Luxusradwege oder nötiger Umbau? Münchens teure Rad-Bilanz

Bis 2025 wollte das Rathaus den Radentscheid umsetzen und dafür 1,6 Milliarden Euro ausgeben. Davon ist die Stadt allerdings noch weit weg.
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Die Münchner fahren auch im Winter häufiger Rad. Wo hat die Stadt die Infrastruktur für sie verbessert?
Die Münchner fahren auch im Winter häufiger Rad. Wo hat die Stadt die Infrastruktur für sie verbessert? © IMAGO/Wolfgang Maria Weber (www.imago-images.de)

In dieser Legislatur kämpfte die Stadt gegen das Corona-Virus, nahm Zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine auf. Doch so richtig Streit gab es im Rathaus (gefühlt) immer nur wegen eines Themas: der Verkehrswende.

Genauer gesagt: Es krachte wegen der Parkplätze und Fahrspuren, die für Radlwege weichen sollten. Und wegen des Geldes, das dieser Umbau kosten sollte. Es verging keine Haushaltsdebatte, bei der die CSU nicht über "Luxusradwege" im Allgemeinen und den 4,5 Millionen teuren Radweg in der St.-Magnus-Straße in Harlaching im Speziellen wetterte. Doch wie fällt die Bilanz tatsächlich aus?

Ist München eine Radl-Hauptstadt? Vor der Kommunalwahl lohnt sich ein Rückblick

Vorher ein kurzer Rückblick: 2019 unterschrieben rund 160.000 Münchner dafür, dass die Stadt sichere und breite Radwege schafft und einen geschlossenen Radring um die Münchner Altstadt baut. Der Stadtrat nahm das Bürgerbegehren an – auch die CSU. Doch schon ein paar Monate später, als es um die Umsetzung (und die Kosten) ging, war die CSU nicht mehr dabei. Das Planungsreferat schätzte, dass 1,6 Milliarden Euro notwendig seien, um die Straßen radlfreundlicher umzubauen. Im Koalitionsvertrag nahm sich Grün-Rot vor, den Radentscheid und den Altstadtradring bis 2025 umzusetzen. Beides ist nicht erfüllt.

Bisher wurde von den 1,6 Milliarden nur ein Bruchteil ausgegeben. Das Baureferat gibt an, dass die bereits begonnenen und fertiggestellten Radentscheidsprojekte 37 Millionen kosten werden. Darunter fallen die St.-Magnus-Straße, Rheinstraße, die Querung an der Stadelheimer Straße, der erste Abschnitt der Lindwurmstraße, die Boschetsrieder Straße und der Giesinger Berg. Nicht eingerechnet ist der neue 4,50 Meter breite Radweg in der Zeppelinstraße. Der Umbau kostete rund 3,8 Millionen.

Auch nicht in den 37 Millionen Euro enthalten ist der Umbau der Karl-Theodor-Straße in Schwabing. Dort hatten rund 200 Eltern demonstriert, dass der Schulweg für ihre Kinder sicherer wird. Fußgänger und Radfahrer bekommen mehr Platz. Der Umbau dauert noch bis 2027. Die Kosten liegen bei etwa 9,5 Millionen Euro.

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Insgesamt kommen also für den Bau neuer Radwege rund 113,1 Millionen Euro zusammen

Auch die Kosten für den Altstadtradl-Ring stehen (für das Baureferat) auf einer anderen Rechnung. Bisher sind fünf Abschnitte fertig. Die Kosten dafür beziffert das Baureferat auf rund 62,8 Millionen. Eingerechnet ist da aber zum Beispiel auch die Tunnel-Abdichtung des Altstadtrings, Fahrbahnen, Gehwege, Ampeln. Der Altstadtring-Tunnel musste ohnehin saniert werden. Danach musste die Stadt die Oberfläche wieder herstellen.

Insgesamt kommen also für den Bau neuer Radwege rund 113,1 Millionen Euro zusammen. Gleichzeitig liegen noch Dutzende Pläne für neue Radwege in den Schubladen. Ursprünglich hatte sich der Stadtrat vorgenommen, in mehr als 40 Straßen breitere und sichere Radwege zu schaffen. 20 Pläne sind so weit, dass das Mobilitätsreferat sie bei Veranstaltungen zeigte.

Wie viel von diesen Planungen umgesetzt wird, hängt nicht nur von den Mehrheiten im neuen Stadtrat, sondern auch von den Finanzen ab. Dieses Jahr will das Mobilitätsreferat vier Projekte beginnen: die Boschetsrieder Straße, die Domagkstraße, die Schwanthalerstraße (im Abschnitt zwischen Paul-Heyse-Straße und Sonnenstraße) und den Giesinger Berg.

Um den Radweg an der Lindwurmstraße gab es ebenfalls viel Krach

Für die Martin-Luther-Straße, die an den Giesinger Berg anschließt, läuft ein Verkehrsversuch. Der Radweg ist nur temporär mit gelber Farbe auf die Straße gepinselt. Die SPD wollte sehen, ob sich Stau bildet, wenn Fahrspuren entfallen. Das Mobilitätsreferat kommt zu dem Ergebnis, dass der Radweg den Verkehr kaum beeinträchtigt. Auch Bäume, Parkplätze und mehr Sicherheit für die Schule könnten entstehen. Noch kennt der Stadtrat die Beschlussvorlage nicht offiziell. Sie befinde sich im "Freigabeprozess", hieß es vom OB-Büro.

Um den Radweg an der Lindwurmstraße gab es ebenfalls viel Krach. Ursprünglich hatte die Stadt für neue Rad- und Gehwege in der Straße 40 Millionen Euro angepeilt. Entschieden hat sich der Stadtrat für eine halb so teure Lösung. Günstiger wird es durch Markierungen, Poller und auch weil die Stadt nicht mehr die Straße aufgraben, sondern über dem Steinpflaster einen sogenannten "Hochbord"-Radweg bauen will.

Rund 4800 Lastenpedelecs und 600 Lastenräder wurden bezuschusst

Weitergehen soll der Umbau laut Mobilitätsreferat erst 2027 – wenn das der neue Stadtrat nicht kippt. Im Koalitionsvertrag hatten sich Grüne und SPD auch vorgenommen, mindestens drei Meter breite Radschnellwege zu bauen. Die Idee war, mit sechs Routen Stadt und Umland zu verbinden: nach Starnberg, Oberhaching, Dachau, Fürstenfeldbruck, Markt Schwaben und Garching. Bis auf die zwei letzten liegen alle auf Eis.

Auch die Idee, am Giesinger Berg eine Radbrücke zu bauen, hat Grün-Rot wegen der Kosten verworfen. Auf der Braunauer Eisenbahnbrücke fahren nach wie vor nur Züge. Und auch beim Klenzesteg ist das Rathaus nicht weiter. Umgesetzt (aber wegen der Kosten wieder eingestellt) hat das Rathaus eine Förderung für Lastenräder. Rund 4800 Lastenpedelecs und 600 Lastenräder wurden bezuschusst. Auch hat die Stadt seit 2020 mehr als 10.000 neue Radabstellanlagen geschaffen.

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  • Gelegenheitsleserin vor 55 Minuten / Bewertung:

    Wer zu diesem Thema mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen mag, kann sich diesen Film anschauen: https://youtu.be/R5jQc1jXLAU?si=hKYEOsZbGzFcanB8

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  • Newi83 vor 25 Minuten / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Gelegenheitsleserin

    So einen Film wollen 100% Autofahrer nicht sehen. Die können sich gemütlich zurücklehnen. Wird in München nicht passieren.

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  • Newi83 vor 2 Stunden / Bewertung:

    Hauptsache 100% dürfen immer weiter Autofahren.

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