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Münchner Kriminalfälle: Horst David, der Serienmörder von nebenan

Horst David, der Würger von Regensburg, galt als freundlicher Biedermann, dabei tötete er immer wieder Frauen. Ein Münchner Ermittler brachte ihn zur Strecke, besonders ein Fall schrieb Kriminalgeschichte.
| Myriam Siegert
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Horst David vor Gericht.
Horst David vor Gericht. © imago images/Michael Westermann

Ganz allein steht der kleine Bub auf dem Bahnsteig in Hof. Um seinen Hals ein Schild, auf dem sein Name steht. Fünf Jahre ist er alt. Es ist 1944 und so geht man davon aus, dass der Bub auf der Flucht stehengelassen oder verloren wurde. Das Kind kommt in ein Kinderheim. Jahrzehnte später wird dieser kleine Junge als einer der schlimmsten Serientäter in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen.

Der Mörder wuchs im Kinderheim auf

An die ersten Jahre und an seine Mutter habe er kaum eine Erinnerung, nur dass er auf einem Hof lebte und eine Frau ihn zu Bett brachte und über seine Haare strich. So zitiert die Spiegel-Gerichtsreporterin, Gisela Friedrich im Dezember 1995 den Angeklagten Horst David. Der ist 1938 in Breslau geboren, ein uneheliches Kind, der Name des Vaters unbekannt.

Nach vier Jahren im Kinderheim wird seine Mutter gefunden. Der Bub freut sich, beginnt, ihr Briefe zu schreiben, doch sie antwortet selten, ruft nicht an, besucht ihn nie – und sie holt ihn nicht zu sich. Er hat nicht einmal ein Foto von ihr – und erfährt nie, warum sie ihn auf dem Bahnhof alleine ließ.

Von alledem erzählt David vor Gericht ganz nüchtern. Er habe sich nicht ausgesetzt und im Heim wohlgefühlt. Das Gericht lobt, dass er "nicht auf die Tränendrüse drückte". "Muss man unbedingt hineingeheimnissen, dass hier was Besonderes kaputtgegangen ist?", wird der Richter zitiert.

Legendärer Mordermittler bringt David zum Sprechen

Horst David ist angeklagt, sieben Frauen in den Jahren 1975 bis 1993 in München und Regensburg ermordet zu haben. Waltraud Frank (24) und Fatima Grossart (23) 1975, Barbara Ernst (59) 1981, Martha Lorenz (67) 1983, Maria Bergmann (70) 1984, Kunigunda Thoss (84) 1992 und Mathilde Steindl (85) 1993. Innerhalb weniger Tage hat er im Juni 1994 diese Taten gestanden. Zum Sprechen gebracht hat den „Würger von Regensburg“ der Kriminalkommissar und spätere Leiter der Münchner Mordkommission, Josef Wilfling.

Josef Wilfling ist nach seiner Pensionierung 2009 unter die Buchautoren gegangen und hat Erinnerungen aus seinen 42 Dienstjahren in mittlerweile drei Büchern untergebracht. „Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden“ (Heyne, 2011, 8,99 Euro), „Verderben. Die Macht der Mörder“ (Heyne, 2015, 19,99 Euro Hardcover) und „Unheil. Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne 2014, 8,99 Euro).
Josef Wilfling ist nach seiner Pensionierung 2009 unter die Buchautoren gegangen und hat Erinnerungen aus seinen 42 Dienstjahren in mittlerweile drei Büchern untergebracht. „Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden“ (Heyne, 2011, 8,99 Euro), „Verderben. Die Macht der Mörder“ (Heyne, 2015, 19,99 Euro Hardcover) und „Unheil. Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne 2014, 8,99 Euro). © Gregor Feindt

Im August 1975 werden in München an einem Wochenende zwei Prostituierte ermordet. Waltraud Frank (24) und Fatima Grossart (23). Letztere, eine gebürtige Marokkanerin, ist ihren Kunden als Soraya bekannt und gilt als begehrteste Prostituierte der Stadt.

David bricht regelmäßig aus dem Familienleben aus

Horst David, ein fleißiger Maler, verheiratet, zwei Söhne, lebt im Dorf Hainsacker bei Regensburg ein bürgerliches angepasstes Leben, ist bei den Nachbarn beliebt. Doch immer wieder bricht er aus, verschwindet tagelang. Es zieht in ihn in die Bahnhofsviertel. Er will in den Bars etwas gelten, ist spendabel. Dementsprechend ist die Familie immer knapp bei Kasse, Die Ehe geht in die Brüche.

Die Polizei glaubt zunächst an einen Zuhälterkrieg

An diesem Wochenende ist David in München und er kontaktiert Prostituierte. Am 22. August fährt er zu Waltraud Frank in die Winzererstraße. Nach dem Sex erwürgt er die junge Frau. Zwei Tage später besucht er Fatima Grossart in der Arcisstraße 48. Sie erwürgt er sofort.

Die Polizei glaubt zunächst an einen Zuhälterkrieg und verhaftet Sorayas Mann, einen bekannten Künstleragenten. Er wird freigesprochen. Die Morde werden zu den Akten gelegt. Der wahre Täter bleibt fast 20 Jahre unentdeckt.

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Bis am 7. September 1993 die Rentnerin Mathilde Steindl erwürgt in ihrer Wohnung gefunden wird. Ihr Nachbar, Horst David, wird festgenommen, Fasern ihrer Kleidung finden sich auf seinem Unterhemd. Er gilt als Hauptverdächtiger, doch man kann ihm nichts nachweisen. Allerdings muss er seine Fingerabdrücke abgeben.

Eine neue Technik überliefert ihn

1994 kommt das nagelneue "Automatisierte Fingerabdruckidentifizierungssystem" (AFIS). Es wird mit sämtlichen archivierten Fingerabdrücken seit dem Jahr 1947 gefüttert und gleicht diese mit Spuren von Tatorten ab. Einer der ersten Treffer: Horst David.

Eine Übereinstimmung mit Fingerabdrücken aus der Wohnung von Waltraud Frank, 19 Jahre nach ihrem Tod. Es wird das erste Mal sein, dass ein Fall mit Hilfe dieser Technik gelöst wird. Der Fall schreibt Kriminalgeschichte.

Die Spur, mit der die Ermittler vor dem Treffer nicht anzufangen wussten, ist ein Fingerabdruck auf einem Cola-Glas in der Wohnung der ermordeten Waltraud Frank. Niemand hatte David zuvor mit den Morden an den Münchner Edel-Prostituierten in Verbindung gebracht.

Die Ermittler stellen David eine Falle

"Man wäre definitiv nicht auf ihn gekommen, er hat ja in Regensburg gelebt, ein Spurenvergleich wäre nie zu Stande gekommen", sagt Wilfling. "Aber jetzt wussten wir, da stimmt was nicht. Da muss es jedem Kriminalbeamten die Federn aufstellen." David wird zunächst als Zeuge vernommen. Das nutzen die Ermittler, um ihm eine Falle zu stellen.

Ein biederer, freundlicher, gepflegter Mann. Ein unauffälliger Zeitgenosse, ein Spießer. Diesen Eindruck hinterlässt Horst David auf die Ermittler. "Dass der ein Mörder, gar ein Serienmörder sein könnte, hat man ihm nicht angesehen", sagt Wilfling. Aber: "Man hat gemerkt, dass er unter Hochspannung steht."

Erst streitet er alles ab

David streitet erst alles ab. Dass er jemals in München oder bei einer Prostituierten war. Erst als die Polizei ihn mit der Fingerspur konfrontiert, gibt er zu: "Ich habe gelogen" und räumt ein, an dem Wochenende vor 20 Jahren bei zwei Prostituierten gewesen zu sein. Beide seien umgebracht worden, habe er gelesen, er sei es aber nicht gewesen.

Schon 2008 wird Horst Davids Geschichte in dem ARD-Doku-Drama „Der Mann, dem die Frauen vertrauten – Der Serienmörder Horst David“ (Regie Walter Harrich) mit Ulrich Tukur in der Rolle des Serienmörders verfilmt. Josef Wilfling spielt sich selbst.
Schon 2008 wird Horst Davids Geschichte in dem ARD-Doku-Drama „Der Mann, dem die Frauen vertrauten – Der Serienmörder Horst David“ (Regie Walter Harrich) mit Ulrich Tukur in der Rolle des Serienmörders verfilmt. Josef Wilfling spielt sich selbst. © Ulrich Perrey (dpa)

Ein "Zufall", den die Ermittler anders einschätzen. David wird festgenommen. Josef Wilfling stellt sich schon auf eine lange Nacht ein, da beginnt David zu erzählen. "Für mich als Ermittler ein Moment wie Weihnachten." Sieben Morde gesteht Horst David. Zwei an Prostituierten, fünf an Rentnerinnen. Vier davon waren gar nicht bekannt, es war eine natürliche Todesursache attestiert worden. Die Sache wird zur Sensation.

Plötzlich packt der Frauenmörder aus

Warum der Frauenmörder plötzlich auspackte? Wilfling erzählt, David hatte wohl Vertrauen gefasst. "Einem, der ihn anschnauzt, hätte er sicher nichts gesagt." Dabei habe David nur die Taten zugegeben, von denen er annahm, "dass wir ihm sowieso draufgekommen wären."

Ermittler Wilfling hinterlässt bei dem Serienmörder jedenfalls einen bleibenden Eindruck: Aus dem Gefängnis schreibt Horst David ihm jahrelang Postkarten. Dann endet der Kontakt abrupt. "Unser Verhältnis war so, dass er beim nächsten Mal noch mit dem Rest rausrücken müsste." Wilfling ist überzeugt, David hat noch mehr Morde begangen. Dafür gebe es gewichtige Anhaltspunkte. Als er das 1994 in einem Interview erzählt, schreibt David ihm einen bösen Brief.

Die Toten waren drapiert

Als dringend verdächtig gilt David in mindestens drei weiteren Fällen: dem einer Prostituierten in Augsburg, einem Fall in Nürnberg und im Fall einer Nachbarin in Davids Wohnort Hainsacker. Die alte Frau hatte ein Salatblatt in der Hand. Typisch für die Taten Horst Davids: Die Toten waren drapiert, als handele es sich um einen Haushaltsunfall oder natürlichen Tod. "Der einen hat er ein Reiseprospekt in die Hand gedrückt, der anderen einen Staublappen."

"Chiffrierte Muttermorde"

Warum mussten all diese Frauen sterben? Ein Gutachter diagnostiziert "chiffrierte Muttermorde". Seine unemotionale Aussage vor Gericht, bewertet ein Psychologe als Versuch mit der traumatisierenden Kindheit umzugehen: vergessen um weiterzuleben.

Eine Fähigkeit, die David offenbar beherrschte: Wilfling erzählt, er habe in seinen Berufsjahren keinen anderen Täter kennengelernt, der so verdrängt hat und nach einem Mord so schnell in sein normales Leben zurückgekehrt ist. „In einem Fall ist er zum Zigaretten holen gegangen, hat eine Rentnerin erdrosselt und ist dann nach Hause zurück.“

Streit um Geld und Demütigungen

Sicher sei da "irgendetwas Seelisches", David sei ambivalent gewesen, galt einerseits als Gentleman, auf der anderen war da ein Hass auf Frauen. David habe nicht erlaubt, dass man in ihn reinschaut. Er wollte kein Sexualmörder und kein Geisteskranker sein. Wilfling glaubt, David habe gemordet, weil er Geld brauchte. Alle Opfer wurden beraubt, teils nur lächerliche Beträge.

David sagt aus, mit allen Opfern habe es Streit um Geld gegeben. Aber auch: Alle Opfer hätten ihn angeschrien, gedemütigt und beleidigt. Er habe einen Blackout gehabt, hätte die "Furien" "zum Schweigen bringen" wollen. Bei den Taten habe er immer das Bild seiner Ex-Frau vor Augen gehabt, die ihn "viel und zu oft gedemütigt, beleidigt und verletzt habe".

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Im Dezember 1995 verurteilt das Landgericht München I Horst David zu lebenslanger Haft. Zwölf Jahre später schreibt er als 70-Jähriger auf Anfrage der Drehbuch-Autorin Danuta Harrich-Zandberg seine Erinnerungen nieder und schildert in über 100 Briefen seine Taten.

2020 starb er in der JVA

Auch in ihnen wird offenbar: Die Schuld an den Morden gibt David nicht sich selbst. Die Frauen hätten ihn so lange gereizt, bis der Hass in ihm hochgekommen sei, er nicht mehr ans sich halten konnte. In einem Brief schreibt er: "Es gibt Menschen, die sind zum Heilen und Helfen geboren, andere zum Vernichten."

Rund 25 Jahre sitzt Horst David im Hochsicherheitsgefängnis in Straubing ein, in den letzten Jahren auf der Krankenstation. Am 8. November 2020 stirbt er 81 Jahre alt in der JVA.

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