Momentaufnahme: Stiller Zauber in der leeren Stadt

Die Vorweihnachtstage waren selten so ruhig wie in diesem Jahr. Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt trifft die AZ lächelnde Polizisten, eine fröhliche Kioskfrau und Musiker, die zufrieden sind.
| Nina Job Irene Kleber
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Die Alte Akademie: In der Dämmerung beginnt ein Farbenspiel. Mal tanzen weiße Schneeflocken-Spots auf der Fassade, mal strahle sie in pink.
Die Alte Akademie: In der Dämmerung beginnt ein Farbenspiel. Mal tanzen weiße Schneeflocken-Spots auf der Fassade, mal strahle sie in pink. © Irene Kleber

München - Mit klammen Fingern lässt Jean die Klöppel über sein Hackbrett sausen. Der Musiker hat sein Instrument vor der Heiliggeistkirche aufgebaut, er trägt eine dicke Pudelmütze und Maske und spielt Bach und Volksmusik. Das Orchester, mit dem er normalerweise Konzerte gibt, darf derzeit nicht auftreten.

Die Klänge seines Spiels sind weit zu hören. Denn von ihm abgesehen ist es sehr ruhig in der Innenstadt. In diesen Tagen, so kurz vor Weihnachten, schieben sich in Nicht-Coronazeiten Menschenmengen zwischen den Ständen auf dem Viktualienmarkt hindurch, gehetzte Menschen eilen durch die Fußgängerzone, drängen sich an den Kassen.

Nur Lebensmittelläden, Apotheken und Maroniverkäufer haben offen

Stattdessen sind die Geschäfte nun fast alle geschlossen. Nur Lebensmittelläden, Apotheken und Maroniverkäufer haben noch geöffnet. Kaum jemand ist unterwegs. Aber die wenigen sind auffallend freundlich. Sie haben Zeit. Man kommt ins Gespräch.

Cimbalom-Spieler Jean musiziert vor der Metzgerzeile.
Cimbalom-Spieler Jean musiziert vor der Metzgerzeile. © Irene Kleber

In der Metzgerzeile am Viktualienmarkt stehen ein paar Kunden an, die sich beim Warten darüber unterhalten, was es bei ihnen in den Festtagen zu Essen gibt. Ein Kontrolleur streift einsam zwischen den Buden auf dem Viktualienmark umher, schaut, dass auch jeder brav seine Maske trägt.

Es ist Nachmittag und der Marienplatz ums Eck ist so leer, dass man darauf Fußball spielen könnte. So war es sogar am Samstag - dem letzten im Advent, an dem sonst in den Geschäften noch einmal richtig die Kassen klingeln.

Weihnachtsgeschenke vom Kiosk

Am Marienplatz macht höchstens eine ein Geschäft: die Kioskfrau. Und sie verkauft gerade so viele Zeitschriften wie nie: "Die Leute lesen viel mehr", sagt sie, "jetzt hat man ja Zeit, gell?" Auch die Mützen und Kuschelsocken aus Alpakawolle gehen gut weg, eine Mutter kauft gleich sechs Paar. Ein Glück, sagt sie, dass wenigstens der Kiosk noch auf ist, "jetzt hab ich im Vorbeigehen doch noch schnell Weihnachtsgeschenke gefunden."

Ein einsames Standl in der Flaniermeile. Viel ist nicht los - aber wer hier spazieren geht, holt sich auch ein paar Maroni.
Ein einsames Standl in der Flaniermeile. Viel ist nicht los - aber wer hier spazieren geht, holt sich auch ein paar Maroni. © Irene Kleber



Vor dem Kaufhaus Beck am Rathauseck erklingt eine Melodie aus der Fantasy-Serie "Game of Thrones". Es spielen Kammermusiker der Gruppe Scherzo. Sie haben einen großen Flügel dabei, die Pianistin spielt mit Handschuhen ohne Fingerkuppen. Sofort bleiben Leute stehen. "Wir spielen, damit die Menschen die Musik nicht ganz vergessen", sagt einer der Musiker später. "Manche Leute weinen hier, weil sie Klassikkonzerte so vermissen." Die Passanten jedenfalls danken es. Im geöffneten Cello-Koffer liegen viele Münzen und Scheine.

Einen Steinwurf entfernt schauen zwei junge Polizisten nach dem Rechten. Darf man nun eigentlich rauchen in der Masken-Zone der Innenstadt? "Nur wenn man sich abseits irgendwo hinstellt", sagt einer der beiden. Schlendernd rauchen oder trinken geht gar nicht, "weil da langt ja sonst eine Zigarettenlänge vom Marienplatz bis zum Stachus".

Sie selber tragen blaue Stoffmasken, darauf prangt in gelben Großbuchstaben "POLIZEI" - professionell aufgestickt. Gehören die neuerdings zur Uniform? "Nein", sagt der Beamte, und über der Maske sieht man seine Augen lächeln, "die hat eine Bekannte gemacht. Spezial-Sonderanfertigung."

München - Leere Schaufenster

Weiter geht's in Richtung Stachus, vorbei an geschlossenen Kaufhäusern, einem einsamen Maroniverkäufer, der kaum Geschäft macht und dem weihnachtlich geschmückten Hirmer. In den Schaufenstern von C&A steht in riesigen Lettern "Sale", aber die Fenster sind leer - Ausverkauf von nichts.

Lichterglanz und sehr viel Freiraum an den letzten Adventstagen vor Weihnachten. Ohne Gedrängel kann diese Dame durch die Fußgängerzone flanieren und die geschmückten Bäume vorm Oberpollinger genießen.
Lichterglanz und sehr viel Freiraum an den letzten Adventstagen vor Weihnachten. Ohne Gedrängel kann diese Dame durch die Fußgängerzone flanieren und die geschmückten Bäume vorm Oberpollinger genießen. © dpa

Als es dämmert, leuchtet es plötzlich hell her von der Alten Akademie. Was für ein Farbenspiel! Weiße Lichtspots huschen wie Schneeflocken über die Fassade, dann wird sie dunkelblau, wenig später in strahlendem pink beleuchtet.

Inzwischen ist es dunkel geworden über München. Die Türme der Frauenkirche verschwinden fast im Dunst. Am Marienplatz leuchtet der Christbaum, die Rathausfassade strahlt prächtig in orange. Es liegt ein stiller Zauber über der Stadt, und draußen kann es einem fast so feierlich ums Herz werden wie in der Heiliggeistkirche, die geöffnet hat. Ganz friedlich liegt der Kirchenraum da, in dem ein paar Menschen Kerzen anzünden für ihre Lieben.

Vor der Heiliggeistkirche: eine Brezntüte für Obdachlose.
Vor der Heiliggeistkirche: eine Brezntüte für Obdachlose. © Irene Kleber

Draußen sitzt Ivan (48), der auf der Straße lebt, und auch er hat ein Lächeln im Gesicht. Ein guter Tag sei heute gewesen, sagt er. 18 Euro, zwei mehr als sonst, "das gibt einen guten Kaffee morgen früh." Wie sehr es weihnachtet, kann er auch an der Tüte mit Butterbrezn vor seinem Schlafplatz sehen. Geschenkt von irgendwem. Im Vorbeigehen nimmt sich ein Obdachloser zwei heraus, den Rest lässt er für andere.

Ein einsames Standl in der Flaniermeile. Viel ist nicht los - aber wer hier spazieren geht, holt sich auch ein paar Maroni.
Ein einsames Standl in der Flaniermeile. Viel ist nicht los - aber wer hier spazieren geht, holt sich auch ein paar Maroni. © Irene Kleber

Auch Jean, der Hackbrett-Spieler ist noch da. Seine Finger sind rotblau gefroren, als er in der Dunkelheit sein Instrument einpackt. Sechs Stunden hat er heute für die Münchner gespielt. Die wenigen, die unterwegs waren, haben es ihm gedankt. 80 Euro sind in seiner Büchse. Jetzt aber schnell nach Hause, aufwärmen.

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