Interview

MVG-Chef Wortmann: Auch Autofahrer sollen für ÖPNV-Ausbau zahlen

Im AZ-Interview spricht MVG-Chef Ingo Wortmann über seine Finanzsorgen, U-Bahn-Fahren in der Pandemie - und wieso auch Autofahrer einen Beitrag leisten sollen.
| Felix Müller, Sophie Anfang
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Ingo Wortmann erwartet den Zwei-Minuten-Takt bei der U-Bahn zunächst auf der Stammstrecke der U1 und U2 zwischen Kolumbusplatz und Hauptbahnhof.
Ingo Wortmann erwartet den Zwei-Minuten-Takt bei der U-Bahn zunächst auf der Stammstrecke der U1 und U2 zwischen Kolumbusplatz und Hauptbahnhof. © imago images/Sven Simon

München - AZ-Interview mit Ingo Wortmann: Der 41-Jährige ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Münchner Verkehrsgesellschaft mbH (MVG) und Geschäftsführer für den Bereich Mobilität der Stadtwerke München GmbH. Seit 6. November 2018 wirkt er zudem als Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

AZ: Herr Wortmann, wie entspannt steigen Sie persönlich derzeit in eine überfüllte U-Bahn?
INGO WORTMANN: Ich steige entspannt ein. Allerdings versuche ich schon, die Hauptverkehrszeiten zu meiden.

"Die Klimadiskussion wird mit voller Wucht zurückkommen": Ingo Wortmann, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG.
"Die Klimadiskussion wird mit voller Wucht zurückkommen": Ingo Wortmann, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG. © Daniel von Loeper

Wenn Sie das selbst versuchen, verstehen Sie also jeden, der sagt: Da ist mir unwohl, ich pendle lieber mit dem Auto?
Ich halte den ÖPNV für sicher. Ich versuche nur, die volleren Zeiten zu meiden, damit die, die dann fahren müssen, mehr Platz haben.

Viele Münchner sorgen sich wegen der Ansteckungsgefahr. Trotzdem haben Sie mit Pendelverkehren an Wochenenden volle U-Bahnen provoziert. Warum bringen Sie Fahrgäste in eine solche Situation?
Wir fahren - obwohl wir teils 50 Prozent weniger Auslastung haben - fast überall das volle Programm. Ganz auf Baustellen verzichten können wir aber nicht, weil wir sonst unseren Instandhaltungsrückstand noch weiter aufbauen. Jetzt hoffen wir, dass wir einen Rettungsschirm bekommen - was immer noch nicht sicher ist.

Wortmann: "Ein Großteil der Fahrgäste wird nach der Krise zurückkommen"

Rettungsschirm unsicher, Fahrgastzahlen eingebrochen: Müssen Sie nicht jetzt mit dem Szenario planen, aus finanziellen Gründen das Angebot runterfahren zu müssen?
Wir sind ein starkes Unternehmen. Aber es wäre schon wichtig, dass wir spätestens im April den Hinweis bekommen, wie ein Rettungsschirm aussieht.

Was passiert, wenn nicht?
Dann müssten wir in der Tat schauen, wo wir Angebote streichen. Ich glaube aber nicht, dass es so weit kommen wird.

Der Lufthansa wurde schnell geholfen. Ärgert es Sie, dass die Politik beim ÖPNV zögerlicher scheint?
Der Bund hat uns in 2020 auch schnell geholfen.

Und der Freistaat?
Der war im Vergleich zu anderen Bundesländern eher etwas zögerlich. Ich hoffe, dass sich das dieses Jahr ändert.

Geld fehlt also. In einer Situation, in der Sie die Menschen zurück in die Bahnen locken müssen, wären deutliche Fahrpreiserhöhungen aber ein katastrophales Signal. Oder?
Eigentlich brauchen wir dringend Fahrpreiserhöhungen.

Wortmann: "Ohne Mehreinnahmen werden wir das hohe Leistungsniveau auf Dauer nicht halten können - und das dürfte auch über die langfristige Fahrpreisentwicklung gehen."
Wortmann: "Ohne Mehreinnahmen werden wir das hohe Leistungsniveau auf Dauer nicht halten können - und das dürfte auch über die langfristige Fahrpreisentwicklung gehen." © Amelie Geiger/dpa

Das heißt: Es wird heuer viel teurer?
Davon gehe ich trotzdem nicht aus.

Also 2022?
Letztlich entscheidet das die Politik. Ohne Mehreinnahmen werden wir das hohe Leistungsniveau auf Dauer nicht halten können - und das dürfte auch über die langfristige Fahrpreisentwicklung gehen.

"Monats- und Jahreskarten lohnen sich auch, wenn man nicht jeden Tag fährt"

Wenn jetzt nur noch so wenige Münchner die MVG nutzen - kann man sich große Entlastungsprojekte wie die neue U9 quer durch die Innenstadt sparen?
Nein, die U9 wird wichtig bleiben. Wir brauchen sie, um die vorhandenen U-Bahnstrecken zu entlasten - und ich gehe ohnehin davon aus, dass ein Großteil der Fahrgäste zurückkehren wird.

Da sind wir uns nicht so sicher. Die großen Münchner Firmen zumindest wollen auch in der Zukunft bei Homeoffice bleiben.
Das ist schwer zu prognostizieren. Es gibt auch andere Untersuchungen, nach denen nur sieben Prozent weiter im Homeoffice arbeiten wollen. Ich glaube, die meisten werden wieder ins Büro gehen - nur vielleicht nicht jeden Tag. Aber unsere Monats- und Jahreskarten sind sehr günstig, sie lohnen sich auch, wenn man nicht jeden Tag fährt. Wir müssen stärker dafür werben, die Leute können die Karten ja auch in der Freizeit nutzen, nicht nur, um ins Büro zu fahren.

Stichwort Freizeit: Die SPD hat vorgeschlagen, dass die MVG am Wochenende Münchner in die Berge fährt. Klingt doch gut. Warum haben Sie gleich abgewunken?
Wir haben Niederflur-Linienbusse. Um bequem in die Berge zu fahren brauchen Sie Reisebusse, die auch einen Kofferraum haben. Es ging also nicht darum, dass ich die Idee an sich schlecht fände.

Das ambitionierte Projekt Bahnsteigtüren hat die MVG verschoben.
Das ambitionierte Projekt Bahnsteigtüren hat die MVG verschoben. © Visualisierung MVG

SPD und Grüne hatten den Vorschlag offenbar nicht mit Ihnen abgesprochen. Sprechen Sie zu wenig miteinander?
Wir sprechen sehr viel, das Verhältnis ist sehr gut. Die Busse in die Berge waren eine spontane Idee, ich sehe das nicht als Problem. Entscheidend ist doch etwas anderes: dass wir zum Beispiel mit den Tram-Planungen vorankommen. Und das tun wir.

Sind Sie manchmal genervt von den Grünen, die im Zweifelsfall den Radweg der Busspur vorziehen?
Überhaupt nicht. Das ist eben Verkehrspolitik. Ich finde einen Ausbau der Radlinfrastruktur ja auch wichtig. Klar ist aber auch: Wer die Verkehrswende will, muss den ÖPNV ausbauen. Das geht am schnellsten an der Oberfläche - und dafür brauchen wir zum Beispiel mehr Busspuren.

"Zwei-Minuten-Takt? Erst wenn die Bahnen wieder voller sind"

Anderes Thema: Wie steht es um die Bahnsteigtüren bei der U-Bahn?
Wir haben das verschoben. Erst wenn wir neue Züge und ein neues Zugsicherungssystem haben, können wir die Systeme ganzheitlich auch in ihren gegenseitigen Wechselwirkungen testen. Davor hat es keinen Sinn.

Sie sind ganz explizit für den Zwei-Minuten-Takt bei der U-Bahn. Wird der dann in den nächsten Jahren auch nichts - ohne die neuen Bahnsteigtüren?
Doch, das wird auch ohne die Türen funktionieren, zunächst auf der Stammstrecke der U1 und U2 zwischen Kolumbusplatz und Hauptbahnhof.

Aber?
Aber auch das haben wir noch mal verschoben. Wir beginnen sinnvollerweise erst, wenn die Fahrgastzahlen wieder höher sind.

"Die Frage ist, wann die Staus zurückkommen"

Sagen wir, die steigen im Sommer wieder: Kann es dann kurzfristig losgehen?
Nein, schnell geht so etwas nicht. Wir müssen Fahrerinnen und Fahrer einstellen, die Finanzierung muss stehen. Das wird noch dauern.

So wie der Isartiger, Ihr Rufbus-Projekt. Oder steht der inzwischen ganz auf der Streichliste?
Nein, er steht nicht auf einer Streichliste. Wir brauchen neben U-Bahn, Bus und Tram ein zusätzliches Angebot in Zeiten und Räumen mit schwacher Nachfrage. Wir nutzen die Corona-Zeit, um das Projekt noch mal sorgfältig zu überplanen.

Also wird es dieses Jahr nichts mit dem Angebot?
Nein, in diesem Jahr geht es sicher nicht mehr los.

Sie haben mal vorgeschlagen, Autofahrer mit einem Ampelsystem aus der Innenstadt fernzuhalten. Kann man das den Leuten in diesen Zeiten noch erklären?
Die Frage ist, wann die Staus zurückkommen. Dann sind solche Überlegungen sicher wieder zu erklären, es geht ja darum, dass die, die ernsthaft aufs Auto angewiesen sind - etwa Handwerker - weiter vorankommen. Und: Wenn man mit Pförtner-Ampeln nur so viele Autos in die Stadt lässt, wie sich dort sinnvoll bewegen können, dann ist auch mehr Platz für Bus, Tram und Radl.

Laut Wortmann nutzt die MVG die Corona-Zeit, um das Projekt Isartiger"sorgfältig zu überplanen".
Laut Wortmann nutzt die MVG die Corona-Zeit, um das Projekt Isartiger"sorgfältig zu überplanen". © door2door

Die Jusos würden den ÖPNV-Ausbau gerne mit einer Zwangsabgabe für alle Münchner finanzieren. Halten Sie das für eine Schnapsidee - oder für einen willkommenen Geldsegen?
Weder noch. Das kann man als zusätzliches Instrument untersuchen, Ähnliches wird in anderen Städten diskutiert, etwa über die Grundsteuer. Klar ist: Wenn wir den Ausbau wollen, brauchen wir mehr Geld - und wenn es nicht nur vom Fahrgast und aus städtischen Kassen kommen soll, brauchen wir andere Quellen.

Ist eine solche Abgabe fair?'
Ich halte es für angemessen, dass auch Menschen für den ÖPNV zahlen, die selbst nur Auto fahren.

Warum?
Weil sie davon profitieren. Wenn andere öffentlich fahren, werden die Straßen entlastet.

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"Hohe Lohnforderungen sind inzwischen komplett unrealistisch"

Wo kann die MVG noch sparen?
Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele Einsparungen umgesetzt und tun dies auch weiterhin dort, wo es nicht zu Verschlechterungen beim Service führt. Ich glaube aber nicht, dass wir noch große weitere Einsparmöglichkeiten generieren können.

Wird es etwa bei Ihren Fahrern Lohnsteigerungen wie in den vergangenen Jahren geben können?
Wenn wir weniger Geld haben, müssen auch die Lohnforderungen Maß halten.

Also kann das bisherige Maß nicht das künftige Maß sein.
Die Forderungen zumindest waren teils schon sehr hoch. Das ist im Moment natürlich komplett unrealistisch.

"Die Verkehrswende spart Platz"

Der MVV startet für seine eigenen Busse ein System, den Fahrgästen anzuzeigen, wie voll die Fahrzeuge sind. Planen Sie Ähnliches in der Stadt?
Ja! Bei der U-Bahn ist es schwierig, weil den Zügen Technik fehlt, aber für Trambahnen und Busse haben wir das konkret vor. Wir wollen am 22. Februar ab 12 Uhr starten.

Zum Abschluss noch ein bisserl Hoffnung: Warum geht es wieder aufwärts in den nächsten zwei, drei Jahren?
Ich bin sicher, dass die Klimadiskussion nach Corona mit voller Wucht zurückkommt. Wir sind als ÖPNV, insbesondere wo wir mit regenerativer Energie fahren, sehr klimafreundlich unterwegs. Aber auch wer vom Auto in einen Diesel-Bus umsteigt, bewegt sich ökologischer. Und: Die Verkehrswende spart Platz, das ist in einer Stadt wie München ein sehr wichtiger Punkt. Es gibt viele gute Argumente, den ÖPNV konsequent auszubauen - und sie werden wieder gehört werden.

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