Münchnerin seit zehn Jahren auf Wohnungssuche - so läuft die Vergabe von Sozialwohnungen

Auf 35 Quadratmetern wohnt eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Seit Jahren versucht sie, eine größere Sozialwohnung zu bekommen – ohne Erfolg. Die AZ erklärt die Vergabe.
| Paul Nöllke
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Mara B. sucht eine Wohnung, in der ihre Töchter ein eigenes Zimmer haben.
Mara B. sucht eine Wohnung, in der ihre Töchter ein eigenes Zimmer haben. © Paul Nöllke

München - Ein Puppenhaus, ein Hochbett mit rosa Vorhängen, ein Bücherregal: Die Töchter von Mara B. hätten ein schönes Kinderzimmer. Wenn der gleiche Raum nicht auch noch das Esszimmer, Wohnzimmer und Schlafzimmer ihrer Mutter wäre, die Küche nur ein winziger Raum, direkt daneben. Seit zehn Jahren wohnt Mara B. mit ihren zwei Töchtern (acht und zehn Jahre alt) in der Ein-Zimmer-Wohnung auf 35 Quadratmetern. Zehn Jahre, in denen sich B. vergeblich auf eine Sozialwohnung bewirbt – und langsam verzweifelt.

Vergabe von Sozialwohnungen in München: Das Punktesystem

Wer in München eine Sozialwohnung haben will, bekommt eine Anzahl an Punkten zugewiesen. Je mehr Punkte (siehe Tabelle unten), desto größer die Chance, eine der Wohnungen zu bekommen. Die maximale Anzahl an Punkten ist 120. Die gibt es, wenn ein Bewerber obdachlos ist oder in der bestehenden Wohnung "lebensbedrohliche Beeinträchtigungen" vorliegen.

Die Punktetabelle zur Registrierung und Vergabe von geförderten Wohnungen.
Die Punktetabelle zur Registrierung und Vergabe von geförderten Wohnungen. © AZ/LH München/Sozialreferat

Die Punkte werden nicht zusammengezählt (außer es sind "Vorrangpunkte"), es gilt immer nur der Umstand mit der höchsten Punktzahl. Mara B. hat 90 Punkte, wie die sich genau zusammensetzen, hat ihr das Sozialreferat nicht gesagt. Mit ihren Punkten hat sie in zehn Jahren gerade einmal drei Wohnungsangebote erhalten.

In einer Wohnung war die Haustüre eingetreten worden

Doch keine der drei war für ihre Familie geeignet. Bei einer Wohnung hing die Haustür eingetreten in den Angeln, erzählt sie. Davon abgesehen, dass die Wohnung nicht viel größer als ihre jetzige war, erklärte man ihr, dass sie die Renovierung selber zahlen müsse. "Die Wohnung war in einem ganz schlechten Zustand", sagt B. betrübt.

Eine andere Wohnung, die ihr später angeboten wurde, war größer. Aber sie lag mitten in einem Industriegebiet, umgeben von Fabriken und neben einer Schnellstraße: "Da habe ich Sorge um meine Töchter." Also blieb die Familie in ihrer winzigen Wohnung und hoffte auf ein neues Angebot – das nie kam.

Das Problem ist nicht nur, dass B. keine Wohnung bekommt. Es ärgert sie, wie die Stadt mit ihr umgeht. Als B. mit ihrer Tochter schwanger war, erklärte ihr eine Mitarbeiterin der Stadt genervt, dass man sich das mit dem Kinderkriegen doch vorher überlegen sollte, wenn man sich keine große Wohnung leisten könne. Ihr sei geraten worden, aus München wegzuziehen, wenn sie keine Wohnung zahlen könne. Für B., deren Töchter hier zu Schule gehen und die hier ihr soziales Umfeld hat, keine Option: "Wo sollte ich denn hinziehen?"

Als B. fragte, ob sie die Punktetabelle sehen dürfe, wurde ihr gesagt, dass diese nicht öffentlich sei. Das berichteten auch andere Bewerber auf Sozialwohnungen. Andere Male sagte man B., die Punktetabelle würde von einem Computer berechnet, niemand habe Einfluss darauf.

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Sozialreferat widerspricht Darstellungen

Auf AZ-Anfrage erklärt das Sozialreferat, dass diese Schilderungen nicht korrekt seien. Die Punktetabelle sei "frei zugänglich". Tage nach der Anfrage ist sie dann auch auf der Internetseite des Referats einsehbar.

Auch dass B. ungeeignete Wohnungen angeboten worden seien, weist das Sozialreferat von sich. Ob ein Wohnungsangebot geeignet sei, unterliege "starken subjektiven Bewertungen", schreibt das Amt: "Das Amt für Wohnen und Migration schlägt Wohnungssuchenden aber immer nur Wohnungen vor, die nach objektiven Kriterien auch geeignet sind." Den Hinweis, dass B. doch aus der Stadt ziehen solle, habe die Stadt nicht gegeben: "Selbstverständlich ist es jedem Haushalt selbst überlassen, wo er leben oder wohnen möchte."

Mara B. hat die Hoffnung auf eine größere Wohnung fast aufgegeben. Sogar an Oberbürgermeister Reiter und Ministerpräsident Söder hat sie geschrieben und sie eingeladen, sich doch ein Bild von der Lage zu machen. Doch zu Besuch in das Zimmer von ihr und ihren Töchtern kam noch niemand.

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