Münchner Fachfrau über den Weltdiabetestag: "Vorsorge ist das A und O"

Mehr als 8,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit der "Zuckerkrankheit". Diese kann auch erhebliche Schäden am Auge auslösen, erklärt eine Münchner Fachfrau zum Weltdiabetestag am Montag.
| Ruth Schormann
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Ein Blutzuckermessgerät zeigt einen "guten" Wert von 6.0.
Ein Blutzuckermessgerät zeigt einen "guten" Wert von 6.0. © Jörg Carstensen/dpa

München - AZ-Interview mit Irmingard Neuhann: Die Professorin für Augenheilkunde praktiziert am OSG Augenzentrum München im Ärztehaus an der Helene-Weber-Allee 19.

AZ: Frau Neuhann, beim Stichwort Diabetes denken viele vor allem an Insulinspritzen und Zucker. Welche Begleiterkrankungen können Diabetiker bekommen – allgemein und vor allem die Augen betreffend?
IRMINGARD NEUHANN: Bei Diabetes ist die Regulierung des Blutzuckerspiegels gestört und es kommt zu einer Überschwemmung der Nervenzellen und Blutgefäße mit Zucker. In den kleinen Blutgefäßen kommt es zu Verkalkung, Durchlässigkeitserhöhung und Sauerstoffmangel. Dies führt zu Durchblutungsstörungen an vielen Stellen im Körper, unter anderem am Herz, Gehirn, an Niere und Netzhaut. Die Diabeteserkrankung am Auge nennt man diabetische Retinopathie. Das Besondere am Auge ist, dass der Augenarzt die kleinen Gefäße direkt ansehen und untersuchen kann – im Gegensatz zu den anderen Organen. Durch die Augenuntersuchung kann so auch der Hausarzt wertvolle Hinweise bezüglich der Diabeteseinstellung erhalten.

Sie haben die diabetische Retinopathie, DRP genannt, angesprochen. Wie äußert sie sich?
Am Auge führt der Diabetes mellitus hauptsächlich zu Veränderungen an der Netzhaut, der Retina. Diese werden allgemein als diabetische Retinopathie bezeichnet. Dabei können verschiedene Formen und Schweregrade unterschieden werden: die nicht proliferative Retinopathie, die diabetische Makulopathie und die proliferative Retinopathie.

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Was bedeuten diese Abstufungen im Einzelnen?
Mit einer unterschiedlich schweren Ausprägung bleibt die nicht proliferative Retinopathie für den Patienten lange unbemerkt, da die Veränderungen nur sehr leichte oder noch gar keine Sehstörungen verursachen. Bei der augenärztlichen Untersuchung können hier vor allem Blutungen und Gefäßveränderungen am Augenhintergrund festgestellt werden. Die diabetische Makulopathie betrifft die Stelle des schärfsten Sehens, die Makula. Aus den geschädigten Netzhautgefäßen kommt es zu einem Austritt von Flüssigkeit mit Ablagerung von Fetten in die Netzhaut. Dies kann im mildesten Fall zu verzerrtem Sehen und in schwerwiegenderen Fällen zu einem sehr ausgeprägten Sehverlust führen.

Und die dritte Form, die proliferative Retinopathie?
Sie stellt die schwerste Ausprägung dar und geht aus der nicht proliferativen Form hervor. Sie kommt dann zustande, wenn die chronisch mit Sauerstoff unterversorgte Netzhaut verschiedene hormonähnliche Substanzen produziert, die die Bildung neuer Gefäße anregen. Als Folge wachsen diese Gefäße in die Netzhaut ein. Aufgrund ihres veränderten Wandaufbaus sind sie jedoch undicht, bluten leicht und lassen Flüssigkeit in die Netzhaut austreten. Eine typische Komplikation dieser Gefäße ist eine plötzliche Einblutung in den Glaskörper. Diese kann sich als Verschwommensehen oder auch als "viele schwarze Punkte" bemerkbar machen oder, wenn sie sehr ausgeprägt ist, zu einer extremen Sehverschlechterung führen.

Irmingard Neuhann, Professorin für Augenheilkunde praktiziert am OSG Augenzentrum München.
Irmingard Neuhann, Professorin für Augenheilkunde praktiziert am OSG Augenzentrum München. © privat

Was ist das Tückische an dieser Krankheit?
Diabetes tut erstmal nicht weh und die diabetische Retinopathie kann schon stark vorangeschritten sein, bevor Sehprobleme auftreten können.

Ist es also oft schon zu spät?
Leider ist der entstandene Schaden nur bedingt rückgängig zu machen. Daher ist eine frühzeitige Vorsorge zusammen mit einer guten Diabetes-Einstellung das A und O. Menschen mit Diabetes sollten üblicherweise einmal im Jahr zur augenärztlichen Untersuchung. In Abhängigkeit vom Schweregrad der Retinopathie auch zweimal pro Jahr oder in wesentlich kürzeren Intervallen. Trotz des Risikos nutzt nur die Hälfte der Diabetespatienten die empfohlene Untersuchung.

Ist es nicht zu einem gewissen Grad normal, dass man mit dem Alter schlechter sieht?
Es gibt eine Reihe von Alterserscheinungen, die das Sehen schlechter werden lassen. Zuerst natürlich die Alterssichtigkeit, durch die zunehmende Steifigkeit der Augenlinse, die sich nicht mehr verformen kann. Mit zunehmendem Alter trübt sich unsere Augenlinse dann ein, die Sicht wird neblig durch den Grauen Star. Auch tritt Grüner Star im Alter vermehrt auf sowie die altersbedingte Makuladegeneration. Da diese Krankheiten auch gemeinsam mit dem Diabetes auftreten können, ist es umso wichtiger, jede Krankheit so gut wie möglich vorzubeugen oder zu behandeln, da der Sehverlust sonst potenziert wird.

Hoher Blutdruck verstärkt das Risiko

Wer ist vor allem von der diabetischen Retinopathie betroffen?
Je schlechter die Diabetes-Einstellung und je länger der Diabetes besteht, wenn zusätzlich ein hoher Blutdruck besteht oder es sich um rauchende Patienten handelt, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Retinopathie. Nach 20 Jahren Diabetesdauer sind etwa 80 Prozent von einer DRP betroffen. Beim Typ II, der deutlich häufigeren Diabetesart, ist bei etwa einem Drittel der Patienten bei Diagnosestellung schon eine Retinopathie vorhanden. Daher sollten Patienten mit neu diagnostiziertem Typ II Diabetes sofort eine augenärztliche Kontrolle wahrnehmen.

Welche Symptome deuten auf eine diabetische Retinopathie hin?
Bei der proliferativen diabetischen Retinopathie, bei der gegen den Sauerstoffmangel krankhafte Blutgefäße einwachsen, wird erst eine Sehstörung bemerkt, wenn Blut aus diesen Gefäßen austritt. Dann sieht man typischerweise viele schwarze Punkte oder die Sicht trübt sich stark ein. Hebt sich durch Kontraktion der neugebildeten Gefäße die Netzhaut ab, verliert man die Sehkraft in diesem Bereich, die Sicht ist schwarz. Bei der Makulopathie bemerkt man oft einen schleichenden Verlust der Sehschärfe, vor allem beim Lesen. Auch können Linien verzerrt sein, wie es bei allen Makulaerkrankungen typisch ist.

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Diffuse dunkle Schlieren hat wohl jeder einmal kurzzeitig im Sichtfeld. Wann aber sollte man zum Augenarzt gehen?
Schlieren, die sich bewegen, werden auch fliegende Mücken oder mouches volantes genannt. Sie werden durch Trübungen im Glaskörper – das durchsichtige Gelee, das das Auge ausfüllt – hervorgerufen. Diese können durch Blutungen, etwa im Rahmen einer proliferativen diabetischen Retinopathie, hervorgerufen werden. Meist treten sie jedoch im Rahmen einer natürlichen Glaskörperschrumpfung und Glaskörperabhebung auf und sind ungefährlich.

Aber?
Da sich im Rahmen der Glaskörperabhebung auch Netzhautlöcher bilden können, die unbehandelt zur Netzhautablösung führen können, sollte man immer bei neu aufgetretenen mouches volantes, vielen kleinen schwarzen Punkten, Blitzen oder einem Schatten im Sichtfeld den Augenhintergrund untersuchen lassen.

Neuhann: "Ziel ist, Erkrankungen nicht entstehen zu lassen"

Wie lassen sich die Schädigungen an der Netzhaut heilen – oder zumindest das Fortschreiten der Krankheit verzögern?
Ziel ist es, die Erkrankung gar nicht erst entstehen zu lassen. Heißt, regelmäßige augenärztliche Kontrolle und ein gut eingestellter Blutzuckerspiegel. Die Verschlechterung der Sehkraft lässt sich zwar aufhalten oder verzögern, meist aber nicht rückgängig machen.

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Wie sieht eine Behandlung aus?
Je nachdem, in welcher Form und in welchem Stadium die Netzhaut betroffen ist, erfolgt die Behandlung mit Laser oder auch Injektion von Medikamenten in den Glaskörper. In sehr fortgeschrittenen Stadien kann auch eine Entfernung des Glaskörpers in Frage kommen.

Was kann man seiner Netzhaut generell präventiv Gutes tun, um eine Verschlechterung des Sehvermögens zu vermeiden?
Wichtig ist es, den Diabetes gut einstellen zu lassen und die begleitenden Risikofaktoren wie Blutdruck und Rauchen einzustellen. Eine gesunde Lebensweise und regelmäßige Bewegung helfen, ebenso eine Selbsthilfegruppe. Bei neu entdecktem Diabetes II raten wir zu einer sofortigen augenärztlichen Kontrolle, da bereits bei vielen Patienten Veränderungen vorliegen.

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