Münchens Kliniken sind voll: Kein Platz für Babys und Kinder

Kranke Kinder, die auf der Suche nach einem freien Bett in andere Städte gebracht werden und übervolle Kinderarztpraxen: Das RS-Virus hält Ärzte wie Eltern in Atem. Auch München ist schwer betroffen.
| Myriam Siegert
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Atemwegsinfekte wie das RS-Virus verbreiten sich rasant. Besonders Säuglinge sind gefährdet. (Symbolbild)
Atemwegsinfekte wie das RS-Virus verbreiten sich rasant. Besonders Säuglinge sind gefährdet. (Symbolbild) © Friso Gentsch/dpa

München - Magen-Darm, Hand-Mund-Fuß, Läuse: Durch das Fenster der Tür einer Giesinger Kita kann man kaum noch einen Blick nach innen werfen, so viele Zettel hängen da an der Scheibe, die vor Ansteckungen warnen. Ähnlich sieht es gerade in den meisten Einrichtungen aus. Kaum eine Familie, in der in den letzten Wochen nicht jemand darnieder lag.

So sehr Eltern von Kindergarten- und Krippenkindern das zu dieser Jahreszeit gewohnt sind - in diesem Herbst ist einiges anders. Allgemein herrscht mitten in der vierten Pandemie-Welle die Angst vor einer Corona-Infektion der ungeimpften Kinder, doch das rückt aktuell bei vielen fast etwas in den Hintergrund.

Eine Welle an Atemwegsinfekten - mitten in der Pandemie

Schon seit Pfingsten, besonders aber seit dem Spätsommer, rollt eine Infektwelle, die in den letzten Wochen so richtig Fahrt aufnahm. Die Kinder holen nun die Infekte nach, die sie etwa durch Lockdownmaßnahmen im letzten Jahr nicht hatten. Für Kinderärzte ist das nicht überraschend.

Verbreitet sind vor allem Atemwegsinfekte, betroffen seien vor allem unter Sechsjährige, sagt Jakob Maske, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Am heftigsten grassiert der gerade das RS-Virus oder RSV, kurz für Respiratorisches Synzytial-Virus, unter den Kindern. Ein eigentlich seit langem kursierendes Virus, dessen Infektionen oft leicht verlaufen und daher gar nicht als solche erkannt werden, wie der bayerische Landesvorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ Bayern), Dominik Ewald, erklärt. Daher sei es Laien auch namentlich kaum bekannt.

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Die RSV-Welle kommt früher als sonst

Doch das Virus könne auch Erwachsenen schwer zu schaffen machen und sei besonders für Frühgeborene, Säuglinge und Kleinkinder gefährlich. Sie können schwere Lungenentzündungen bekommen, so Ewald. Fatal sei auch, dass es bestimmte Veränderungen in der Lunge bewirken könne, die auch langfristig zu Folgeproblemen führen können, erläutert Ewald. Die Erkrankten litten später häufiger unter Asthma oder einer Überempfindlichkeit der Bronchien.

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Laut Robert-Koch-Institut sterben 0,2 Prozent der erkrankten Kinder ohne bekanntes erhöhtes Risiko, gut ein Prozent der erkrankten Frühgeborenen und mehr als fünf Prozent der betroffenen Kinder mit angeborenem Herzfehler.

Das Problem: Die RSV-Welle kommt heuer früher als sonst, zudem tritt sie gemeinsam mit anderen Erkältungsviren auf, zudem gebe es bereits die ersten Influenza-Fälle, erklärt Gabi Haus, Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, erste Vorsitzende des PaedNetz, einem Zusammenschluss von 100 Kinder- und Jugendpraxen in München.

Verfügbare Betten werden knapp, die Kliniken laufen voll

Die Folge: Kinderkliniken laufen voll. Ewald bestätigt mit Blick auf ganz Bayern: "Alle Kliniken sind am Anschlag." Noch habe aber keiner den absoluten Notstand ausgerufen. "Die Versorgung ist nicht gefährdet, weil wir das doch immer noch irgendwie hinkriegen."

"Hinkriegen", das bedeutet auch: erkrankte Kinder müssen möglicherweise weit gefahren werden, etwa nach Augsburg oder Landshut, nach Rosenheim oder Traunstein oder Garmisch-Partenkirchen. Dorthin, wo eben ein Bett frei ist. Für die betroffenen Familien eine riesige Belastung.

Die Münchner Kinderkliniken - also die Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital LMU Klinikum, das Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der München Klinik und des Klinikums rechts der Isar der TU München und das Klinikum Dritter Orden - bestätigen dies der AZ in einer gemeinsamen Stellungnahme - und weisen zugleich auf ein grundlegendes Problem hin.

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Behandlung von Kindern aufwendig und zeitintensiv

Hochphasen der Infektions-Wellen wie sie zur Zeit stattfänden, "zwingen uns dazu, dass sich Krankenhäuser gegenseitig mit Verlegungen aushelfen", heißt es. "Das ist uns aus den Vorjahren bekannt und ist auch in Spitzenzeiten normalerweise ein funktionierendes System."

Dass aber auch außerhalb solcher Spitzenzeiten verfügbare Betten zeitweise knapp werden, sei einerseits durch den Pflegemangel in Deutschland und andererseits durch Fehlanreize im Finanzierungssystem zu erklären.

Denn: Die Behandlung von Kindern sei deutlich aufwendiger und zeitintensiver und werde dafür zu niedrig vergütet. Das führe dazu, "dass es in 'lukrativeren' Medizinbereichen ein größeres Betten-Angebot gibt, als in Bereichen der gesundheitlichen Grundversorgung etwa bei Kindermedizin."

Ärzte stark belastet: Eltern stürmen Kinderarztpraxen

Nun muss zum Glück nicht jede Infektion in der Klinik enden. Ewald betont, an sich sei dies kein Grund zur Sorge. "Gesunde Kinder können so einen Infekt durchaus durchstehen." Problematisch sei derzeit nur, dass sich viele Kinder einen Infekt nach dem anderen einfingen und dann zu geschwächt seien, um dem RS-Virus noch viel entgegensetzen zu können.

Eltern sind also beunruhigt und stürmen die Kinderarztpraxen. Gabi Haus bestätigt, die Münchner Kinder- und Jugendärzte und Ärztinnen und ihre Mitarbeiter seien "stark belastet". Es gebe im Moment außergewöhnlich viele Infektfälle, in München wie auch in ganz Bayern. Allerdings, "ein Großteil dieser Infektfälle könnte zu Hause auskuriert werden", sagt sie. "Es ist nicht nötig, wegen eines Schnupfens ohne Fieber den Arzt aufzusuchen."

Eltern sollten aber in die Kinder- und Jugendarztpraxiskommen, wenn ein Kind Fieber hat und sich dies nicht durch Zäpfchen oder Saft senken lässt. Ebenso bei Husten, wenn zusätzlich Fieber oder Atemnot besteht, bei Ohren- und Kopf- und Bauchschmerzen und wenn der Allgemeinzustand des Kindes schlecht ist.

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Die Infektwelle betrifft das ganze Gesundheitssystem

Haus erklärt, die Bedarfsplanung, sei auf medizinisch notwendige Behandlungen ausgelegt. Nicht vorgesehen sei, dass das Gesundheitssystem mit banalen Infekten oder für unnötige Atteste aufgesucht werde.

In Kinderarztpraxen muss man sich in der Pandemie mit noch mehr Papierkram herumschlagen als ohnehin schon. Es sei Ressourcenverschwendung, wenn ein Attest für eine Impfung angefordert wird, die eindeutig im Impfpass dokumentiert ist, erklärt Gabi Haus. Oder ein Attest über das Ergebnis eines Corona-PCR-Tests, wenn dieses klar in der Coronawarn-App hinterlegt ist.

Vom ambulanten Sektor bis zur klinikübergreifenden Versorgung, die Infektwelle betrifft das ganze Gesundheitssystem. Gabi Haus betont, "um der Pandemie gerecht zu werden, müssen alle zusammenarbeiten."

In München sei der Austausch zwischen niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten, Vertretern der Kinderkliniken, und den öffentlichen Gesundheitsdiensten gut. Auf Bayernebene gebe es guten Kontakt mit dem Sozial- und dem Gesundheitsministerium. Nur in der Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium könnten Abläufe optimiert und Ressourcen geschont werden.

Für die Kita gelten jetzt auch Schnelltests von zu Hause

Immerhin eine kleine Entlastung für die Kinderarztpraxen gibt es: Seit Kurzem dürfen Eltern, die ihre Kinder trotz Symptomen wie leichtem Husten oder Schnupfen in die Kita schicken wollen oder müssen, durch einen zu Hause durchgeführten Schnelltest belegen, dass ihr Kind Corona-frei ist.

Und im Kampf gegen die Viren gibt es ja noch ein weiteres Mittel: Auf die Frage, ob sie zur Influenza-Impfung von Kindern und Kleinkindern rät, sowie zur Corona-Impfung, soweit diese möglich ist, antwortet Gabi Haus, kurz und knapp mit: Ja.


Kurz erklärt: RS-Virus & Co. - die Infektwelle

Wie die Münchner Kinderkliniken erklären, ist das RS-Virus (Respiratorisches Synzytial-Virus) ist ein ansteckender Atemwegsinfekt, der saisonal auftritt. Die Symptome sind grippeähnlich, dazu kommen Husten, Fieber und teilweise Atembeschwerden bis zur Atemnot. Betroffen sind normalerweise hauptsächlich Kleinkinder im Alter von drei bis neun Monaten.

Dass die "Saison" (sonst Januar/Februar) diesmal deutlich früher beginnt und zusätzlich auch deutlich ältere Kinder (3-5-Jährige) betroffen sind, hat mehrere Ursachen. Wegen der Schutzmaßnahmen in der Pandemie trat das Virus in der vergangenen Saison kaum auf, ähnlich der ausgebliebenen Grippewelle. Dadurch sind in dieser Saison mehr Kinder betroffen, da in der vergangenen bei vielen Kindern, die nicht erkrankt waren, noch kein Immunschutz aufgebaut werden konnte. Betroffen sind die europäischen Länder insgesamt.

Die Infektionswelle war absehbar, heißt es, schon früher im Jahr 2021 seien Daten über die steigenden Infektionszahlen weltweit publiziert worden (z.B. Australien, wo die RSV-Saison sechs Monate früher beginnt). Pandemiebedingt ist das Phänomen der hohen Infektionszahl weltweit sichtbar, aktuell vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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