Brathendl-Protest: Huhn checkt in Pension ein

Aus Protest gegen den Verzehr hunderttausender Brathendl auf der Wiesn quartieren Künstler ein Huhn in eine Pension ein - unweit der Theresienwiese. Tierschützer üben Kritik.
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Ungewöhnliche Protestform: Künstler Tommy Schmidt vor der Hendlbraterei. Ab Sonntag lässt er ein Huhn für die Zeit des Oktoberfests in einer Pension neben der Wiesn logieren. Mehr als eine halbe Million Brathendl wurden 2010 auf der Wiesn verzehrt.
Lukas Barth/dapd Ungewöhnliche Protestform: Künstler Tommy Schmidt vor der Hendlbraterei. Ab Sonntag lässt er ein Huhn für die Zeit des Oktoberfests in einer Pension neben der Wiesn logieren. Mehr als eine halbe Million Brathendl wurden 2010 auf der Wiesn verzehrt.

Aus Protest gegen den Verzehr hunderttausender Brathendl auf der Wiesn quartieren Künstler in München ein Huhn in eine Pension ein - unweit der Theresienwiese. Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert die Aktion.

München - Hunderttausende Hähnchen werden auch in diesem Jahr wieder gegrillt auf den Tellern in den Festzelten auf dem Oktoberfest landen. Huhn Calimera von einem Bauernhof aus dem oberbayerischen Forstinning dagegen verbringt die Wiesn-Zeit ganz anders: In einem Hotelzimmer unweit der Theresienwiese.

Mit der dreitägigen Aktion wollen die zwei Künstler Tommy Schmidt und Birgit Merk den Brathendl-Verzehr auf dem Oktoberfest anprangern. „Die Idee entstand, als ich wahrgenommen habe, wie viele Hendl dort gegessen werden“, sagte der Künstler Schmidt in München im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Die Aktion startet am Sonntag, einen Tag nach dem Wiesn-Anstich.

505.901 Brathendl wurden 2010 auf der Wiesn verzehrt

Laut Tourismusamt München sind im vergangenen Jahr 505.901 Brathendl auf der Wiesn verspeist worden. Den Leitern der Kunstaktion gehe es in erster Linie um die Wahrnehmung von Nahrung. Ohne nachzudenken werde konsumiert, sagte Schmidts Projektpartnerin Birgit Merk. „Ich will darauf aufmerksam machen, dass viele nicht mehr wissen, wie man bewusst isst.“ Schmidt fügte hinzu: „Erst die Maß, dann das Hendl und dann noch gebrannte Mandeln und dann wieder von vorne, so läuft es auf dem Oktoberfest.“

Schmidt habe als Ort für die Aktion ein Hotelzimmer gewählt, weil sich dort normalerweise nur Menschen aufhalten. Das Tier werde damit aufgewertet und eher von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Wiesn-Wirte-Sprecher Toni Roiderer hält von der Aktion nichts. Es gebe offensichtlich viele Möglichkeiten, mit „Blödsinn einen Bekanntheitsgrad“ zu erlangen, sagte er auf Anfrage. Denjenigen, den der Hendl-Verzehr auf der Wiesn störe, könne auch einen Salat wählen. Zudem sei ein Hotelzimmer auch keine artgerechte Haltung für ein Tier, betonte Roiderer weiter.

Multimediales Huhn: Web-Cam, Blog und Facebook-Seite

Die Aktion startet am Sonntag (18. September) und damit einen Tag nach dem traditionellen Wiesn-Anstich. Dann wird Calimera in eines der zwanzig Zimmer in der Pension „Haydn“ unweit der Theresienwiese einchecken. Zuvor soll dieses noch mit Gras und Heu hergerichtet werden. „Ich dachte zunächst, das sei ein Gag, als die Anfrage kam“, sagte Pensionsinhaberin Roxana Frohmajer. „Doch dann habe ich Ja gesagt, weil Tiere mir genauso heilig sind wie Menschen.“

Die braun gefiederte Calimera kann während ihres Aufenthalts per Webcam beobachtet werden, auch ein Blog und eine Facebook-Seite hat Schmidt eingerichtet. „Es geht darum, ideelle Unterstützer zu gewinnen“, sagte er. Als Protest gegen die Wiesn selbst will das Künstlerduo aber nicht verstanden werden. „Im Gegenteil: Ich bin sogar ein Oktoberfestbefürworter“, sagte Schmidt.

Kritik vom Tierschutzbund

Calimera soll ihren ungewöhnlichen Ausflug aus ihrem Hühneralltag aber nicht nur im Hotelzimmer verbringen. „Wir werden einen kleinen Morgenspaziergang über das Oktoberfest machen“, kündigte Schmidt an. Speisen wird Calimera allerdings nicht zusammen mit den Hotelgästen im Frühstücksraum. „Wir haben einen Garten, dort kann es sich ausbreiten“, sagte Pensionsinhaberin Frohmajer.

Statt frischem Kaffee und Rührei mit Speck soll es dann Mais, Körner und Brot geben. „Das Huhn wird es bei uns sicher gut haben“, versicherte Frohmajer schmunzelnd. Trotz artgerechtem Frühstück kritisiert der Deutsche Tierschutzbund die ungewöhnliche Protestform: Eine Aktion gegen den Massenkonsum von Fleisch sei zwar lobenswert, teilte der Verein am Freitag in Bonn mit. Allerdings würden die Grundbedürfnisse und das Wohlbefinden des Tieres vernachlässigt. Hühner seien Herdentiere. Calimera aus ihrer Umgebung zu entnehmen, sei für das Tier ein „erheblicher Stressfaktor“. 

 

 

 

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