"Finde ich problematisch": Münchner Rikschafahrer redet Klartext über Preise

Auf der Wiesn wird viel Geld ausgegeben. Thomas Schiedeck erinnert sich besonders gern an einen Fahrgast aus dem vergangenen Jahr, der davon kaum noch welches hatte. Der junge Mann saß nach dem Bierzeltbesuch leicht angeheitert an einer Bushaltestelle und wartete auf einen Bus, der dort zu dieser Stunde gar nicht mehr fuhr. Die nächste Haltestelle war weit entfernt, zum Hauptbahnhof musste er trotzdem – und vom Handgeld waren gerade noch vier Euro übrig. "Is wurscht", sagte Schiedeck. "Dann gibst mir halt die vier Euro." Am Bahnhof tauschten sie ihre Kontaktdaten aus. Aus einer zufälligen Begegnung wurde eine Freundschaft.
Die Wiesn-Zeit ist etwas Besonderes
Seit 20 Jahren fährt Schiedeck, Jahrgang 1963, Rikscha. Natürlich muss er damit Geld verdienen. Gleichzeitig mag er an seinem Beruf die Begegnungen, die sich unterwegs ergeben – gerade rund ums Oktoberfest, wo zwischen ausgelassener Stimmung und einem leicht orientierungslosen Heimweg manchmal nur ein oder zwei Maß liegen. "Ich merk oft schnell, wenn jemand Hilfe braucht. Gerade nach Veranstaltungen mit viel Alkohol überschätzen sich manche Menschen. Dann schau ich genauer hin. In solchen Fällen geht’s mir nicht nur ums Geldverdienen."
Auch Rikscha-Fahrer haben ihre Eigenheiten
Schiedeck erzählt das mit Überzeugung. Wer lange genug in einem Gewerbe arbeitet, entwickelt seine eigenen Vorstellungen davon, wie es darin zugehen sollte. Das bedeutet nicht, dass er glaubt, immer recht zu haben oder eigenständig jede Situation mustergültig lösen zu können. Auch er ist Teil einer eigenwilligen Branche, in der unterschiedliche Charaktere, Geschäftsmodelle und Auffassungen täglich aufeinandertreffen.
Besonders kritisch sieht er hohe Preise, riskante Fahrweisen und den Umgang mit Absprachen unter den Fahrern. Dabei handelt es sich um seine Erfahrungen und Beobachtungen – andere Rikschafahrer mögen manches anders beurteilen. Für Schiedeck jedenfalls sind ein vorher verständlich vereinbarter Betrag und ein sicherer Transport die Grundlage seines Geschäfts.
Wie viel eine Fahrt zur Wiesn kosten sollte
"Es gehören immer zwei dazu. Aber wenn für eine Fahrt vom Bavaria-Ausgang zu einem 1,2 Kilometer entfernten Hotel 150 Euro aufgerufen werden, finde ich das problematisch. Wer eine Rikscha nimmt, sollte sich deshalb vorher nach Strecke und Preis erkundigen." Als persönliche Orientierung nennt Schiedeck für die Strecke vom Hauptbahnhof zur Wiesn tagsüber etwa 15 bis 18 Euro, nachts zurück ungefähr 20 bis 25 Euro. Das sind ausdrücklich seine Richtwerte und keine verbindlichen Tarife.
Rikschafahrer sind selbstständig und bestimmen ihre Preise selbst. Auch Besetzung, Uhrzeit und Aufwand spielen eine Rolle – drei gestandene Mannsbilder wollen schließlich erst einmal bewegt werden. Gerade deshalb hält er es für sinnvoll, vor der Fahrt möglichst eindeutig zu vereinbaren, wie viel bezahlt wird. Dabei weiß auch er, dass sich über die Frage, was eine Rikschafahrt kosten darf, trefflich streiten lässt. Angebot, Nachfrage und eine volle Wiesn haben schon manche Preisvorstellung beflügelt.
Schiedeck transportierte ursprünglich Bücher
Dass Schiedeck gern etwas bewahrt, statt es kurzfristig zu verbrauchen, hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun. Er wuchs in Waldperlach in einer traditionellen Buchbinderfamilie auf und fuhr mit seinem Dreigangrad täglich zur Lehrstelle am Ostbahnhof. Schon als Halbwüchsiger kannte er allerlei Münchner Schleichwege. Nach der überwiegend stehenden Tätigkeit war das Radlfahren ein entspannender Ausgleich für Rücken, Beine und Füße. Die Bücher transportierte er seinerzeit in Fischkisten, sorgsam durch Pappen getrennt; die Buchbinderei seiner Familie wird bis heute von seiner Cousine weitergeführt. Ein gedrucktes Buch ist für Schiedeck etwas, das bleibt, dessen Verfasser erkennbar ist und dessen Quellen sich im besten Fall nachvollziehen lassen.
Die Begeisterung für Rikschas entstand in der Hauptstadt
Seine entscheidende Begegnung mit der Rikscha hatte der Münchner ausgerechnet in Berlin. Nach einem langen Tag zu Fuß nahm ihn ein Fahrer namens Willi mit auf eine Stadtführung. Schiedeck, selbst nicht der Leichteste, sorgte sich zunächst, ob Fahrer und Fahrzeug mit seinem Gewicht zurechtkämen. Die Sorge erwies sich als unbegründet, die Begeisterung als dauerhaft. Zurück in München beschäftigte er sich lange mit der Frage, woher er so ein Gefährt bekommen könnte, und wurde nach einigen Monaten fündig.
2006 ersteigerte er ein unmontiertes Modell, das er sich im milden Winter über eine Möbelfirma, die eigentlich Strandkörbe importierte, aus China liefern ließ. Im Frühjahr begann der knifflige Zusammenbau. Mit Transport, Einfuhr und Zoll kostete diese allererste Rikscha (ohne Motor, mit nur einem Gang) zunächst etwa 450 Euro. Nach den notwendigen Verbesserungen und reichlich eigener Arbeit waren daraus rasch rund 2000 Euro geworden. Seine Begeisterung machte Schiedeck schließlich zum Beruf, der sich auf der Wiesn täglich unter erschwerten Bedingungen erproben lässt, weil dort müde Füße, große Gefühle, wirtschaftliche Interessen und mitunter recht gewagte Vorstellungen bezüglich der eigenen Standfestigkeit aufeinandertreffen. "Ich bewundere Menschen, die mit Humor, Zuneigung und Leidenschaft für eine Sache kämpfen. Mir geht es bis heute vor allem darum, zufriedene Kunden zu haben."
Sicherheit ist oberste Priorität
Mitten durch dichte Menschenansammlungen fährt Schiedeck ungern, weil angetrunkene Passanten von Zeit zu Zeit aus Übermut an die Rikscha greifen, Spiegel umbiegen, an Bauteilen ziehen oder hineinklettern. Was als Scherz gemeint ist, kann durchaus gefährlich werden. Mit leerem Fahrzeug lässt sich noch vergleichsweise leicht ausweichen, mit Fahrgästen an Bord braucht es umso mehr Abstand, Aufmerksamkeit und Geduld. Kritisch beobachtet Schiedeck auch das Verhalten mancher Kollegen. Er berichtet etwa von Rotlichtverstößen und Rikschas, die aus seiner Sicht zu schnell unterwegs sind. Gerade bei mehreren Fahrgästen hält er hohe Geschwindigkeiten für riskant: Die Sicherheit der Menschen spielt für ihn die größte Rolle. Dass er selbst nach zwanzig Jahren Rikscha nicht vor Fehlentscheidungen gefeit ist, versteht sich dabei eigentlich von selbst.
"Viel mehr Aufwand, als man vom Fahrgastsitz aus erkennt"
Auch über die Zufahrt zur Wiesn wird unter den Fahrern diskutiert. Nach Schiedecks Darstellung besteht die Absprache, dass Taxis und Rikschas den Sperrring erst ab ein Uhr nachts befahren sollen. Seiner Beobachtung nach hält sich allerdings nicht jeder daran; manche suchen dort schon vorher nach Kundschaft. Gerade dieser Streit zeigt, wie unterschiedlich Interessen in einem weitgehend selbstständig organisierten Gewerbe sein können. Was der eine für Kollegialität hält, empfindet der andere womöglich als unnötige Einschränkung. Standplätze, Zufahrten und Fragen der Verkehrssicherheit müssten aus Schiedecks Sicht gemeinsam mit der Stadt geklärt werden. "Hinter unserer gemütlich wirkenden Tätigkeit steckt viel mehr Aufwand, als man vom Fahrgastsitz aus erkennt."
So hält Schiedeck seine Rikschas in Schuss
Schiedeck besitzt mehrere Rikschas und fährt auch bei Hochzeiten, auf dem Tollwood und bei verschiedenen Herbst- und Volksfesten. Während der Wiesn wird bereits die Suche nach einem nahen, abschließbaren und überdachten Stellplatz zur kleinen Odyssee. Auch die Technik besteht zu großen Teilen aus Handarbeit. Ein geeigneter Motorumbau kann hohe Summen kosten, weil es gerade für chinesische Rikschas kaum fertige Standardlösungen gibt und man auch Wartung und Reparaturen einkalkulieren muss. Schiedeck hält immer Bremsklötze, Reifen, Schläuche, Felgenbänder, Speichen und Kleinteile bereit. Beim Fahren selbst setzt er auf eine möglichst ruhige Art: vorausschauend fahren, sanft beschleunigen und langsam bremsen. Das verlängert die Akkulaufzeit und verringert den Verschleiß. "Die Fahrgäste schätzen es, wenn du nicht so hektisch, Wilde-Maus-mäßig zack um die Ecke fährst. Für Leute, die das möchten, gibt es schließlich die echten Achterbahnen auf der Wiesn."
Die Begegnung mit Menschen macht die Faszination aus
Nach dem Besuch von Fahrgeschäften und Festzelten können Menschen, die einem den Heimweg versüßen, einen Wiesnbesuch wunderbar abrunden. Thomas Schiedeck gehört zu jener Sorte, die lieber etwas repariert als wegwirft und auch einmal einem Fremden hilft, ohne zuerst nach dem möglichen Verdienst zu fragen. Dass er seine Eigenheiten hat, Fehler macht und mit seinen Ansichten nicht immer richtig liegen muss, gehört dazu. Der Wert einer solchen Begegnung zeigt sich womöglich weniger an der Geschwindigkeit, mit der man vorankommt, als an der Selbstverständlichkeit, mit der man andere ein Stück ihres Weges trägt.