Schwelgen in Erinnerungen: Die Bräurosl voller schwuler Männer

Die Wiesn ist nicht nur hetero: Seit Jahrzehnten feiern Homosexuelle ihren Gay Sunday auf dem Oktoberfest. In der AZ schwärmen Männer der ersten Stunde von einem Stück Münchner Tradition - das ihnen heuer schmerzlich fehlt.
| Helena Ott
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Blick in die Bräurosl 1995: Euphorische Gäste - und mancher hat schon nicht mehr ganz so viel an.
Blick in die Bräurosl 1995: Euphorische Gäste - und mancher hat schon nicht mehr ganz so viel an. © MLC

München - In diesen Wochen können Wiesn-Fans gar nicht genügend klagen, welche Traditionen das ausfallende Fest mit in den Abgrund reißt.

Aber was Gelegenheitswiesnbesucher vielleicht nicht wissen: An einem Wiesn-Sonntag fand in der Bräurosl seit Jahrzehnten eines der größten Feste im Kalender der Münchner Schwulen-Szene statt. 10.000 Menschen feierten in den vergangenen Jahren beim "Gay Sunday" in Boxen, auf Balkonen und an den Biertischen vor und hinter der Band. Schon seit den 90er Jahren feiern viele mit: Lesben, Heteros und Transpersonen.

Eine kleine Zusammenkunft wurde zum großen Gay Sunday

Geboren war der Gay Sunday, zu dem mittlerweile Homo-, Bi- und Transsexuelle aus der ganzen Welt anreisen, als kleine Zusammenkunft von Münchner Fetischliebhabern.

In den 70er Jahren hatte der "Münchner Löwen Club" MLC (vormals "Münchner Leder Club") begonnen, erst zehn, dann 20 Tische und später einen ganzen Balkon für fetischbegeisterte schwule Männer aus München, Deutschland und anderen Fetischgruppen aus dem Ausland zu reservieren. Heute betreibt der "Münchner Löwen Club" im Stadtgebiet einen Undergroundclub und ist in großer Formation auf dem Christopher Street Day vertreten.

Auf die Szene: OB Dieter Reiter mit einer Drag Queen.
Auf die Szene: OB Dieter Reiter mit einer Drag Queen. © Daniel von Loeper

Der Dresscode wandelt sich

Beim Gay Sunday feierten jedes Jahr schwule Männer und später auch Lesben, Heteros und Transpersonen in Zivil, verkleidet als Dragqueens und in Tracht. Aber der Balkon blieb immer männlichen Fetischanhängern vorbehalten. Dort wandelte sich der Dresscode im Lauf der Jahre. Von schwarzer Bikermode bis zu unterschiedlichsten Fetischoutfits aus Lack, Leder und Gummi. Später öffneten sich die MLC-Mitglieder auf dem Balkon auch für die bayerische Tracht.

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"Es ist eines der größten und eines der ungewöhnlichsten Events der Münchner Schwulen-, Lesben- und Trans-Community", sagt Christopher Knoll, Psychologe und Leiter der Beratungsstelle des "Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums Sub".

Ein Besuch des Gay Sunday schmückt

Ungewöhnlich und gleichzeitig so etabliert, dass einst Christian Ude (SPD) eine Begrüßungsrede hielt und das Orchester dirigierte - und sein OB-Nachfolger Dieter Reiter diese Tradition ganz selbstverständlich übernahm. Auf den Fotos von vergangenen Gay Sundays sind dazu erstaunlich viele Politiker zu sehen. Inzwischen schmückt ein Besuch hier offenbar. Einer, der sich nicht schmücken muss, sondern schon seit den 80ern selbstverständlich dabei ist, ist Thomas Niederbühl, der Rosa-Liste-Stadtrat. "Es gibt keinen anderen Tag in keinem anderen Zelt, an dem so unaggressiv und harmlos gefeiert wird, wie am Gay Sunday", sagt er. Mittlerweile sei der Sonntag in der Bräurosl ein echter Geheimtipp unter Frauen, die nicht belästigt werden wollen.

Besucher beim Gay Sunday.
Besucher beim Gay Sunday. © Daniel von Loeper

Auch die Wirtsfamilie Heide sei froh gewesen, dass sie den Gay Sunday über die Jahre beheimaten durfte. "Wenn wir da waren, brauchten die nur die Hälfte der Sicherheitskräfte", sagt Reinhard Maltusch.

Wiesn-Absage trifft MLC hart

Maltusch ist mittlerweile das zweitälteste Fetischvereinsmitglied der Münchner Löwen. Der 80-Jährige hat damals den ersten Vertrag über die Reservierung des gesamten Balkons für die Fetischszene mit Wirt Willi Heide unterzeichnet. Der Ausfall der Wiesn hat den MLC-Verein hart getroffen. Es sei nicht nur ein Schlag für die Fetisch-Szene, sondern auch für die Sichtbarkeit der gesamten LGTBQI-Community, heißt es aus dem Verein.

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Manfred Stevenhagen: "Ein Familienfest"

Manfred Stavenhagen.
Manfred Stavenhagen. © privat

Manfred Stavenhagen (76), Gründer des "Münchner Leder Club" 1974: "Die ersten Jahre hatten wir nur ein paar Tische für schwule Freunde in anderen Zelten angemietet. Schon damals besuchten uns zur Wiesnzeit Fetischvereine aus Dänemark, Finnland und Amerika. Beim ersten Treffen habe ich lange schwarze Lederhose und Lederweste getragen. Als der Gay Sunday richtig groß wurde, in den 80er Jahren, haben sich die Amis manchmal so besoffen, dass ich mich echt geschämt habe. Deshalb habe ich dann auch einen gemeinsamen Brunch vor dem Wiesnbesuch eingeführt. Dass die Jungs eine ordentliche Grundlage haben. Gerüchte, dass es oben auf dem Balkon auch Sex gegeben hat, kann ich nicht dementieren. Es ist wie überall, wo Menschen und Alkohol zusammen sind. Dass daraus ein so etabliertes Fest geworden ist, macht mich stolz. Gerade wir Schwulen brauchen Zusammenkünfte. Die meisten von uns haben keine Familie. Unsere Freunde sind Familie."

Thomas Niederbühl: "Heterosexualität löst sich im Alkohol auf"

Thomas Niederbühl.
Thomas Niederbühl. © privat

Thomas Niederbühl (59) LGTBQI-Aktivist und Münchner Stadtrat: "Als ich das erste Mal auf der Wiesn war, wollte ich eine Cola bestellen. Da sagte die Bedienung zu mir 'Wir sind hier nicht in der Milchstubn', damals gab es ja wirklich noch keine antialkoholischen Getränke in den Zelten. Der MLC hat die Wiesn für die Schwulenbewegung gekapert und heute ist es einfach ein Riesen-Fest für die ganze LGTBQI-Community. Manche Heteros, die an dem Tag ins Zelt kommen, wissen vielleicht gar nicht, wo sie gelandet sind, aber freuen sich über die gute Stimmung. Und unter Schwulen gibt es den Spruch: Heterosexualität löst sich im Alkohol auf. Das gute Miteinander ist einmalig, vom bürgerlichen schwulen Paar, bis zu verrückten Fetisch-Typen, und Heteros feiern da alle friedlich zusammen. Es ist ein Event, an dem wir akzeptiert sind und einfach Spaß haben können. Deshalb ist es auch ein politisches Signal, auch wenn der MLC keine politischen Ziele verfolgt. In München ist es neben dem Christopher Street Day eines der Events im Jahreskalender der Szene."

Reinhard Maltusch: Es flogen Krüge

Reinhard Maltusch.
Reinhard Maltusch. © privat

Reinhard Maltusch (80) hat vor etwa 35 Jahren das erste Mal den Balkon der Bräurosl reserviert: "Gay Sunday hieß das Ding erst später, am Anfang war es nur ein Treffen unseres Clubs. Im Armbrustschützenzelt hatten wir so 30 Tische, aber da ist auch mal ein Aschenbecher oder Krug auf uns geflogen. Wir haben uns nicht abschrecken lassen. Der Dresscode war am Anfang ganz klar schwarzes Leder, also so eine Art Motorradbekleidung. Später war dann auch bayerische Tracht auf dem Balkon erlaubt. Ich glaube, das war so Ende der 90er Jahre, dass sich dann das komplette Zelt mit Schwulen gefüllt hat. Zu der Zeit kamen auch immer mehr Frauen dazu. Nur auf dem Balkon, ist es bis heute strikt maskulin. Die Wirtsfamilie Heide hat wegen uns den Balkon immer wieder vergrößert und sogar Sanitäranlagen nach oben gebaut. Wir sind dann aus Treuegründen auch immer in der Bräurosl geblieben. Normal mache ich den Kartenabreißer für den Balkon, da lernt man irre viele Leute kennen."

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