Münchner Bestattungstrends im Wandel: Wie sich Abschiede verändern

Bestattungen verändern sich: Intimer, einfacher, preiswerter. Heino Jahn, Leiter der Münchener Friedhöfe, erklärt, wie die Gesellschaft den Abschied neu gestaltet.
von  Sophia Willibald
Hier zwischen schicken Altbauten, Cafés, feiernden jungen Menschen und flanierenden Familien ist der Tod ganz nah. Zwei Bestatter bieten hier ihre Dienste an – für jeden sichtbar, mit großen Schaufenstern. Und eine Künstlerin verkauft seit Jahren ihre selbstbemalten Urnen und Särge.
Hier zwischen schicken Altbauten, Cafés, feiernden jungen Menschen und flanierenden Familien ist der Tod ganz nah. Zwei Bestatter bieten hier ihre Dienste an – für jeden sichtbar, mit großen Schaufenstern. Und eine Künstlerin verkauft seit Jahren ihre selbstbemalten Urnen und Särge. © Daniel von Loeper

Stellen Sie sich vor, Sie steigen am Scheidplatz in die Linie 144. Ein Elektrobus mit exakt 31 Sitzplätzen. Bis auf den letzten Platz ist alles belegt. Sie stehen als einzige Person im Gang und lassen den Blick schweifen: Da ist die alte Dame mit ihrem Rollator, der Herr mit dem Dackel auf dem Schoß und die junge Frau, die mit dem Kopf am Fenster döst. 31 Menschen, mal alt, mal jung. Es ist die Zahl derer, die laut Statistik täglich in der Landeshauptstadt versterben.

"Die Bestattungskultur spiegelt die Gesellschaft"

Auf das Jahr gerechnet sind das 11.500 bis 12.000 Menschen, weiß Heino Jahn (62). Der Bauingenieur leitet den Eigenbetrieb "Friedhöfe und Bestattung München"; neben den 26 Friedhofsanlagen zählen auch das Krematorium und die Städtische Bestattung zu seinem Bereich. Im Grunde genommen, sagt er, seien die "Friedhöfe und Bestattung München" ein Unternehmen wie jedes andere auch – mit dem Unterschied, dass es hier eben um Dienstleistungen rund um die Lebenslage Tod und Trauer und den Erhalt und Pflege von Grünflächen in der Größenordnung des Englischen Gartens geht.

Von den 11.500 bis 12.000 Verstorbenen würden nicht alle auch in München begraben, hält Heino Jahn fest. "Viele Menschen aus der Umgebung werden in Münchens großen Krankenhäusern behandelt. Wenn sie dort sterben, gilt ihr Todesort offiziell als ‘München’. Beigesetzt werden sie aber oft in ihrem Heimatort." Andere wiederum lebten zwar nicht in München, würden hier aber begraben, etwa weil bereits ein Familiengrab existiere. "Das hält sich also relativ die Waage", sagt der 62-Jährige.

"Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander"

In den vergangenen Jahren hat der Friedhof-Chef Veränderungen in der Bestattungskultur festgestellt. Zwar würde es nach wie vor Beisetzungen mit 200 Gästen geben, doch die Nachfrage nach großen Feiern nehme ab, erklärt er.
Und noch eine weitere Entwicklung beobachtet Jahn: "Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Das merkt man auch in der Bestattung: Viele können sich eine opulente Beisetzung nicht mehr leisten. Deshalb steigt die Nachfrage nach preisgünstigen Särgen, Urnen, Sterbewäschen oder Sargauskleidungen – das ist spürbar."

Heino Jahn, Leiter der "Städtischen Friedhöfe".
Heino Jahn, Leiter der "Städtischen Friedhöfe". © Sophia Willibald

Ob finanzielle Nöte, familiärer Wandel oder neue Trends – für Jahn ist klar: "Eine Bestattungskultur ist immer ein Spiegel der Gesellschaft."

Den Wandel der Sterbekultur mitgestalten

Abschiede werden also funktionaler für den schmalen Geldbeutel oder intimer, weil Familien kleiner werden und verstreuter leben. Auch die Ästhetik wandelt sich: Särge werden schlichter oder individueller und die Farbe Schwarz ist auf dem Friedhof längst keine Pflicht mehr. Die Bestattungskultur ist nicht nur ein Spiegelbild, sie entwickelt sich mit der Gesellschaft weiter.

Diesen Wandel bilden zwei Bestattungshäuser "weiss – über den Tod hinaus" und "Stephan Alof Bestattungen" im Glockenbach nicht nur ab – sie gestalten ihn aktiv mit. Gemeinsam mit einer Künstlerin, die nebenan selbstbemalte Urnen und Särge verkauft, zeigen sie, wie unkonventionell, bunt und persönlich Abschied heute sein kann. Über die Verlinkungen hier können Sie diese besonderen Bestattungshäuser mit der AZ besuchen. 




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