Münchner Profiler: Ganz früh ganz nah dran

NSU-Morde: Münchner Profiler haben schon 2006 darauf gepocht, gegen Rechts zu ermitteln - das BKA hat nicht auf sie gehört. Neues Buch.
| Natalie Kettinger
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2006 gehen sie mit der Fremdenhass-Theorie an die Öffentlichkeit – und werden zurückgepfiffen: Fallanalytiker Alexander Horn (li.) und Soko-Chef Wolfgang Geier aus Nürnberg.
SZ Photo 2006 gehen sie mit der Fremdenhass-Theorie an die Öffentlichkeit – und werden zurückgepfiffen: Fallanalytiker Alexander Horn (li.) und Soko-Chef Wolfgang Geier aus Nürnberg.

Münchner Profiler haben schon 2006 darauf gepocht, gegen Rechts zu ermitteln - das BKA hat nicht auf sie gehört. Neues Buch.

München - Beim ersten Mal lagen sie so falsch wie die Ermittler. Beim zweiten Versuch kamen sie den Tätern so nah wie niemand zuvor: Alexander Horn und seine Kollegen von der Operativen Fallanalyse (OFA) der Münchner Polizei waren schon im Frühjahr 2006 davon überzeugt, dass Ausländerhass das Motiv für die Morde an einem Griechen und acht Türken mitten in Deutschland war. Doch das Bundeskriminalamt verwarf ihre Hypothese – und ließ weiter in Richtung Organisierter Kriminalität ermitteln.

In seinem neuen Buch „Profiler“ schildert Joachim Käppner, Journalist und Träger des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises („Berthold Beitz. Die Biographie“), jetzt die Entstehungsgeschichte der Fallanalyse: ihre Anfänge im Amerika der 70er Jahre; die Vorreiterrolle des österreichischen Profiler-Urgesteins Thomas Müller in Europa; Und die schwerste Niederlage der jungen Disziplin in Deutschland.

April 2006. Die Soko „Bosporus“ hat neun Morde aufzuklären – und kommt nicht weiter. Ihr Chef Wolfgang Geier ruft die Kollegen von der OFA Bayern zu Hilfe. Seit 1998 gibt es diese Dienststelle in München. Udo Nagel hat sie eingeführt, sie war bundesweit die erste ihrer Art: Bei ungeklärten Mordfällen analysieren die Profiler um Alexander Horn die Spuren am Tatort, das Täterverhalten, den Tathergang und das Umfeld des Opfers, um daraus ein hypothetisches Profil des Mörders zu erstellen: Wie alt ist er? Wo ist er regional verwurzelt? Warum tötet er? Oft lässt sich so der Kreis der Verdächtigen extrem eingrenzen.

Nun sollen die Münchner Spezialisten also dabei helfen, die unheimliche Serie aufzuklären. Im Sommer 2005, nach den tödlichen Schüssen auf Theodorus Boulgarides in München, haben sie schon einmal eine Theorie zu den Ermittlungen beigesteuert: Damals hielten sie es für wahrscheinlich, dass die Opfer gegen die Spielregeln einer kriminellen Organisation verstoßen hatten und deshalb sterben mussten. Denn angeblich war jedes Opfer Tage vor seinem Tod in einen Streit verwickelt. Eine letzte Warnung?

Ein halbes Jahr und zwei Morde später fällt die Analyse der Profiler völlig anders aus. Auch, weil die vermeintlichen Kontrahenten der ermordeten Männer nie ermittelt wurden und niemand weiß, ob es sie je gegeben hat.

Das Profil, das Horn und sein Team diesmal erstellen, ist aus heutiger Sicht erschütternd – so deutlich beschreiben die Münchner die Mörder: Der oder die Täter handeln aus Ausländerhass, sie sind „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ Deutsche und waren beim ersten Mord zwischen 22 und 28 Jahre alt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie vermutlich Mitglieder der Neonazi-Szene, deren Aktionen würden nun aber als „zu schwach“ angesehen. Sie hätten Erfahrung mit Waffen, „Allmachtsfantasien“ und seien vermutlich schon vor den Morden durch einschlägige Straftaten aufgefallen. „Sie inszenieren ihre Taten wie Abenteuer, wie eine militärische Kommandoaktion. Sie sind entweder Brüder – oder Brüder im Geiste“, zitiert Buch-Autor Käppner aus der Analyse. All das passt perfekt auf die NSU-Killer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Nur in einem Punkt liegen die Profiler daneben: Sie gehen davon aus, dass die Täter in Nürnberg verwurzelt sind, weil dort die erste und die meisten Taten geschehen sind. Tatsächlich hat der NSU seine Basis in Zwickau.

Soko-„Bosporus“-Chef Geier hält die Hypothese der OFA für plausibel und informiert die Presse. Doch das Bundeskriminalamt und andere beteiligte Polizeidienststellen pfeifen ihn zurück und verwerfen die Theorie. „Fast scheint es, als könne nicht sein, was nicht sein dürfe. Zum Beispiel Terror von rechts“, schreibt Käppner.

Als sich dann auch noch das FBI einschaltet, erscheint das vielen als Affront. Die Amerikaner stehen in regem Austausch mit den Münchner Profilern und haben ungefragt, quasi als Freundschaftsdienst, die Ceska-Serie analysiert. Auch sie empfehlen den deutschen Ermittlern, „nach jemandem zu suchen, der Türken hasst“. Aber anstatt den Hinweis aus Übersee ernst zu nehmen, wird gelästert, die Horn-Truppe wolle ihre Hypothese so wohl wieder ins Gespräch bringen.

BKA und Polizei fahnden also weiter nach einer ominösen Ausländer-Mafia, deren Killer mordend durchs Land ziehen – bis sich Ende 2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschießen und Beate Zschäpe sich stellt.

Vielleicht haben die Münchner Profiler aber doch etwas erreicht: 2006 hören die Ceska-Morde an südländischen Kleinunternehmern plötzlich auf (die Polizistin Michèle Kiesewetter wurde 2007 mit einer anderen Waffe erschossen).

Im Buch sagt Alexander Horn dazu: „Wir können das natürlich nicht wissen, und vielleicht hat es ganz andere Gründe. Aber möglicherweise haben die Mörder die Serie damals deshalb abgebrochen, weil wir ihnen so nahe gekommen sind.“

Joachim Käppner: „Profiler“, Hansa, 21,90 Euro

Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht steht diese Woche unter anderem der Mord an dem Münchner Griechen Theodorus Boulgarides im Mittelpunkt.

 

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