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Münchner Kriminalfälle: Ein Prozess wie im Gerichtsfernsehen

Das Käferzelt, eine Messerattacke und bestochene Zeugen: der Wiesn-Prozess von 2016.
| Sophie Anfang
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Die Angeklagte Melanie M. vor Gericht.
Die Angeklagte Melanie M. vor Gericht. © AZ-Archiv

München - Wäre der Prozess um die Messerattacke vor Käfers Wiesnschenke ein Tatort-Drehbuch, man hätte es verreißen müssen.

 

Eine junge Frau (34) aus der High Society, die erst mit einem Ex-Fußballprofi und ihrem Millionärsfreund (64) bei Champagner auf dem Oktoberfest feiert und dann einem 33-Jährigen ein Messer in den Rücken rammt.

Eine tränenreiche Vernehmung vor Gericht. Ein gekaufter Zeuge. Aber den Prozess gab es wirklich und er erinnerte die Prozessbeobachter nicht selten an eine schlecht gespielte Gerichtsshow.

Ex-Bundesliga-Profi Patrick Owomoyela rassistisch beleidigt

23. Mai 2016, Melanie M. sitzt auf der Anklagebank des Landgerichts. Sie soll am 19. September 2015 Marco S. ein Messer in den Rücken gerammt haben, nachdem er zuvor Ex-Bundesliga-Profi Patrick Owomoyela rassistisch beleidigt hatte.

M. gibt damals tränenreich zu Protokoll, dass alles ganz anders gewesen sei. Marco S. habe sie bedroht, aus Furcht habe sie zugestochen. Eine Tatversion, die der Lebensgefährte von Melanie M. im Verlauf des Prozesses noch untermauern wird - allerdings mit einem gekauften Zeugen.

Auch von Anwaltsseite wird großes Geschütz aufgefahren. Neben dem bekannten Juristen Steffen Uffer aus München sind die Hamburger Star-Anwälte Gerard Strate und Annette Voges angereist. Angeklagte und Lebensgefährte sind auch selbst aus der Hansestadt.

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Und auch der "Spiegel" ist von der Elbe aus angereist. Gisela Friedrichsen, damals dessen Gerichtsreporterin, nimmt neben den Münchner Schreibern Platz. Natürlich hat sie keinen Kuli wie der Rest auf der Pressebank, sondern einen edel wirkenden Füller.

Es ist ein Medienspektakel, schon dieser erste Tag. Mit vielen Tränen, kritischen Nachfragen des Richters. Der "Spiegel" macht in seinem ersten Artikel daraus den Versuch der Münchner Justiz, das Image des Oktoberfests zu retten - auf Kosten einer jungen Frau, die sich nur wehren wollte.

Ein Zeuge wird noch im Gerichtssaal festgenommen

So einfach wird es dann nicht. Das zeigt sich schon wenige Prozesstage später. Ein Mann sagt aus. Der Zeuge behauptet, beobachtet zu haben, wie das Opfer Marco S. die Angeklagte bedrohte. Doch weil die Aussage so glatt zugunsten der Angeklagten ausfällt, wird er auf Geheiß der Staatsanwaltschaft noch im Gerichtssaal wegen uneidlicher Falschaussage festgenommen.

In Untersuchungshaft gesteht der Mann: Er sei noch nie auf der Wiesn gewesen. Vielmehr habe ihm der Lebensgefährte von Melanie M. 100.000 Euro für die Falschaussage bezahlt, weitere 100.000 Euro wären geflossen, wenn M. aus der U-Haft entlassen worden wäre.

Auch der Multimillionär wird daraufhin verhaftet, kommt aber später wieder frei.

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Am 10. August 2016 endet das Gerichtsspektakel. Viereinhalb Jahre Haft wegen Totschlags bekommt Melanie M. Auch mit ihren Anwälten geht der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann hart ins Gericht. Ein derartiges Verhalten habe er in 27 Jahren nicht erlebt, poltert er.

Einer der Gescholtenen, Gerard Strate, nennt das im Anschluss "Anwalts-Bashing". Das ihn aber nicht überrasche, als Hamburger Verteidiger sei man in München eben nicht willkommen.

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