Zur Wiesn: Neun kuriose Geschichten, die kaum jemand kennt
Das Warten hat ein Ende. Diesen Samstag heißt’s "Ozapft is!" auf der 191. Wiesn! Vieles ist passiert in der langen Wiesn-Historie, das einen staunen lässt – wie diese neun Geschichten: mal garantiert wahr und doch weitgehend unbekannt, mal eher ein Mythos mit vielleicht einem Funken Wahrheit.
1. Aus grobem Unfug wird gute Tradition
Der traditionelle Wiesnwirte-Einzug gilt jedes Jahr als große Attraktion. Doch würde er wirklich so richtig traditionell ablaufen, müsste er von der Polizei sofort gestoppt werden! Anno 1887 hatte der als "Bayerischer Herkules" bekannte Wirt Steyrer Hans die (Werbe-)Idee, Bierfässer, Familie und Personal auf Pferdegespannen zu platzieren und samt Kapelle von seinem Gasthaus in Giesing Richtung Wiesn zu ziehen. Im Tal stoppte die Polizei den Zug. Wegen "groben Unfugs" gab’s noch eine Geldstrafe, was den Wiesnwirt aber nicht abhielt, im Jahr drauf wieder loszuziehen. Es folgte der zweite Strafbefehl – und mit den Jahren wurde aus der originellen Idee des Steyrer Hans der Wirte-Einzug am Eröffnungstag.
2. Das "spontan" geplante Anzapf-Ritual
Die Tradition des Anzapfens wurde 1950 begründet. Laut einer gern kolportierten Legende soll der damalige Münchner OB Thomas Wimmer beim Wirte-Einzug seine Kutsche verpasst haben. Wiesnwirt Michael Schottenhamel ließ Wimmer in seine einsteigen. "Ganz spontan" soll Schottenhamel den OB gefragt haben, ob er nicht auch in dessen Zelt anzapfen mag. So zumindest die Legende, die sich hartnäckig hält. Die Wahrheit ist nicht ganz so blumig: Es war nämlich alles akkurat geplant. Schon eine Woche vor Wiesn-Start berichtete die "SZ" vom geplanten Anzapfen durch Wimmer. Und noch eins: Wimmer hatte 1950 keine Kutsche verpasst (das passierte tatsächlich erst im Jahr 1957). 1950 kam er zu Fuß vom Messegelände, wo er um 11 Uhr eine Elektromesse eröffnet hatte, übellaunig und mit Zigarre den Hügel hinunter auf die Wiesn gestapft.
3. Beliebter OB mit Negativ-Rekord
Fest steht: Münchens erster anzapfender Oberbürgermeister geht auch als Rekord-Anzapfer in die Wiesn-Annalen ein – im negativen Sinn! Am 16. September 1950 brauchte der beliebte Wimmer Dammerl unglaubliche 17 Schläge, bis das Wiesnbier floss.

4. Albert Einstein als Hilfselektriker
Hartnäckig hält sich diese geradezu geniale Wiesn-Geschichte: 1896 kümmerte sich die elektrotechnische Firma J. Einstein & Cie. in Wiesnzelten um die Beleuchtung. Der Neffe des Firmenchefs soll fleißig mitgeholfen haben: ein 17-jähriger Gymnasiast namens Albert Einstein. Der Legende nach hat der spätere Physik-Nobelpreisträger als Hilfselektriker gejobbt.
5. Kolossalmädchen und Eisbären
Elsa wog 380 Pfund, Elvira 420. Bertha 450. Das Trio war einst ein Besuchermagnet auf der Wiesn, angepriesen als "Die drei dicksten Kolossalmädchen". Heute unvorstellbar, doch es gab eine Zeit, in der es vor allem darum ging, vermeintlich "Exotisches" zu bieten. "Menschenwunder" wie "Lionel, der Löwenmensch" oder die "Dame ohne Unterleib" zogen das Publikum Ende des 19. und besonders Anfang des 20. Jahrhunderts magisch an. Auch Tiere wurden präsentiert: Schlangen, Delphine, Affen oder Eisbären.

6. Brüllverbot und Gitter für den Löwen
Nur vermeintlich lebendig ist der berühmte Löwe über dem Haupteingang des Löwenbräuzelts. 1949 war sein "Löööwenbroi"-Ruf erstmals zu hören. Die Besucher jubelten. Die anderen Wiesnwirte protestierten gegen die "akustische Brauerei-Reklame" und konnten kurz darauf tatsächlich ein Brüllverbot erwirken. Wirt und Brauerei reagierten mit Humor: Der Löwe bekam ein Papp-Schloss vor sein Maul gehängt und eine Art Gitterkäfig. Wie im Foyer des Museums der Bayerischen Geschichte in Regensburg zu lesen ist, durfte der Löwe erst 1953 wieder brüllen – und das tut er bis heute.
7. Hungerkünstler sorgt für eine Massenschlägerei
1904 kam es wegen des "Hungerkünstlers" Riccardo Sacco zu einer Massenschlägerei. 15 Tage wollte er ohne Nahrung in einem gläsernen "Hungerturm" ausharren. Doch an Tag drei glaubten die Wiesn-Besucher, die für einen Blick auf Sacco zahlen mussten, an einen Schwindel – und es kam zu Tumulten. Schutzleute mit Säbeln konnten die Massen kaum stoppen. Sacco wurde unter Polizeischutz von der Wiesn gebracht.
8. Paulaner-Bier im Hofbräuzelt
Dass das Bier auf dem Oktoberfest ausgehen kann, mag man kaum glauben, doch 1981 musste im Hofbräuzelt beinahe mal der Biernotstand ausgerufen werden. An einem Abend schlugen die Schankkellner Alarm. Wirt Günter Steinberg machte sich gleich auf zu seinem damaligen Zeltnachbarn, zum unvergessenen "Wirte-Napoleon" Richard Süßmeier. Dieser gab bereitwillig mehrere Fässer her, die dann von seinem Zelt zum Nachbarn hinübergerollt wurden. Nicht bekannt ist, ob die Gäste gemerkt haben, dass für ein paar Stunden Paulaner-Bier im Hofbräuzelt floss.
9. Als man Hendl noch roh mitbrachte
Geld hatten sie oft nur wenig, doch auf dem Hof gab’s meist genügend Federvieh. Also nahmen viele Bauernfamilien anno dazumal zum Wiesn-Besuch ein frisch geschlachtetes Huhn mit. Dieses gaben sie im Festzelt in der Küche ab, um es dort grillen zu lassen. Manchmal wurde dafür eine kleine Gebühr verlangt. Oft war der Grillservice, den es bis etwa 1950 gab, sogar kostenlos. Mit dem Lohngrillverfahren lockten die Wirte die Bauern quasi ins Zelt. Verdient haben sie schon damals tüchtig am Bier.
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