Interview

Münchner Feuerwehrchef Schäuble: "Wir waren immer im Nachlauf"

Wolfgang Schäuble löscht als Chef der Feuerwehr nicht nur Brände, sondern managt auch die Corona-Krise. Ein Gespräch über Chaosphasen, fehlende Regelwerke und darüber, ob die Stadt Fehler gemacht hat.
| Christina Hertel
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Ein Feuer und eine Pandemie haben vieles gemeinsam, findet der oberste Krisen-Manager der Stadt: Wolfgang Schäuble.
Ein Feuer und eine Pandemie haben vieles gemeinsam, findet der oberste Krisen-Manager der Stadt: Wolfgang Schäuble. © Sigi Müller

AZ-Interview mit Wolfgang Schäuble: Seit 2005 ist der 59-Jährige Leiter der Branddirektion München. Er ist damit Chef der Berufs- und der Freiwilligen Feuerwehr.

Er ist Münchens oberster Feuerwehrmann. Doch seit fast zwei Jahren kämpft Wolfgang Schäuble nicht nur gegen Brände, sondern vor allem gegen die Corona-Pandemie. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) fragte ihn zu deren Beginn, ob er den städtischen Krisenstab leiten wolle - und Schäuble sagte zu.

Seitdem, seit März 2020, diskutiert der Krisenstab alle Themen, die gerade wichtig sind - zum Beispiel, ob die Wiesn und der Christkindlmarkt stattfinden dürfen, wo geimpft und getestet wird und welche Regeln in den Altenheimen gelten. Die Entscheidungen trifft allerdings der OB selbst.

Im AZ-Interview spricht Wolfgang Schäuble darüber, ob die Stadt im Kampf gegen Corona Fehler einräumen muss, was ihn die meisten Nerven gekostet und wie er den Stress bewältigt hat.

AZ: Herr Schäuble, welchen Unterschied macht es, ob man ein Feuer oder eine Pandemie bekämpft?
WOLFGANG SCHÄUBLE: Die Zeitläufe sind unterschiedlich. Ein Feuer ist nach ein paar Stunden gelöscht, die Pandemie beschäftigt uns seit fast zwei Jahren. Aber es gibt schon viele Ähnlichkeiten. Ich denke, dass mich der OB deshalb ausgewählt hat, weil wir Feuerwehrleute eine gewisse Methodik haben, unvorhergesehene Ereignisse möglichst schnell zu strukturieren.

Und wann haben Sie das letzte Mal einen Brand gelöscht?
Vor acht Wochen war das. Da hat es in einem Hochhaus gebrannt. Das war ganz spannend, weil es zwei Brandherde gab, einen in der Tiefgarage und einen im zwölften oder 13. Obergeschoss.

Schäubles Büro in der Hauptfeuerwache am Sendlinger Tor.
Schäubles Büro in der Hauptfeuerwache am Sendlinger Tor. © Sigi Müller

Corona hält Sie also momentan nicht ständig auf Trab?
Nein, denn Krisenmanagement beschäftigt sich ja damit, ein Chaos in einen Regelzustand zu führen. Dann ist man die Arbeit eigentlich los, denn die inhaltliche Ausgestaltung übernehmen andere. Der Zeitaufwand hat über die letzten 20 Monate krass gewechselt. Das erste halbe Jahr hat Corona 150 Prozent meiner Arbeitszeit in Anspruch genommen, und 20 Prozent die Feuerwehr. Jetzt sind es vielleicht 50 Prozent Corona und 80 Feuerwehr.

Das macht aber immer noch 130 Prozent.
Ich arbeite ein bisschen länger als acht Stunden. Weil ich nicht so gerne früh aufstehe, fange ich in der Regel gegen neun an, aber dann bleibe ich bis 20, 21 Uhr.

Wann haben Sie gemerkt, dass Corona mit keiner Grippewelle vergleichbar ist?
Relativ früh. Denn das Konzept war ein ganz anderes: Bei der Vogelgrippe und bei der Schweinegrippe gab es auch die Sorge, dass es die Menschen stark treffen könnte. Auch da wurden Pandemiepläne erstellt. Da ist man davon ausgegangen, dass nach und nach die Menschen ausfallen und nicht mehr arbeiten können. Bei Corona hat man plötzlich alle nach Hause geschickt, um die Pandemie einzudämmen. Das war ein völliger Paradigmenwechsel.

"Wann die neuen Regeln erschienen sind, hat mich geärgert"

Was mussten Sie neu lernen?
Geduld. So eine Struktur wie den Krisenstab gibt es ja in einem normalen Verwaltungsablauf nicht.

Die Treffen sind eigentlich geheim. Verraten Sie uns trotzdem, wie sie abliefen?
Immer nach einem gleichen Prozedere. Es beginnt mit einer Lagedarstellung. Wir schildern, wie sich die Infektionslage, die Auslastung der Intensivbetten und die Impfquote entwickelt haben. Danach werden die einzelnen Ressorts abgefragt, was sie brauchen. Das hat immer einen Umfang von zwei Stunden.

Wie sehr hat es Sie geärgert, wenn sich die Richtlinien ständig geändert haben?
Geärgert hat mich nicht, dass sich Richtlinien geändert haben, sondern wann die neuen erschienen sind. In den Pressekonferenzen am Dienstag hat die bayerische Staatsregierung immer schon grob skizziert, welche neuen Regeln kommen sollen. Aber meistens haben die Kreisverwaltungsbehörden, die diese Regeln umsetzen müssen, den genauen Wortlaut oft erst am Freitag um 22 Uhr bekommen. Aber schon um null Uhr galten die neuen Regelungen. Damit waren wir immer in einem Nachlauf, der sich unschön anfühlt.

In den zwei Jahren Pandemie fehlte ständig irgendwas, zuerst Masken, dann Impfstoff. Was war schwieriger zu beschaffen?
Alles war schwierig, egal ob es um Impfstoff oder Schutzausrüstung ging. Denn Mangel heißt immer, dass man priorisieren muss, wer was zuerst bekommt. Wir haben mit einem großen Kraftakt das Impfzentrum innerhalb von vier Wochen aufgebaut, aber erst Wochen später konnte es unter Volllast laufen. Das stresst schon.

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Was haben Sie gemacht, um den Stress zu bewältigen?
In der ersten Phase bin ich viel spazieren gegangen. Es war eine ganz spannende Zeit, weil da die Arbeit so fokussiert war. Im ersten Lockdown war jeder Tag gleich. Auch Samstag und Sonntag haben wir damals gearbeitet. In der ersten Welle hatten wir noch keine Videokonferenzsysteme. Da haben wir uns tatsächlich unter Sicherheitsabstand und Masken im Rathaus getroffen. Wenn der Krisenstab samstags um 12 Uhr mittags fertig war, habe ich manchmal vier Leute auf dem Marienplatz gesehen. Das war spooky.

Und diesen Sommer saßen die Menschen fast ganz normal im Biergarten. Haben Sie kommen sehen, dass die Lage wieder so ernst wird?
Natürlich wussten wir, dass das Coronavirus eher ein Wintervirus ist. Die Frage war, wie groß die Dimension sein wird. Im Sommer 2021 waren ja viele schon geimpft, deshalb war es schwierig, das abzuschätzen. Denn die Corona-Maßnahmen haben ja eigentlich nur das Ziel, dafür zu sorgen, dass jeder, der ein Intensivbett braucht, eines bekommt. Alleine, dass die Inzidenzen hochgehen, wäre nicht das Problem, mit der Grippe leben wir auch gut. Aber leider ist bei Corona der Anteil derer, die einen schlimmen Verlauf haben und ein Intensivbett benötigen, noch sehr hoch.

"Die Corona-Krise hat Wunden in der medizinischen Versorgung hinterlassen"

Die Opposition wirft dem Rathaus ein desaströses Management vor. Welche Note würden Sie ausstellen?
Natürlich kann man immer etwas besser machen. Die Frage ist aber, wer im August tatsächlich bei niedrigster Inzidenz bereits schärferen Maßnahmen politisch zugestimmt hätte und die erforderlichen Millionenbeträge genehmigt hätte.

Das Gesundheitsamt hat die Corona-Inzidenzen lange falsch erfasst. Wie konnte das passieren?
Als im Sommer die Inzidenzen niedrig waren, mussten wir das Personal in der Kontaktverfolgung herunterschrauben. Wir konnten schließlich nicht Hunderte Menschen bloß da sitzenlassen, ohne dass sie etwas zu tun haben. Das ist für die Mitarbeiter nicht schön, aber es ist auch finanziell eine Riesen-Belastung. Und wenn dann die Infektionszahlen rasant steigen, sind fünf Tage eine Welt.

Aber das gleiche Problem mussten andere Städte auch bewältigen - aber da gab es keine falschen Zahlen.
Ist das so? Oder hat man sich einfach mit den Zahlen in Berlin oder Hamburg nie so richtig beschäftigt? In Krisen muss man immer mit einer sogenannten Chaosphase leben und in dieses Chaos muss man Struktur bringen. Schnelle Änderungen können immer wieder so eine kurzfristige Chaosphase auslösen.

Doch offensichtlich ist das nur schlecht gelungen. Die Lage diesen Winter auf den Intensivstationen war dramatisch.
Die Lage in den Krankenhäusern ist tatsächlich angespannt. Denn die Corona-Krise hat Wunden in der medizinischen Versorgung hinterlassen. Die Krankenhäuser haben über die letzten 20 Monate hinweg stetig Personal verloren, weil die Leute die Belastung nicht mehr ausgehalten haben. Wir könnten gar nicht mehr so viele Betten betreiben wie zu Beginn der Corona-Krise. Hinzu kommt: Ein Corona-Patient liegt im Schnitt drei bis vier Wochen. Nach einer OP liegt ein normaler Patient vielleicht drei, vier Tage. Das bedeutet, das Bett steht unheimlich lange für Regeloperationen nicht zur Verfügung, das ist natürlich ein Problem.

"München ist durch die Pandemie erstaunlich gut gekommen"

Sind in München Menschen gestorben, weil nicht genug Betten und Pfleger da waren?
Das glaube ich nicht, aber deshalb war es auch so wichtig, dass es wieder Einschränkungen gab.

Was hat Sie diesen Winter am meisten bewegt?
Die Impfdurchbrüche, weil damit klar war, dass die Impfung nicht die erhoffte Ruhe bringt.

Sollte man wieder mehr verbieten?
Ganz offensichtlich funktionieren die Regeln jetzt ja, denn die Inzidenzen sinken. Ich glaube, es ist gut, den Kurs zu verfolgen und genau zu beobachten, wie Omikron um sich greift.

Haben Sie in Ihrer neuen Aufgabe etwas Neues über München gelernt?
Obwohl München eine Großstadt ist, haben die Bürgerinnen und Bürger immer mit Augenmaß gehandelt und sich an die Regeln gehalten. Wir sind erstaunlich gut durch die Pandemie gerutscht - auch im Vergleich zu vielen ländlichen Regionen.

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