Münchner Pfarrer Schießler über Kirchenaustritte: Ein Anlass zum Aufbruch

Der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler über die Austritte aus der Kirche, die für ihn auch eine Chance sind.
| Interview: Paul Nöllke
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Rainer Maria Schießler.
Daniel von Loeper Rainer Maria Schießler.

München - AZ-Interview mit Pfarrer Rainer Maria Schießler über die Tatsache, dass im vergangenen Jahr so viele Münchnerinnen und Münchner wie nie zuvor aus einer der großen Glaubensgemeinschaften ausgetreten sind.

AZ: Herr Schießler, die Zahl der Kirchenaustritte war in München 2019 hoch wie noch nie, und das ganz ohne kirchliche Skandale. Woran könnte es liegen, dass sich so viele von der Kirche abgewandt haben?
RAINER MARIA SCHIESSLER: Bischof Bätzing, der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, wies kürzlich darauf hin, dass wir uns die Frage stellen müssen, wo die Menschen, die monatlich Geld bezahlen für die Kirche, noch Berührungspunkte mit uns haben. Das ist der Hauptgrund, warum viele ihre Mitgliedschaft in der Kirche abgeben oder ruhen lassen, und genau diese Frage muss uns mehr umtreiben als das ständige Verurteilen, diese Leute wären eh Verräter an Kirche und Glaube. Bedrängender kommt jetzt die Erfahrung aus der Corona-Pandemie hinzu, die uns als Kirche für Wochen weggefegt und überflüssig gemacht zu haben scheint. Jetzt fragen sich noch mehr Leute: Wozu brauche ich die noch?

Wie kann man Menschen dafür begeistern, wieder in die Kirche zu kommen?
Gehen wir an den Anfang der Jesus-Bewegung: Menschen sind einfach mit ihm mitgegangen, waren fasziniert von seinen Worten und seinem Umgang. So müssen wir auch heute uns aufstellen: Menschen einladen, auf sie zugehen, und nicht warten, bis sie kommen; unser Umgang muss einladend die Lebenswirklichkeit der Menschen treffen. Unsere Gottesdienste müssen offen sein und nicht exklusiv, unsere Sprache klar und verständlich, unsere Riten nachvollziehbar und unsere Lehrinhalte den Zeitgeist ansprechen, etwa in der Sexualmoral. Keinesfalls ist die systematische Ausgrenzung von Menschen weiblichen Geschlechts und anderer sexueller Orientierung heute noch hinnehmbar. Vielleicht nimmt man uns dann wieder ernst!

Wie entwickelt sich wohl die Zahl der Gläubigen? Wenden sich mit Corona vielleicht mehr Menschen der Kirche zu?
Der Trend wird so weitergehen und in den Städten noch massiver werden. Auch die Landpastoral wird die Abkehr von der Kirche spüren. Die Kirchen sind auch dort schon längst nicht mehr gefüllt. Doch dies ist für mich eher ein Anlass zum Aufbruch als zur Resignation. Jetzt gilt es, zu zeigen, dass Kirche nichts als Heimat sein will, die jedem offen steht, nicht mehr und nicht weniger. Dazu müssen wir alle Gelegenheiten nützen, bei Sakramentenspendungen wie Taufe, Hochzeit und Beerdigung, bei öffentlichen Anlässen und auf der Straße. Suchst Du Gott und die Kirche, suche sie am Straßenrand, dort schlägt Gottes Herz ganz knapp über dem Straßenpflaster, sagte Bischof Jacques Gaillot, Bischof von Evreux.

Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema: Am Menschen vorbei

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