Luxus auf dem Oktoberfest: Wie dekadent ist die Wiesn?
Der Duden versteht unter "Dekadenz" einen "kulturellen Niedergang mit typischen Entartungserscheinungen". Im Alltag wird das Wort längst auch verwendet, wenn es um Luxus, Verschwendung und einen gewissen Hang zum Überfluss geht.
Kaviar, Austern, Champagner – auf der Wiesn findet sich davon inzwischen einiges. Ist das schon dekadent? Weinzelt-Wirt Stephan Kuffler kann mit dieser Beschreibung wenig anfangen. "Wir verkaufen weder etwas Unanständiges noch Absurdes", sagt er im AZ-Interview.
Auf der Speisekarte des Weinzelts steht heuer ein exquisites "Katerfrühstück" mit Lachstatar, Saiblingsfilet und Austern für 29 Euro pro Person. Ein Luxusfrühstück, könnte man meinen. Doch auf der Wiesn geht es noch deutlich teurer.
Luxus auf der Wiesn: Kaviar für 1850 Euro
Im Weinzelt selbst wird auch ein Flammkuchen mit 50 Gramm Kaviar für stolze 184 Euro angeboten. Auf einer Spezialkarte, die auf Anfrage vorgezeigt wird, können die Gäste dazu passende edle und seltene Tropfen auswählen.
Auch in anderen Zelten wird längst mit exklusiven Spezialitäten um die Gunst der Gäste geworben. Im vergangenen Jahr sorgte etwa ein 230 Euro teures Trüffel-Tomahawk-Steak in der Bräurosl für Aufregung. In der Käfer-Wiesn-Schänke gehört Kaviar dagegen schon zum festen Angebot. 500 Gramm kosten dort heuer satte 1850 Euro.

Mit dem klassischen Wiesn-Sortiment aus Weißwurst, Brezn und Hendl hat das wenig zu tun. Das weiß auch Kuffler. Ein Austernfrühstück gehöre nicht zu den Grundbedürfnissen der Wiesn-Gäste. Auch im Weinzelt seien Schweinswürstl und Hendl die Verkaufsschlager.
Trotzdem müsse man sich auf dem Oktoberfest etwas einfallen lassen. "Auf dem größten Bierfest der Welt musst du auch schauen, dass du etwas bietest, was die anderen nicht haben", sagt Kuffler.
Wiesn und Schampus – für Kuffler nichts Neues
Austern sind das eine, Champagner das andere. Die edlen Tropfen gehören in immer mehr Zelten zum Angebot. Gerade im Wein- und Käferzelt, aber zum Beispiel auch in der Festhalle Schottenhamel oder im Schützen-Festzelt finden sich immer wieder Magnum-Flaschen auf den Tischen.
Wiesn und Schampus – für Kuffler ist das nichts Neues. "Champagner war bei uns schon immer etwas, das man sich auf der Wiesn gegönnt hat", sagt er. Für ihn gehören ein bisschen Luxus und Genuss zum Wiesn-Erlebnis dazu. "Die Wiesn ist wie Urlaub – da wollen sich die Leute auch mal etwas gönnen", sagt der Weinzelt-Wirt.
Für den einen bedeute das, sechs Maß am Stück zu trinken, ohne daheim "zusammengefaltet" zu werden. Für den anderen seien es eben eine Flasche Champagner und ein Teller Austern, sagt er. Die Menschen wollten genießen, zugleich sei die Sensibilität für hochwertige Produkte größer geworden.

Von einer zunehmend dekadenten Wiesn will Kuffler trotzdem nichts wissen. Im Gegenteil. Einerseits gehe es heutzutage viel zivilisierter zu als früher. Auch würden sich die Menschen besser anziehen, dadurch sei das Niveau insgesamt gestiegen.
Kaviar, Champagner und Co. seien nur ein kleiner Teil dessen, was auf der Wiesn angeboten werde. Auch im Weinzelt will Kuffler deshalb keineswegs den Eindruck entstehen lassen, dass Luxus im Vordergrund steht.
Champagnerspritzen auf der Wiesn ist verboten
Und ausgerechnet in diesem Jahr ist das Weinzelt sogar offiziell ein Stück weniger "dekadent". Denn das Champagnerspritzen, das dort seit Jahrzehnten praktiziert wurde, ist heuer von der Stadt verboten worden. Die Schampusduschen an den Tischen gehören damit der Vergangenheit an.
Kuffler persönlich trauert der Tradition nicht hinterher. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Tropfen irgendeines Getränks verschwendet", sagt er. Trotzdem findet es der Weinzelt-Wirt bedauerlich, dass immer mehr Dinge verboten würden. "Das sind erwachsene Menschen, die mit ihrem eigenen Geld etwas machen."
Kuffler sieht darin eine Entwicklung, die ihm Sorgen bereitet. "Wir kommen in eine zunehmende Verbotspolitik rein", sagt er, "in der einem immer wieder gesagt wird, was man gerade macht, sei falsch oder böse."
"Wir sind in Bayern ein bisserl barocker"
Und dann wird es noch einmal grundsätzlich. Ein "barocker Lebensstil" gehöre für Kuffler zur bayerischen Kultur. "Wir sind in Bayern ein bisserl barocker wie die Herrschaften in den protestantischen Gebieten", sagt er. Ein gewisser Hang zum Genuss sei damit auch Teil der bayerischen Lebensart.
Und auf der Wiesn darf dieser Hang zum Genuss offenbar auch etwas üppiger ausfallen. Ob sich das nun in einem Würstl mehr beim Frühschoppen zeigt oder in einem Glas Champagner – was für den einen normaler Wiesn-Genuss ist, mag für den anderen bereits nach Luxus klingen. Dekadenz liegt dabei bekanntlich im Auge des Betrachters.
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