"Viele Erwachsene sind schockiert": So verdient ein 18-Jähriger sein Geld auf der Wiesn

Wenn die Oktoberfest-Besucher nach Hause gehen, fängt ein 18-Jähriger erst an zu arbeiten. Er ist Putzmann – was er dabei nachts erlebt.
Eva von Steinburg |
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Oskar Pedersen kehrt zuerst.
Oskar Pedersen kehrt zuerst. © Sigi Müller

Seine Freunde jobben bei Edeka an der Kasse. Dieser 18-Jährige ist Putzmann – im Hauptberuf. "Viele Erwachsene sind schockiert, dass ich mit Reinigen mein Geld verdiene", sagt Oskar Pedersen aus Thalkirchen.

Am Tag seines 18. Geburtstags packte er keine Geschenke aus, sondern fuhr ins KVR – um ein Gewerbe anzumelden. "Es war mein Traum, selbstständig zu arbeiten – ohne Chef", so der junge Münchner. Unter dem Paulaner-Turm auf der Wiesn fegt er jede Nacht eine Souvenirbude und reinigt einen Bratwurststand.

Nachts im Stand: Mit der Spachtel kratzt der 18-Jährige eine riesige Pfanne sauber.
Nachts im Stand: Mit der Spachtel kratzt der 18-Jährige eine riesige Pfanne sauber. © Sigi Müller

Job auf dem Oktoberfest: "Das ist harte Arbeit"

Oskar Pedersen kratzt mit der Spachtel in einer riesigen gusseisernen Pfanne die Vier-Millimeter-Schicht schwarz eingebrannten Wurstfetts ab. "Das ist harte Arbeit und dauert fast 30 Minuten", meint Oskar. "Aber hey, ich fühle mich gut!"

Für Boden, Wände und die Arbeitsflächen aus Metall hat er Profi-Reinigungsmittel, wie alkalischen Fettlöser. Zehn Küchenrollen verbraucht der Putzmann pro Nacht.

Standbetreiber Christian Schöttl mit dem Reinigungs-Beauftragten und CSU-Stadtrat Kriesel an der Bude.
Standbetreiber Christian Schöttl mit dem Reinigungs-Beauftragten und CSU-Stadtrat Kriesel an der Bude. © Sigi Müller

Standbetreiber Christian Schöttl (48), der für seine Steak-Semmeln mit Fleisch von Metzger Magnus Bauch bekannt ist, sagt: "Der Junge ist fleißig. Nach Zeltschluss bleibe ich noch vor Ort, bis der erste Trouble durch ist", so der Narrhalla-Faschingsprinz von 2016.

Putzen von 23.30 Uhr bis 3 Uhr nachts

Oskars Putz-Job beginnt gegen 23.30 Uhr und dauert bis 3 Uhr nachts. Wenn die letzte Wurst verkauft oder verschenkt ist, klappt ein Mitarbeiter den Holz-Stand zu – und schraubt extra die Klappe fest.

Dienstbeginn für Oskar: Er trägt einen Maßkrug zum Paulaner-Eingang. Danach weicht er mit Wasser aus dem Schlauch Schmodder vor dem Bratwurst-Stand auf – um hart eingetretene Pommes mit Ketchup- und Mayo-Resten, viele weiße Servietten, Zigarettenstummel – und ekligere Hinterlassenschaften in die Mitte der Straße zu spritzen – auf der Lkw der Stadtreinigung fahren.

Ein Betrunkener macht sich den Haarschopf nass.
Ein Betrunkener macht sich den Haarschopf nass. © Sigi Müller

Betrunkenen hilft der junge Putzmann

Ein betrunkener Wiesn-Gast will sich am frischen Wasserstrahl die Hände waschen. Oskar gibt nach. Der Mann macht seinen Haarschopf nass, erfrischt das rote Gesicht: "It’s very good!", sagt er und wankt weiter. Oskar erzählt: "Mitten in der Nacht wusste ein Italiener nicht mehr, wie sein Hotel heißt. Das Handy war leer. In der Bude habe ich es geladen, damit er in sein Zimmer findet", sagt Oskar.

Der 18-jährige Wiesn-Putzmann Oskar Pedersen reinigt nach Zeltschluss akribisch den Bratwurststand – damit zur nächsten Schicht alles wieder glänzt.
Der 18-jährige Wiesn-Putzmann Oskar Pedersen reinigt nach Zeltschluss akribisch den Bratwurststand – damit zur nächsten Schicht alles wieder glänzt. © Sigi Müller

Wenn er innen putzt, schließt er die Türe, macht sich unsichtbar. Während er schrubbt und altes Öl in Kanister siebt (für die Verwertung als Biodiesel), hört er Lachen, Schreie, Pfiffe, das Klirren von Glasscherben. Auch Gepolter und Gebumper: "Paare lehnen sich hier an die Bretterwand, knutschen oder sonst was", so Oskar: "Ich höre laut Deutschrap und arbeite weiter!"

Ein junger Putzmann: Oskar Pedersen (18).
Ein junger Putzmann: Oskar Pedersen (18). © Sigi Müller

Alles muss fettfrei sein: "Das ist krass, auch die Stand-Deko." Dafür muss der Reinigungs-Beauftragte vieles zweimal abwischen. "Ich sorge dafür, dass alles passt", sagt Oskar.

Gartenschlauch im Einsatz, daneben posiert ein Pärchen für die AZ.
Gartenschlauch im Einsatz, daneben posiert ein Pärchen für die AZ. © Sigi Müller

Der junge Firmengründer wohnt noch bei den Eltern

Der Münchner erzählt: "Vor diesem Job lag ich um drei Uhr nachts in meinem Bett." Denn der junge Inhaber von "Pedersen Objektservice", den er im Mai gründete, wohnt noch bei seinen Eltern.

An den privaten Neuhof-Schulen hat er seinen Realschulabschluss gemacht. Eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel bei Lodenfrey hat er abgebrochen. "Meine Eltern fanden es nicht lustig, als ich ankam: Ich putze jetzt."

Der Bratwurst-Stand unter dem Paulaner-Turm.
Der Bratwurst-Stand unter dem Paulaner-Turm. © Sigi Müller

Putzen als Marktlücke

Als Praktikant beim Hausmeisterdienst hat er verstanden: Putzen ist eine Marktlücke. "Scheiß-Jobs sind scheiße gut bezahlt, wenn man es richtig macht", so der 18-Jährige. Und: "Fürs Putzen kann man Preise wie Handwerker verlangen." Wenn nicht Oktoberfest ist, wischt er Treppenhäuser, übernimmt Hausmeisterdienste. Ein Kindergarten ist Neukunde.

Der Hangover-Turm. Hier ist in der ersten Wiesn-Woche ein Mitarbeiter gestorben.
Der Hangover-Turm. Hier ist in der ersten Wiesn-Woche ein Mitarbeiter gestorben. © Sigi Müller

Hangover-Unfall: Ich habe die Trauer gespürt

Gegenüber gab es den Unfall am Hangover-Turm. Ein Riesenaufgebot mit 30 Polizisten, Krankenwagen, Absperrung. "Unter den Schaustellern sprach sich herum, dass der Unfall tödlich war. Ich habe die Trauer gespürt", meint Oskar. Er überlegte, eine Kerze aufzustellen. "Schade, dass kein Ausdruck der Trauer am Fahrgeschäft möglich war. Wenn ein Volksfest-Mitarbeiter an dem Ort stirbt, wo alle feiern und Spaß haben wollen, dann ist das schwierig", sagt Pedersen nachdenklich.

Dürfen das Zelt eigentlich nicht verlassen: die Bierkrüge. Trotzdem nehmen Gäste immer wieder welche heimlich mit nach draußen.
Dürfen das Zelt eigentlich nicht verlassen: die Bierkrüge. Trotzdem nehmen Gäste immer wieder welche heimlich mit nach draußen. © Sigi Müller

Mitarbeiter-Privileg: Man kommt in jedes Bierzelt

Der junge Putzmann trinkt auf der Wiesn Fanta, kein Bier. Aus Neugier, einfach zum Schauen, war er schon in jedem Zelt. Ein Privileg: Mit Mitarbeiterausweis kommt er immer rein.

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