Kommentar

Kirchenaustritte: Am Menschen vorbei

Der AZ-Reporter Paul Nöllke über die gestiegene Zahl der Kirchenaustritte in der Stadt München. 
| Paul Nöllke
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In St. Michael hatte der Mann zwischen die Kirchenbänke uriniert.
imago/Joko In St. Michael hatte der Mann zwischen die Kirchenbänke uriniert.

Vor ein paar Monaten ging ich mit einem Freund in die Frauenkirche. Er war lange nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen, doch nachdem ein Familienmitglied verstorben war, wollte er doch wieder in die Kirche gehen. Ich bestärkte ihn, denn ich hatte zu schwierigen Zeiten oft Trost im Gottesdienst gefunden. Doch der Gottesdienst, den wir besuchten, spendete keinen Trost.

Die Rede war von Sünde, es ging um Ehebruch in der Predigt. Von Barmherzigkeit, Nähe oder Liebe war kaum die Rede. Ich glaube nicht, dass mein Freund bald wieder in die Kirche gehen wird, wenn er Trost sucht.

Hinter den 15.854 Kirchenaustritten letztes Jahr stehen viele solcher Geschichten. Die Kirche hat diesen Menschen nicht gegeben, was sie suchten. Dass nun so viele Menschen austreten wie noch nie zuvor, zeigt:

Die Kirche muss ihre Schäflein annehmen, wie sie sind, ihnen zuhören, Trost spenden, Hoffnung geben – und dabei selber glaubhaft sein. Sonst gehen die Lichter aus.

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