Münchner Party-Legende Wolfgang Nöth: Verrückt, aber menschlich

Wolfgang Nöth hat München wachgerüttelt, die Verwaltung hartnäckig genervt und junge Nachteulen gefördert. Ein Nachruf auf den Hallenkönig.
| Thomas Becker
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Das ist wohl nicht ganz ernst gemeint: Wolfgang Nöth in einer Dusche aus Geld (DM!).
Das ist wohl nicht ganz ernst gemeint: Wolfgang Nöth in einer Dusche aus Geld (DM!). © Archiv/Schnetzer

München - Die Zahl derer, die Wolfgang Nöth einen Fetznrausch verdanken, dürfte in die Hunderttausende gehen. Nicht weniger junge Menschen haben bei Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers und Konsorten prägende Erfahrungen gemacht und womöglich bei der Gelegenheit ihren Lebensmensch kennengelernt.

Und dann sind da noch die Heerscharen, die auf einem seiner Flohmärkte die einzig wahre Kommode erstanden haben, die an diese nächste Generation vererbt wird. Viele gute Gründe also, diesem Menschen zu danken, der am Sonntag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben ist.

Wolfgang Nöth gestorben: Ein Münchner Tausendsassa

Sollte jemand mal eine Biografie über Wolfgang Nöth in Angriff nehmen, er sollte reichlich Buchstaben in petto haben. Denn was Nöth alles erlebt und angeschoben hat, reicht für mehrere Leben. Eine Schote, die dabei nicht fehlen darf und die Nöths Charakter verdeutlicht, ist die aus dem Fraunhofer-Theater Anfang der 80er.

Die Milchbar, um die Jahrtausendwende eine Kultlocation im Ostbahnhof. Nöth ließ die Betreiber, zwei damals junge Burschen, einfach machen - und hatte den richtigen Riecher.
Die Milchbar, um die Jahrtausendwende eine Kultlocation im Ostbahnhof. Nöth ließ die Betreiber, zwei damals junge Burschen, einfach machen - und hatte den richtigen Riecher. © Archiv/Schlüter

Kabarettist Sigi Zimmerschied hatte wochenlang vor ausverkauftem Haus gespielt, "und Nöth konnte es nicht fassen, dass man Leute nach Hause schickt, weil das Haus voll war", erinnert sich Zimmerschied, "da hat er nur einen Lösungsweg gefunden: die Bühne täglich mit einer großen Säge zu verkleinern. Zuerst hat er rechts und links ein Stück abgeschnitten und wieder fünf Stühle hingestellt - und immer noch gefunden, dass ich zu viel Platz habe. Im Verlauf einer Woche hat er mir die Bühne auf Podestgröße verkleinert. Ich hab' einfach nur gestaunt. Er hat ja immer was Fröhliches dabei gehabt, war immer nah am Scherz, hat teilweise selber nicht fassen können, was er da gemacht hat, hat sich aber auch dafür gefeiert."

Ude über Nöth: "Ein Segen für die Stadt, aber ein Strapaze für die Verwaltung"

Auch die Liste derer, die Wolfgang Nöth seit seinem Erscheinen in München 1978 einiges Kopfzerbrechen verursacht hat, ist lang. Stellvertretend sei Ex-OB Christian Ude (SPD) genannt, der das Dilemma mal so zusammenfasste: "Wolfgang Nöth ist ein Segen für die Stadt, aber eine Strapaze für die Verwaltung. Mit seinem Dickschädel überwindet er auch mal behördliche Auflagen."

In Fröttmaning will Nöth den Kunstpark Nord etablieren, doch die Stadt kippt das Vorhaben 2008.
In Fröttmaning will Nöth den Kunstpark Nord etablieren, doch die Stadt kippt das Vorhaben 2008. © ho

Der passende Nöth-Satz dazu: "Einer muss ja den Prügel aus der Tasche ziehen, damit in München etwas passiert." Und es ist so einiges passiert. Angesichts der Masse von realisierten Projekten müssen Stichpunkte genügen: Theaterfabrik Unterföhring, Nachtwerk, Kulturzentrum München-Riem, Kunstpark Ost, Optimolwerke, Zenith, Spiegelsalon, Postpalast und und und.

Davor war der als Waisenkind mitten im Krieg in Unterfranken geborene Nöth im Kloster aufgewachsen, hatte eine Lehre bei Neckermann gemacht, als Dachdecker, in einer Spedition, einer Ziegelei und einer Cola-Fabrik gearbeitet sowie in München im Schlachthof und als Holzverkäufer.

Das Fraunhofer war sein Wohnzimmer

Bis er im Fraunhofer hängen blieb. Zimmerschied erinnert sich: "Der Wolfgang hat Anfang der 90er mit seiner Unternehmerlust der damals stagnativen, vor sich hin modernden Kabarettszene Kraft und Entschlossenheit zurückgebracht." Der Ideenreichtum dieses "Berserkers" sei wie eine Frischzellenkur gewesen - obwohl er völlig genrefremd als Schreiner im Fraunhofer saß. "Da hat er ein Betätigungsfeld gefunden, das er durch sein Wesen belebt hat."

Gleichzeitig habe Nöth aber auch den Kapitalismus ins Kabarett gebracht: "Dass die Worte Kabarett und Halle in einem Atemzug genannt werden können, hat man auch dem Nöth zu verdanken." Er sei manisch, rastlos gewesen, "immer mehr, immer größer - aber ohne die Menschlichkeit zu verlieren, war immer loyal und sozial, hat Angestellte und Künstler unterstützt. Er war nicht dieser deutsche Heimwerkerkapitalist, sondern hat was Wildes gehabt, was Amerikanisches, eine Mischung aus Rockefeller und Don Bosco. Das habe ich wirklich bewundert."

2001 pilgern Partyfreudige aus München und dem Umland zum Kunstpark Ost, dem Großraumdisko-Dorado.
2001 pilgern Partyfreudige aus München und dem Umland zum Kunstpark Ost, dem Großraumdisko-Dorado. © imago images/Markus Götzfried

Auch Till Hofmann hat Nöth "total geschätzt, für seine Geradlinigkeit". Der habe sich nie unterkriegen lassen durch irgendwelche Bedenken, habe "in Grind eine Poesie entdeckt". Der sei einfach Subkultur gewesen, habe mit einer Energie losgelegt, mit dem "Blick eines Zirkusdirektors".

Kunstpark Ost, Milchbar, Lustspielhaus - überall war Nöth dabei

"Wer hätte geglaubt, dass auf dem Pfanni-Gelände so etwas entstehen kann?", sagt Hofmann über das Gelände, das viele als Kunstpark Ost kennen. "Das sind Perlen für eine ganze Generation gewesen." Die ganze Techno-Geschichte sei da draußen losgegangen. Oder wie er den Faltenbacher-Brüdern einfach die Milchbar gegeben hat: ‚Macht's halt mal!'" Oder wie er Hofmann 1996 das Lustspielhaus verpachtete, das Nöth mit Bruno Jonas und Herbert Frey gekauft hatte. Hofmann: "Ich habe ihm einiges zu verdanken."

So soll man ihn in Erinnerung behalten, sagen Weggefährten.
So soll man ihn in Erinnerung behalten, sagen Weggefährten. © privat

Zimmerschied bewundert derweil "dieses Sanguinische, diese Unberechenbarkeit, dieses Nach-vorn-Drängende, dieses Riskieren". Er sei nie tabellarisch durchs Leben gegangen.

"Durch diese Art hat er ein Füllhorn von Episoden geschaffen. Wenn eine Halle fertig war, hat er einen Spaten genommen und ein neues Loch ausgehoben. Das war ihm einfach ein Bedürfnis. Allein durch seine Unruhe hat er angesteckt und Mut gemacht", sagt Zimmerschied.

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"Er hat gezeigt: Man kann verrückt sein oder verrückte Ideen haben, aber es geht, ohne dass man unmenschlich oder zum Ausbeuter wird, ohne dass man rechts und links alles kaputt macht. Das hat angesteckt und sicher viele inspiriert, selbst etwas zu machen."

Was ruft man so einem Nimmermüden nach? Ruhe in Frieden? Da würde er lachen unter seiner ewigen Basecap, der Wolfgang Nöth. Vielleicht eher: Rock on! Petrus kann sich jedenfalls auf einiges gefasst machen.

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