Neu-Gastronomen in München: Aufgemacht um zuzusperren

Gerade erst haben sie Lokale eröffnet, dann kam schon der zweite Lockdown. Neu-Gastronomen berichten, wie sie mit dieser Vollbremsung umgehen – und wo ihre Hoffnungen liegen.
| Annette Baronikians
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
7  Kommentare 14 – Artikel empfehlen
Hans Jörg Bachmeier vor seinem gerade erst eröffneten Lokal.
Hans Jörg Bachmeier vor seinem gerade erst eröffneten Lokal. © Annette Baronikians

München - Der Stress ist ihm ins Gesicht geschrieben, auch mit Maske deutlich erkennbar. Gerade steht Hans Jörg Bachmeier wieder am Herd, um die nächste Bestellung fertigzumachen, doch es gibt noch so viel Weiteres zu tun. Es warten die finalen Arbeiten an der Website auf ihn, der nicht fertige Online-Shop oder auch der kleine Feinkost-Laden in seinem Lokal, der derzeit mit weiteren Produkten aufgestockt wird.

Zweiter Corona-Lockdown: Verzweiflung bei Gastronomen groß

Der 54-Jährige setzt sich kurz an die Bar, trinkt einen Espresso und sagt: "Ja, es ist nicht einfach. Man musste damit rechnen, doch man wollte es nicht glauben." Dass es tatsächlich einen zweiten Lockdown gibt, dass die Wirte in ihren Betrieben wieder keine Gäste bewirten dürfen und zusperren mussten.

Für Hans Jörg Bachmeier bedeutet das: Schließen nur rund zwei Wochen nach der Eröffnung. In der Westenriederstraße hat er viel Geld in die Hand genommen und im Oktober sein neues Lokal namens Bachmeier eröffnet. Es lief gut an, auch mit der Corona-bedingt verringerten Sitzplatz-Zahl.

Mit Engagement und Kreativität durch die Krise

"Und nun? Nun mache ich täglich fünf, sechs Gerichte zum Mitnehmen", so der Spitzenkoch, der jetzt alle Energie in seinen Shop mit Feinkost und Wein legt, an dessen Website noch gebastelt wird: "Wir dachten ja nicht, dass alles auf einmal so schnell gehen muss."

Bachmeier verkauft Saucen mit seinem Konterfei.
Bachmeier verkauft Saucen mit seinem Konterfei. © Annette Baronikians

Mit Engagement und kreativen Ideen versucht auch das neue Wirte-Duo Chris Schroth und Daniel Wäcker sein Unternehmen über die schwierige Zeit zu retten. Die beiden Freunde eröffneten im August ihre italienische Tagesbar Junge Römer in der Pestalozzistraße - sehr erfolgreich. Das 35-Plätze-Lokal mit Pasta, Pinsa und Co. war täglich gut besucht. "Der Lockdown stellt einen natürlich vor große Herausforderungen", sagt Chris Schroth (31) und fügt hinzu: "Doch wir packen das und hoffen, dass uns unsere Gäste treu bleiben."

Sie bauen auf kreative Ideen und treue Gäste: Chris Schroth (l.) und Daniel Wäcker in ihrer italienischen Tagesbar Junge Römer im Glockenbachviertel.
Sie bauen auf kreative Ideen und treue Gäste: Chris Schroth (l.) und Daniel Wäcker in ihrer italienischen Tagesbar Junge Römer im Glockenbachviertel. © Annette Baronikians

Viele Restaurants bieten To-go-Gerichte und einen Lieferdienst

Derweil bieten sie To-go-Gerichte an, planen einen Lieferdienst und tüfteln an einem besonderen Service: Ab Montag soll es "Junge-Römer-Stofftaschen" geben, gefüllt mit hausgemachten Nudeln, Saucen und dazu passendem Wein für das Candlelight-Dinner daheim.

"Wenn der Lockdown bei meinem ersten Betrieb gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen", so der erfolgreiche Gastronom Rudi Kull, der unter anderem Chef von Brenner, Grapes Weinbar und Bar Centrale ist.

Anzeige für den Anbieter Pinpoll über den Consent-Anbieter verweigert

Gerade aufgemacht - direkt wieder geschlossen

Vor erst einer Woche hat er in der Feilitzschstraße das Restaurant Brenner Kitchen aufgesperrt - und wegen des neuerlichen Lockdowns gleich wieder schließen müssen. Die kreative Trennkostküche vom Grill fand von Anfang an viele Fans, und so hofft Kull: "Ich habe die Zuversicht, dass es auch weitergeht."

Nach wenigen Tagen musste Gastronom Rudi Kull sein neues Lokal Brenner Kitchen wieder zusperren.
Nach wenigen Tagen musste Gastronom Rudi Kull sein neues Lokal Brenner Kitchen wieder zusperren. © Ben Ender

Bis es soweit ist, gibt es jetzt die Möglichkeit, sich die Speisen per Take away vor Ort zu holen oder auch liefern zu lassen. Dafür hat Rudi Kull extra einen kleinen E-Transporter angeschafft.

Lesen Sie auch

Essensauslieferung per E-Bike

Für zwei Auslieferungs-E-Bikes hat aufgrund der derzeitigen Situation Stefan Stiftl sogleich gesorgt. Der frühere Wirt vom Gasthaus Zum Stiftl im Tal hat erst am 23. Oktober sein neues Unternehmen eröffnet: ein Lokal des Franchise-Systems My Indigo, das Gemüse- und Salatbowls oder auch diverse Currys anbietet.

Die Discokugel an der Decke dreht sich noch, doch Gäste gibt es im My Indigo derzeit keine mehr.
Die Discokugel an der Decke dreht sich noch, doch Gäste gibt es im My Indigo derzeit keine mehr. © Annette Baronikians

Auch wenn sein Lokal von vornherein auf To-go-Betrieb angelegt ist: das 60-Plätze-Lokal bleibt natürlich leer. Jetzt darf Stefan Stiftl unter Berücksichtigung aller Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen höchstens sieben Personen gleichzeitig hereinlassen, damit sich diese eine Mitnehm-Box zusammenstellen lassen können.

Not macht erfinderisch: Petra Gulyas mit einem der zwei E-Bikes, die im My Indigo für Auslieferungen sofort angeschafft wurden.
Not macht erfinderisch: Petra Gulyas mit einem der zwei E-Bikes, die im My Indigo für Auslieferungen sofort angeschafft wurden. © Annette Baronikians

"Wir hatten ja nur eine Woche Zeit, deshalb müssen wir noch bekannter werden", so Stiftl, der schon fleißig Flyer und Gutscheine in den umliegenden Büros verteilt hat: "Keine Frage, eine sehr herausfordernde Zeit."

Corona-Krise: "Aufgeben ist keine Option"

Dieser muss man sich auch in einem der ältesten Bürgerhäuser der Stadt stellen: im ersten Stock des (Corona-bedingt auf immer zugesperrten) Restaurants Hofer in der Dienerstraße. Hier kochte seit 1. Oktober Sternekoch Tohru Nakamura im sogenannten Salon Rouge, der sich jetzt im Dornröschenschlaf befindet. In Planung ist nun, ein To-go-Konzept im historischen Innenhof auf die Beine zu stellen.

Der Salon Rouge im ersten Stock des ehemaligen Restaurants Hofer in der Dienerstraße: Hier bleibt alles erstmal menschenleer.
Der Salon Rouge im ersten Stock des ehemaligen Restaurants Hofer in der Dienerstraße: Hier bleibt alles erstmal menschenleer. © Annette Baronikians

Keine Frage, die Zeiten sind bitter. Wie sagte doch Chris Schroth so treffend? "Aber Aufgeben ist natürlich sowieso keine Option!"

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 7  Kommentare – mitdiskutieren 14 – Artikel empfehlen
7 Kommentare
Artikel kommentieren