Münchner Plattenläden in der Corona-Krise: "Es wird sehr kritisch"

Wie sich die die legendären Münchner Plattenläden "Optimal Records" und "Best Records" durch die Corona-Krise retten.
| Dominik Petzold
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Frostige Zeiten: Christos Davidopoulos vor dem Laden von Optimal Records in der Kolosseumstraße.
Frostige Zeiten: Christos Davidopoulos vor dem Laden von Optimal Records in der Kolosseumstraße. © Andreas Staebler

München - Ein guter Plattenladen ist ein besonderer Ort. Es geht nicht nur ums Kaufen, sondern auch um die Atmosphäre und die Gespräche: Die Besitzer haben Tipps, die all den "Empfehlungen" vorzuziehen sind, die Algorithmen auf Streaming-Portalen oder Amazon so zusammenrechnen.

Und Kunden mit gleichem Geschmack kommen leicht ins fachsimpelnde Gespräch. Doch bald könnten diese Vinyl-Oasen Corona zum Opfer fallen: Seit dem neuerlichen Lockdown stehen Plattengeschäfte mit dem Rücken zur Wand - auch bekannte Münchner Institutionen wie "Optimal Records".

Plattenladen "Optimal Records" lief nach erstem Lockdown gut

Dabei lief es für das Geschäft in der Kolosseumstraße im Glockenbachviertel nach dem ersten Lockdown gut, sogar etwas besser als in anderen Jahren. "Es sind weniger Leute gekommen und gar keine Touristen", sagt Christos Davidopoulos, der den Laden leitet, der in einigen Reiseführer vorgestellt wird. "Aber die Leute waren kauffreudiger." Auch die ersten Dezemberwochen liefen gut, doch dann kam der Lockdown.

Der Umsatz brach ein, und jetzt sitzt Davidopoulos auf zahllosen Platten, die er für das Weihnachtsgeschäft bestellt hatte. "Da kam zum Beispiel die neue Platte von Paul McCartney raus, die Nachfrage war riesig, wir haben zwanzig Stück bestellt und dann gerade mal zwei, drei per Versand losgekriegt." Nun wollen Davidopoulos und seine Kollegen diese und zahllose weitere Platten an die Vertriebe zurückschicken und hoffen auf deren Kulanz. "Wir brauchen ja Geld, um Neuheiten zu kaufen. Die werden veröffentlicht, als ob nichts wäre", sagt Davidopoulos.

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Durch Internet-Präsenz neue Kunden: Bestellungen aus Mexiko

Optimal Records ist geschlossen, bietet aber, wie viele andere Geschäfte, die Platten jetzt über das Online-Portal "Discogs" an - in erster Linie Second-Hand-Alben, da hier die Gewinnspanne viel besser sei. "An einer neuen Platte, die 30 Euro kostet, verdienen wir nur drei, vier Euro", sagt Davidopoulos. Manche Stammkunden rufen auch an und holen Platten an der Tür ab.

Und Davidopoulos streamt seit Ausbruch der Corona-Krise eigene Sendungen live auf Facebook, die man im Nachhinein auf Youtube ansehen kann: Da legt der Musikenthusiast Platten auf, empfiehlt Neuerscheinungen, alte Favoriten und Obskuritäten quer durch alle Stile. Wie obskur? Darunter ist etwa persische Popmusik der 60er oder 70er Jahre. "Die Leute sagen, dass sie sonst nie die Chance hätten, so eine Musik zu hören", sagt er. Die Zuschauer gehen weit über München hinaus, nach einer der ersten Sendungen kam eine Bestellung aus Mexiko.

Umsatzrückgang von bis zu 80 Prozent

Doch bei aller Findigkeit: Im Januar rechnet Davidopoulos mit einem Umsatzrückgang von 70 bis 80 Prozent. "Du wirst hier nicht reich, bist froh, wenn Du pünktlich Rechnungen und Löhne zahlst, das machen wir seit 40 Jahren", sagt er. "Aber wenn es wochenlang keinen Umsatz gibt, sieht es nicht gut aus. Es kommt kaum etwas rein - ich soll aber meine Miete pünktlich zahlen. Der Hausbesitzer ist die Bundesrepublik Deutschland. Und es gibt keinen schlimmeren Vermieter als die Bundesrepublik Deutschland."

Er habe mit der Hausverwaltung gesprochen, dann mit der zuständigen Stelle des Bundes: "Die gehen keinen Millimeter zurück. Sie wollen die Miete bis auf den letzten Cent." Und das, nachdem man ständig von Wirtschaftshilfen, von "Bazookas" gehört habe.

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Ob Optimal Records die staatlichen Hilfen für den Dezember in Anspruch nehmen kann, sei auch noch unklar: Der Umsatz in den beiden Wochen vor dem Lockdown sei dafür möglicherweise zu hoch gewesen, meint Davidopoulos, vielleicht fällt der Laden deshalb unter das Raster - dabei sei doch ausgerechnet das wichtige Weihnachtsgeschäft weggebrochen. "Was sind das für Amateure!", schimpft Davidopoulos über die Politik. Seine aktuelle Prognose: "Wenn wir das noch ein, zwei Monate durchmachen müssen, wird es sehr, sehr kritisch."

Gerade mal 40 Quadratmeter groß: Ein-Mann-Geschäft "Best Records"

Zwei Monate ist auch die Spanne, die Christoph Best seinem Ein-Mann-Geschäft "Best Records" noch gibt. Das genießt ebenfalls einen sehr guten Ruf über die Stadtgrenzen hinaus, dabei ist es gerade mal 40 Quadratmeter groß. Genau das stellte Best im Sommer vor Schwierigkeiten: Nach dem ersten Lockdown durften gerade mal zwei Menschen im Laden stöbern, die anderen Kunden standen vor der Tür an.

"Das hat zu einem bizarren Druck auf die Leute geführt, die drin waren", sagt Best. "Manche sind gleich wieder gegangen. Aber es gibt auch die Rücksichtslosen, die trotzdem vier Stunden lang Maxisingles anhören. Da muss man dann auch mal Tacheles reden, und das war unangenehm."

Nach den nächsten Lockerungen durften vier Leute in den Laden. "Trotzdem standen zu Höchstzeiten am Freitagabend und am Samstag viele vor der Tür." Und damit die Kunden in den engen Gängen zwischen den Regalen die Abstandsregeln einhalten konnten, "fand ein ganz komisches Ballett statt." Gekauft aber haben die Leute mehr als sonst. "Sie hatten wohl im Hinterkopf, dass sie nicht oft die Chance dazu haben werden", sagt Best. "Sie haben ordentlich gewühlt und auch gleich dem Papa eine Platte mitgebracht."

Corona-Lockdown: Kein zweites Standbein im Internet

Doch jetzt im Lockdown geht für Best fast gar nichts. Er habe verpasst, sich im Internet ein zweites Standbein aufzubauen, sagt er, und wenn man dort nicht schon hunderte positive Bewertungen vorweist, könne man höchstens billige Platten verkaufen. Aber das, was den Laden ausmache, die Atmosphäre, lasse sich ohnehin nicht ins Internet transferieren. Best geht zurzeit jeden Tag in seinen Laden, ab und zu fragen Kunden nach bestimmten Platten. "Gerade eben haben Leute etwas abgeholt, was sie im Schaufenster gesehen haben", sagt er. Staatliche Hilfen habe er vor vier Wochen beantragt, aber bisher habe er noch nicht mal eine Eingangsbestätigung erhalten.

Alt-OB Christian Ude mit Christoph Best.
Alt-OB Christian Ude mit Christoph Best. © Best Records

Ein weiteres Problem sei, dass er kaum neue Ware kaufen könne. Sonst besucht er Menschen auch zuhause und erwirbt deren Sammlungen. "Aber die Leute verkaufen zurzeit nicht gern Platten, weil sie Angst voreinander haben." Mit einer prominenten Ausnahme: Kürzlich verkaufte Alt-OB Christian Ude Best seine LPs - eine wohlwollende Geste. Bests Frau hatte Ude angesprochen. "Ihm liegt der Einzelhandel offensichtlich am Herzen. Er will sich auch in seinem Bekanntenkreis für meinen Nachschub einsetzen", sagt Christoph Best.

Platten werden vermehrt im Internet gekauft

Aber die Uhr tickt, dauere der Lockdown noch zwei Monate, würde er zu viel Geld verlieren - und im Moment braucht er seine Altersvorsorge auf. "Vielleicht mache ich noch mal etwas Neues", sagt Best, "vielleicht werde ich ja Berufsimpfer." Er fürchtet nicht zuletzt, dass Plattenfans sich allmählich daran gewöhnen könnten, Platten auf anderem Wege zu kaufen - im Internet. Und dort kaufen sie derzeit tatsächlich verstärkt, wie Mathias Gordon bestätigt.

Der Berliner hatte früher selbst einige Plattenläden, machte dann E-Commerce in London und brachte schließlich beides zusammen. 2003 gründete er recordsale.de, mittlerweile ist es nach eigenen Angaben das weltgrößte Online-Portal für Second-Hand-Platten. 1,5 Millionen Exemplare lagern auf dem ehemaligen Bergmann-Borsig-Gelände in Berlin-Pankow, wo früher Schwerindustrie angesiedelt war. 42 Leute arbeiten hier, jeden Tag verschicken sie im Schnitt circa 1.000 Platten.

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Im ersten Lockdown sind die Umsätze bei dem Online-Anbieter auch erst mal geschrumpft. "Alle waren ja total aus dem Häuschen, jeder musste sein Leben neu organisieren, man hat noch nicht an Shopping gedacht", sagt Gordon. Doch seit dem zweiten Lockdown sei das anders: "Wenn Clubs und Konzerte wegfallen, kaufen Musikliebhaber halt Platten."

Die Umsätze bei recordsale.de gehen in Lockdown-Zeiten um ungefähr 30 Prozent hoch. Die stärkste Käufergruppe seien zuletzt die 25- bis 34-Jährigen gewesen, ein Drittel aller Käufer Frauen. "Beim E-Commerce kann ich meinen Mitarbeitern mehr Sicherheit bieten und mehr Gehalt - das ist die Arbeitgeberperspektive", sagt er. "Aber ein Plattenladen macht mehr Spaß." Dass dieser Spaß nicht bald ein tragisches Ende findet: Das hofft jeder, der jemals einen guten Plattenladen betreten hat.

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