München an Silvester: Eine Geschichte des Feuerwerks

Die Stadt rüstet ab. Zumindest geböllert werden soll heuer an Silvester nicht mehr. Die AZ wirft einen Blick zurück auf Feuerwerk-Dynastien, die Feuerwerksinsel – und den schießenden Karl Valentin.
| Karl Stankiewitz
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Karl Valentin.
Stadtarchiv 3 Karl Valentin.
Der Volksgarten, der größte "Amüsierpark" im Deutschen Reich.
Stadtarchiv 3 Der Volksgarten, der größte "Amüsierpark" im Deutschen Reich.
Die Rosenau am Standort des heutigen Nordbads.
Stadtarchiv 3 Die Rosenau am Standort des heutigen Nordbads.

München - Nach Oktoberfest, Fasching und Biergarten war das Feuerwerk wohl das beliebteste Volksvergnügen im alten München. Etliche Unternehmen sorgten für die "Munition", die in alle Welt ging, es gab sogar eine regelrechte Dynastie von Feuerwerkern. Einige Wirte waren aufs Abbrennen richtig spezialisiert. Auf mehreren Plätzen boten sie – regelmäßig oder aus bestimmten Anlässen – feurige Programme. München leuchtete keineswegs nur zu Silvester.

Karl Valentin besorgt Kanonenschläge in Haidhausen

Stets standen Hunderte von Münchnern dabei und gafften – und reagierten vielleicht wie Karl Valentin: "Ja, ja, es riecht nicht alles gut, was kracht." Er, unser großer Komiker, war ein großer Freund dieses Spektakels. Schon als "Knabe Karl" – so erzählt er in seinen so betitelten Erinnerungen – habe er in Haidhausen Knallfrösche "oder gleich ganz große Kanonenschläge" besorgt und diese an Drachenschwänze angebunden, um alles in der Luft zur Explosion zu bringen. "Am liebsten hätten wir unseren Schullehrer auch noch dazu hingehängt, aber das war leider nicht möglich." Mehrere Bilder von Besitzern einiger Feuerwerkfabrikanlagen in Haidhausen haben Eingang in seine Sammlung gefunden, leider ohne weitere Beschreibung.

Die Vorliebe Valentins – und so vieler Münchner – für diese Art Volksbelustigung beweist vor allem sein umfänglicher Zweiakter "Das Brillantfeuerwerk". Das außerordentlich oft aufgeführte, sogar als Film geplante Stück spielt in der Rosenau, einem Ausflugslokal an der Schleißheimer Straße 128 beim späteren Nordbad. Es wurde vor allem von Familien und Soldaten gern besucht.

Bunte Funken über der Isar

Der Wirt Stephan Haas betrieb dort bis 1921 einen Volksgarten mit Tanzremise, Kegelbahn, Camera obscura – ein Vorläufer der Kinematographie – Karussell, Schiffschaukel und Militärkapelle mit 40 Uniformierten, die "zum Linksumdrahn" aufspielte. Alles bei freiem Eintritt, "ohne Bierpreisaufschlag", wie sich Valentin freute.

Auch im Volksgarten Nymphenburg, dem größten Amüsierpark im Reich, und an etlichen anderen Orten der Stadt wurden zum allgemeinen Gaudium prächtige, blitzende, krachende Feuerspiele gezündet und in bunten Farben abgeregnet, viel öfter jedenfalls als in unserer Zeit. Startplatz und buchstäblicher Brennpunkt des Geschehens war die sogenannte Feuerwerksinsel, ein menschenleeres Stück Land am südlichen Zipfel der Praterinsel und nur durch einen Wehrsteg zugänglich.

Karl Valentin.
Karl Valentin. © Stadtarchiv

Hergestellt wurden die nötigen Sprengkörper dort von Heinrich Burg. Die Adressbücher bezeichnen ihn schon ab 1858 als "licensierten Kunstfeuerwerker" mit häufig wechselnden Wohnsitzen. 1885 annoncierte er als "privater Kunst-Feuerwerks-Meister" mit "Laboratorium und Verkaufslocal" auf der Feuerwerksinsel. Hier, in abgeschiedener Lage, experimentierte Burg mit brandgefährlichen Stoffen. In kleinen Holzbuden lagerte und verkaufte er seine Produkte.

Das Feuerwerk verschwindet von der Feuerwerksinsel

Nicht nur Valentin, sondern auch der Schriftsteller Michael Georg Conrad hat dem Pyrotechnik-Pionier in seinem Roman "Was die Isar rauscht" (1888) ein literarisches Denkmal gesetzt: "Rechts die Feuerwerksinsel, wo der kleine, dicke, originelle Heinrich Burg haust, der täglich um die nächtliche Stunde mit seinem tief ins Gesicht gedrückten Schlapphut wie ein wandelnder Champignon über den Steg der Überfälle schreitet, um in geheimnisvollen, zwischen Büschen versteckten Laboratorien in Gestalt von alten, verwitterten Bretterhäuschen seiner pyrotechnischen Zauberkunst obzuliegen." Conrad und Burg waren Nachbarn, beide wohnten in der Quaistraße, die seit 1888 Teil der Steinsdorfstraße ist.

Der Volksgarten, der größte "Amüsierpark" im Deutschen Reich.
Der Volksgarten, der größte "Amüsierpark" im Deutschen Reich. © Stadtarchiv

Nach dem Tod von Heinrich Burg im Jahr 1886 übergab die "Feuerwerksmeisterswitwe" Magdalena Burg das Geschäft an ihren Sohn Michael Heinrich. Zur "Großen Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung" von 1888 war auf der Feuerwerksinsel ein Gastronomiebetrieb geplant. Deshalb wurde das kleine Verbindungswehr abgerissen, der Zwischenraum samt Überfällen aufgefüllt und im Süden der nunmehr vergrößerten Praterinsel ein "Weinrestaurant und Wiener Café" mit dem Namen "Isarlust" errichtet (inzwischen Alpines Museum mit Café gleichen Namens). Anschließend daran entstand das große, rauschende Wehr, unter dem sich heute in heißen Sommern ein Badestrand ausbreitet, der oft stark bevölkerte "Isar-Lido".

Große Feuerwerksfabriken statt kleiner Bretterbuden

Das Unternehmen von Michael Heinrich Burg zog 1889 von der Isar in die Äußere Balanstraße 85 um. Bald stand dort ein stattliches Steinhaus. Allmählich verschwanden auch die Bretterbuden für den Verkauf und die Unterbringung der Feuerwerkskörper von der Insel. Ab 1910 verzeichnen die Adressbücher einen Ludwig Burg als Geschäftsführer der in eine GmbH umgewandelten Feuerwerkerei. Dieser Mann muss die Fabrik mehr als zehn Jahre äußerst erfolgreich geführt und vergrößert haben, wie eine Abbildung des Firmengeländes von 1920 belegt. Warum die "Privilegierte Kunst-Feuerwerkerei" im Inflationsjahr 1923 trotzdem zwangsversteigert wurde, ist nicht bekannt.

Viele Verletzte, Stress für Haustiere: Proteste führen zu Verboten

Bekannt ist nur, dass sie vom Augsburger Peter Sauer, dessen Ururgroßvater das Handwerk einst bei Heinrich Burg erlernt hatte, ersteigert wurde. Sauer machte daraus ein "Pyrotechnisches Laboratorium", das im Zweiten Weltkrieg Leucht- und Signalmunition herstellte – und nach 1945 Patronenhülsen in Ofenanzünder verwandelte. Der Betrieb in Gersthofen ist die älteste noch existierende Feuerwerkerei in Deutschland. Doch die weitaus meisten Feuerwerkskörper kommen heute aus China; deren Sicherheit wird manchmal angezweifelt.

Die Rosenau am Standort des heutigen Nordbads.
Die Rosenau am Standort des heutigen Nordbads. © Stadtarchiv

Mehrmals schon hat der Münchner Stadtrat über Verbotszonen für große Feuerwerk-Events diskutiert. Immer mehr Bürger beklagten nämlich den Lärm solcher Veranstaltungen, die anfallenden Müllberge, den Stress für Haustiere und den Anstieg von Feinstaubwerten. Verpulvert werden da ganze Vermögen. Silvester 2018 wurden zahlreiche Münchner durch Feuerwerkskörper teilweise schwer verletzt und die Feuerwehr musste besonders oft ausrücken.

Funkenregen nicht nur beim Münchner Tollwood-Festival

Die Fachgeschäfte schmücken sich indes mit so attraktiven Namen wie "Götterfunke", "Abendtraum", "Pyro-Flowers" oder "Sternen-Galerie". Das sprühende, funkelnde, farbige Feuer steigt nach wie vor bei so mancher Party – auch wieder beim Tollwood-Festival – unbeanstandet gen Himmel. Karl Valentin hätte seine Freud.

Der Beitrag stützt sich auf das Buch "Münchner Originale" von Karl Stankiewitz.

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