
Party am Tag vor der Eröffnung des Dorfs.
imago/ZUMA Press/Keystone 7 Party am Tag vor der Eröffnung des Dorfs.
Bunte Fassaden im Olydorf.
imago 7 Bunte Fassaden im Olydorf.
Karl Stankiewitz: München 1972
imago 7 Karl Stankiewitz: München 1972

München - Bizarr und felsartig gestaffelt wie die Gebirgslandschaft Oberbayerns hebt sich die Kulisse der Rohbauten des Olympischen Dorfs äußerlich vollständig und äußerst eindrucksvoll vom olympischen Bauplatz am Oberwiesenfeld ab. "Richtungweisend für den Städtebau der Zukunft" soll sich das Doppeldorf seinen temporären Gästen, den späteren Dauermietern und künftigen Besuchern, präsentieren.

Für jeden ist etwas dabei

Von der Appartementwohnung im dreistöckigen Wohnblock bis zum zweigeschossigen Penthouse, vom Luxusbungalow bis zur Vier-Zimmer-Wohnung im 24. Hochgeschoss ist jede Wohnform vertreten, wobei die Terrassenbauweise mit ihrer intensiven Bepflanzungskonzeption der Anlage den besonderen Akzent gibt.

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Der Architekt Erwin Heinle hat mit seinem Konzept einer Wohnstadt die Verbindung von Parklandschaft mit urbaner Dichte angestrebt. Fußgänger- und Fahrverkehr sind konsequent vertikal getrennt durch Anordnung in verschiedenen Ebenen. Das sogenannte Drive-in-Haus ermöglicht es dem Bewohner, unmittelbar von seiner Wohnung per Lift in die unterirdische Parkebene zu fahren.

Wenn das Parkhaus zur "Erlebnislandschaft" wird

Die Fußgängerstraßen sind keine nüchternen Verbindungswege, sie sollen vielmehr durch künstlerische Gestaltung zu einem "Erlebnisraum" werden. Rampen, Treppen, Brücken und Terrassen sollen den Eindruck vermitteln, dass sich die Parklandschaft in den einzelnen Ebenen übereinander bis in die höchsten Ebenen fortsetzt: ein begrüntes Bergland, gebaut aus Betonfertigteilen.

Kaufinteressenten kommen sogar bis aus Amerika

Auch die Musterwohnungen, die Anfang 1972 schon besichtigt werden können, lassen ein neues, urbanes Lebensgefühl aufkommen. Möbel und Wände der Einraumwohnung wechseln in Schwarz und Weiß. Viel Kunststoff wurde verwendet, viel Platz gespart durch raffinierte Anordnungen (zum Beispiel neuntürige Schrankwände, Esstische mit abklappbaren Platten, "Hygiene-Zellen").

In der größeren Musterwohnung, deren Wände mit Blütenstoff bespannt sind, ist der Wohnraum durch eine herausnehmbare Wand für die intensivere Nutzung während der Spiele zweigeteilt.

Schön kompakt - oder doch "Äh, da hätte ich mir mehr Platz vorgestellt?": Frühe Bewohnerin in einem der Bungalows.
Schön kompakt - oder doch "Äh, da hätte ich mir mehr Platz vorgestellt?": Frühe Bewohnerin in einem der Bungalows. © imago

Die optimale Versorgung und Abwechslung sind sichergestellt

Die nähere Umgebung macht das Dorf vollends zu einem Wohnparadies. Angeschlossen an ein Schnellstraßen-, U- und S-Bahn-System, fünf Kilometer von der City Münchens entfernt, findet der Bewohner vor der Haustür die schönsten Sportanlagen der Welt, Spielwiesen und künstliche Hügel, künstliche Seen mit Booten, Boccia- und Rollschuhbahnen, Restaurants, ein Hallenbad und eine Eissporthalle, ein Vergnügungszentrum mit Theater, Kino und ein Ärztezentrum, das neben Allgemeinpraxen die wichtigsten fachärztlichen Disziplinen samt Isotopenlabor aufnehmen soll.

Umweltverschmutzung war gestern

Ganz großgeschrieben wird der Umweltschutz. Durch die Trennung von Wohn-, Spazier-, Fahr- und Vergnügungsbereichen sollen keinerlei Lärmprobleme auftreten. Europas modernste Müllbeseitigungsanlage vermag 47.000 Kubikmeter Abfall pro Jahr pneumatisch wegzuräumen. Auch sollen pro Jahr 32 Millionen Kubikmeter schlechte Luft aus Gebäuden und Tunnelstraßen abgesaugt werden.

Später wie hier im Jahr 1980 wird es bunter.
Später wie hier im Jahr 1980 wird es bunter. © imago

Nachdem sich durch den langen Winter ein gewisser Terminverzug ergeben hatte, konnten die Wohnbauunternehmen unter Federführung der Deba mit ihren 1.450 Arbeitern das Tempo nun derart steigern, dass die Wohnungen im Olympiadorf der Männer (geschätzte Baukosten: 250 Millionen DM) früher als geplant, nämlich ab Oktober 1971, dem Olympischen Komitee übergeben werden. Nicht nur aus dem ganzen Bundesgebiet, sondern bis aus Amerika haben sich Kaufinteressenten gemeldet.

Die neuen Bungalows sind billig und beliebt 

Im Olympiadorf der Frauen, das vom Studentenwerk gebaut und getragen wird, konnten die fertigen Bungalows bereits an 900 Studenten übergeben werden. "Man kommt sich hier fast vor wie in den Ferien", sagt einer der ersten Mieter, ein Zahnmediziner aus Ulm. Die weißen, kubischen Häuser stehen so dicht beieinander wie in einem Dorf am Mittelmeer; sie lassen, da jede der zweistöckigen Wohneinheiten einen breiten Balkon hat, dennoch viel Luft und Sonne herein und ermöglichen Kommunikation von Haus zu Haus.

Party am Tag vor der Eröffnung des Dorfs.
Party am Tag vor der Eröffnung des Dorfs. © imago/ZUMA Press/Keystone

Bei 111 DM Monatsmiete für über 20 Quadratmeter einschließlich Strom und Heizung nehmen die Studenten auch ein paar Unannehmlichkeiten gern in Kauf: Anfangs funktionierte die Heizung nicht, die Betten sind sehr schmal und folglich nicht ganz "sturmfrei", und aufs Fernsehen müssen die jungen Leute vorerst auch verzichten. Das Hauptproblem für die Olympiastudenten aber ist, dass sie spätestens zum 1. März 1972 wieder aus dem Wohnparadies vertrieben werden.

Trennung zwischen Männern und Frauen?

Dann müssen die Appartements, die das Studentenwerk "trotz des Risikos einer unsachgemäßen Nutzung" vorübergehend vergeben hatte, für die Sportlerinnen renoviert werden. Bis dahin wird auch entschieden sein, ob zwischen dem Männer- und dem Frauendorf ein hoher Maschendraht errichtet werden soll - wie es bei allen bisherigen olympischen Dörfern Usus gewesen ist. "Dorfbürgermeister" Walther Tröger will diese Tradition trotz mancher Bedenken und Proteste aufrechterhalten.

Viele Sportlerinnen seien nicht einmal 16 Jahre alt, begründet er, und vor allem die Mädchen aus den arabischen und lateinamerikanischen Ländern müssten vor Belästigungen geschützt werden.

Ein Bauarbeiter arbeitet an der Bepflanzung.
Ein Bauarbeiter arbeitet an der Bepflanzung. © imago

Doch auf den Juristen Tröger warten noch andere Probleme. Sie betreffen vor allem die kulturelle und die gastronomische Betreuung sowie die Unterhaltung der abgekämpften Athleten.

Unterhaltung gibt es en masse 

Eine spätere Volksschule und eine Kindertagesstätte des Dorfes sollen während der olympischen Wochen zum Vergnügungszentrum werden. Ein Dancing-Room mit Bar, der "Bavaria Club", wird die Sportler täglich zum Tanz erwarten. Nachmittags wird sie ein Disc-Jockey und abends die Hazy-Osterwald-Band unterhalten.

Zahlreiche Tischtennis- und fünf Fernsehräume, zwei Säle mit Tischfußball und anderen Sport-Spielautomaten sowie ein Erfrischungs- und Aufenthaltsraum sind im Untergeschoss geplant. Hier wird auch ein Kino mit 200 Plätzen eingerichtet. Nach den Spielen wird es tagsüber ein Schulkino, abends als kommunales Lichtspielhaus der Bevölkerung dieses neuen Stadtteils dienen.

Gegessen wird nach Schichtplan bis zwei Uhr nachts

Etwa 200 Plätze erhält auch ein Theater, das im Turnhallenbereich der Schule errichtet wird. Hier können die Sportler selbst mit Folklore aus ihrer Heimat auftreten. Selbstverständlich gibt es auch Lese- und Schallplattenräume mit aktuellen Angeboten aus aller Welt. Weiträumige Terrassen werden die beiden Gebäudekomplexe mit ausgedehnten Grünanlagen verbinden. Auch ein Minigolfkurs wird dort angelegt.

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Im Verpflegungszentrum des Dorfes wird indes eine der modernsten und größten Küchen der Welt eingerichtet. Da 2.700 Sitzplätze vorhanden sind, werden die Sportler in fünf Schichten, von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts, zu Tisch gebeten. Der Küchenzettel liegt schon für jeden Tag fest, auch die Gesamtmengen der eiweiß- und vitaminreichen Lebensmittel sind bekannt.

Die Internationalität ist geblieben

Das Olympische Dorf wird nach Einzug der Athleten und in den folgenden 50 Jahren noch viele Probleme bereiten, von denen das Eindringen von arabischen Terroristen über den Zaun das weitaus schlimmste war. In einem ist sich das Dorf aber treu geblieben: Heute leben hier immer noch viele Menschen ohne deutschen Pass, davon viele Studenten: Das Olympische Dorf ist international geblieben.

Karl Stankiewitz: München 72, Allitera-Verlag, 25 Euro

Karl Stankiewitz: München 1972
Karl Stankiewitz: München 1972 © imago
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