Panik im Wiesn-Gedränge: Mit der Polizei auf der Suche nach einem Kind (11)
Panisch jagt ihr Blick umher: Wurfbuden, Fahrgeschäfte, Menschenmassen und wieder zurück. Zwischen all dem Getümmel hat sie ihr Kind aus den Augen verloren. Jetzt ist das elfjährige Mädchen verschwunden, zusammen mit seiner Freundin – auf dem größten Volksfest der Welt, dem Oktoberfest.
Für genau diesen Fall haben die drei eigentlich einen Treffpunkt ausgemacht, doch dort sind die beiden Mädchen nicht aufgetaucht. Eltern können sich an dieser Stelle wohl nur zu gut vorstellen, welche Gedanken die Frau nun quälen müssen: Was soll ich tun? Wo soll ich suchen? Was, wenn den beiden etwas passiert ist?
Mitten im Wiesn-Getümmel auf Streife
Zur gleichen Zeit zieht Matthias Rosenthal auf dem Festgelände seine Runden. Der 35-Jährige ist Polizist. Mit seiner Gruppe, bestehend aus zwei Beamtinnen und vier Beamten, bahnt er sich seinen Weg durch die Menge an Oktoberfest-Besuchern – vorbei an Buden, Fahrgeschäften und Festzelten. Eine feste Route haben die sechs Polizistinnen und Polizisten nicht. Jeder von ihnen hat einen kleinen Stöpsel im Ohr, über welchen sie mit der Zentrale verbunden sind. Dadurch hören sie sofort, wenn auf dem Gelände etwas passiert.

Im Moment haben sie kein festes Ziel und bleiben in einer der Seitenstraßen stehen. Sie stellen sich in der sogenannten "Igel-Formation" auf – im Kreis und Rücken an Rücken. So hat jeder von ihnen einen anderen Bereich im Blick und kann schnell reagieren. "Außerdem bleibt man für die Wiesn-Besucher ansprechbar", erklärt die Polizistin Marilena Eckert. Die 26-Jährige begleitet die AZ heute in Zivil – im Dirndl und mit geflochtenem Zopf.

Wenn plötzlich ein Kind fehlt
Eine Frau mit langen, rötlichen Haaren eilt auf die sechs Beamten zu. Aufgewühlt erzählt sie, dass sie ihre Tochter und deren Freundin verloren habe. Während die Frau spricht, gestikuliert sie, deutet in verschiedene Richtungen. Bei dem Fahrgeschäft "Wilde Maus" habe sie die beiden zuletzt gesehen. Dann zeigt die Mutter den Polizisten Fotos von ihrer Tochter. Die Beamten sind alarmiert. Um jetzt schnell und effektiv nach den beiden Mädchen suchen zu können, schicken sie die Bilder an ihre Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls auf dem Festgelände unterwegs sind. In so einer Situation zählt jede zusätzliche Person, die nach den beiden Ausschau halten kann.

Rosenthal und die anderen entscheiden, noch einmal bei der "Wilden Maus" nachzusehen. Der Trupp setzt sich in Bewegung. Die Mutter bricht derweil in die entgegengesetzte Richtung auf, um dort weiter zu suchen. Nach wenigen Sekunden ist von der Frau kaum noch etwas zu sehen – nur ihr rotes Haar blitzt in der Menge hervor. Dann ist sie zwischen den Tausenden anderen Festbesuchern verschwunden.
Wer als Polizist bei der Wiesn arbeitet, habe sich das selbst ausgesucht, erzählt Matthias Rosenthal. "Es gibt sogar eine Warteliste für diejenigen, die unbedingt gerne auf der Wiesn eingesetzt werden wollen", verrät der 35-Jährige. Doch warum tut man sich diesen Wahnsinn freiwillig an? Tausende Menschen auf engem Raum, Betrunkene so weit das Auge reicht und eine Hemmschwelle, die einer Teppichkante gleicht.

Mehr als 20.000 Schritte und viel Geduld
Rosenthal, der heuer zum zweiten Mal auf dem Oktoberfest arbeitet, sagt: "Der Zusammenhalt mit den Kollegen gefällt mir besonders. Jeder hier hat eine große Motivation." Natürlich sei ein Dienst auf der Wiesn komplett konträr zu einem normalen Arbeitstag, doch das mache auch den Reiz aus. Hinzu komme, dass die Resonanz von den Besuchern fast durchweg positiv sei.

Viele wollen auch an diesem Tag ein Foto mit den Beamten machen, schenken ihnen eine Plastikrose aus einer Wurfbude oder wollen einfach ein bisserl ratschen. Trotzdem gebe es auch die andere, die kräftezehrende Seite der Wiesn. "Es ist natürlich körperlich anstrengend, weil wahnsinnig viele Einflüsse auf einen einprasseln. Und man ist den ganzen Tag eigentlich nur am Gehen", erzählt Rosenthal. 20.000 bis 40.000 Schritte würden sie jeden Tag machen. Nerven würde ihn an diesen Herausforderungen grundsätzlich nichts, dennoch: "Der eine oder andere kennt seine Grenzen, was den Alkohol angeht, einfach nicht und manche werden auch aggressiv."
Für Menschen, die ihr Limit nicht kennen, hat die Wiesn-Wache unterhalb der Bavaria vier Zellen: drei Einzelzellen und eine Gruppenzelle. Marilena Eckert sagt: "Viele, die hier landen, sind grundsätzlich nette Menschen, die zu viel getrunken haben und in einer Ausnahmesituation sind." Nachdem sie ausgenüchtert sind, dürften die meisten einfach wieder nach Hause gehen.

In die Zelle muss in dieser Schicht niemand – zumindest nicht, als die AZ dabei ist. Als ein junger Mann allerdings Stunk macht, weil er aus Bodos Cafézelt verwiesen wurde, entscheiden die Beamten nach einer Weile der Auseinandersetzung, den Herrn vom Festgelände zu begleiten.

Dafür nehmen sie den Mann in ihre Mitte und bringen ihn zum Ausgang. Bei den anderen Besuchern erregt das Aufmerksamkeit. Neugierig blicken sie dem kleinen Geleit hinterher. Am Ausgang verabschieden sie den Mann und schauen ihm noch eine Weile hinterher – um sicherzugehen, dass er nicht wieder umkehrt. Immer wieder schüttelt der Mann frustriert den Kopf. Für ihn ist die Wiesn an diesem Tag gelaufen.
Und plötzlich sind die Mädchen wieder da
Ganz andere Gefühle durchfahren wohl die Mutter, als sie plötzlich wieder vor ihrer Tochter und deren Freundin steht. Erleichtert strahlt sie die Beamten an, als diese wenig später noch einmal bei den dreien vorbeischauen. Sie sei gerade auf dem Weg gewesen, eine Vermisstenanzeige auf der Wache aufzugeben, erzählt sie. Dabei habe sie die Mädchen in der Menge entdeckt.
Auch wenn sich dieser Fall schlussendlich von allein gelöst habe, sei es gerade in solchen Momenten wichtig, als Polizei sichtbar und ansprechbar zu sein, sagt Matthias Rosenthal später zur AZ. Denn manchmal hilft es eben schon, wenn jemand zuhört, einen ernst nimmt und das Gefühl gibt, mit seinen Sorgen nicht allein zu sein – auch nicht auf dem größten Volksfest der Welt.
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