Mieten schießen in die Höhe: Künstleraufruhr im Quartier

Atelier- und Werkstatt- Mieten schießen an der Dachauer Straße in die Höhe - weil Mauern als Nutzfläche gelten und plötzlich Mehrwertsteuer aufgeschlagen wird. Unmöglich, findet die Rathaus-Linke/Die Partei.
| Irene Kleber
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So bunt, aufgeräumt (und teuer) sollen Kreative arbeiten,  findet man offenbar bei der städtischen MGH, die diese Container als Ateliers . . .
7 So bunt, aufgeräumt (und teuer) sollen Kreative arbeiten, findet man offenbar bei der städtischen MGH, die diese Container als Ateliers . . .
. . . vermietet. "Dabei wollen wir arbeiten wie hier nebenan in Halle 6", sagt Bildhauer Christian Schnurer, der sich für Künstler engagiert.
iko 7 . . . vermietet. "Dabei wollen wir arbeiten wie hier nebenan in Halle 6", sagt Bildhauer Christian Schnurer, der sich für Künstler engagiert.
In dieser ehemaligen Halle der Stadtentwässerung, die nun WerkBox3 heißt, arbeiten 45 Kreative.
iko 7 In dieser ehemaligen Halle der Stadtentwässerung, die nun WerkBox3 heißt, arbeiten 45 Kreative.
Rund 1.000 Euro mehr Miete muss die "WerkBox3" monatlich wegen dem Mehrwertsteuer-Aufschlag zahlen - eine Belastung für den Verein, sagt die Co-Vorsitzende Olga Becker.
Sigi Müller 7 Rund 1.000 Euro mehr Miete muss die "WerkBox3" monatlich wegen dem Mehrwertsteuer-Aufschlag zahlen - eine Belastung für den Verein, sagt die Co-Vorsitzende Olga Becker.
Goldschmiedin Claudia Hofmann in ihrer Arbeitsecke in der WerkBox3.
privat 7 Goldschmiedin Claudia Hofmann in ihrer Arbeitsecke in der WerkBox3.
Das Künstlerduo Michael Gruber und Corbinian Böhm (r.) in der "Empfangshalle" - auch hier wird nun Mehrwertsteuer auf die Miete aufgeschlagen.
Sigi Müller 7 Das Künstlerduo Michael Gruber und Corbinian Böhm (r.) in der "Empfangshalle" - auch hier wird nun Mehrwertsteuer auf die Miete aufgeschlagen.
Stadträtin Marie Burneleit (Die Partei) kritisiert die Mietbedingungen.
Sigi Müller 7 Stadträtin Marie Burneleit (Die Partei) kritisiert die Mietbedingungen.

München - Maler, Bildhauer, Theaterleute, Tänzer, Filmemacherinnen, Designer, Bühnenbildner - es ist eine faszinierende Ansammlung an kreativen Leuten, die sich auf dem alten Hallengelände an der Dachauer und Schwere-Reiter-Straße niedergelassen hat.

Das sogenannte Kreativlabor (ein Teil des Kreativquartiers), das die Stadt seit Jahren so plant, dass Münchens Kreative auch mit schmalem Einkommen günstige Ateliers und Werkstätten finden, ist ein Vorzeigeprojekt in Deutschland.

Aber jetzt ist Unruhe ausgebrochen auf dem Gelände, auf dem rund 300 Kunst- und Kulturmacher werkeln. Der Stadtrat hat zwar gerade einen Mietendeckel für Ateliers und Probenräume in städtischen Gebäuden beschlossen. Nur: Für das Kreativlabor gilt der nicht, im Gegenteil. Hier schießen gerade die Mieten in die Höhe. Von bislang um die sechs Euro pro Quadratmeter auf zehn, zwölf und mehr.

"So vertreibt man als Stadt seine Künstler"

"So vertreibt man als Stadt seine Künstler", ärgert sich Christian Schnurer, der sich als Bildhauer und Veranstalter jahrelang fürs Kreativquartier engagiert hat und in der "Halle 6" die Werkstatt-Räume mit 46 Kollegen teilt. "Schon vor Corona", sagt er, "haben selbstständige Kreative im Schnitt nur um die 1.200 Euro im Monat verdient."

Da komme es bei der Atelier- oder Werkstattmiete auf jeden Euro an. "Wenn das so weiter geht, wird sich jeder Zweite hier sein Atelier nicht mehr leisten können, aus München weggehen oder ganz hinwerfen." Es sei "der komplett falsche Zeitpunkt, jetzt so eine Preispolitik zu machen". Was ist passiert? Die Stadt hat vergangenes Jahr die Vermietung (mit 110 Mietverträgen) an eine Tochtergesellschaft übergeben: die Münchner Gewerbehof GmbH (MGH), die sonst Handwerksbetriebe und Gewerbe betreut.

Die hat nun die ersten zehn Verträge neu berechnet, und zwar nach Gewerbe-Standards. Da wird (statt der Innen-Quadratmeter wie bei normalen Mietern) die Bruttogesamtfläche gezählt - inklusive Außenwänden, die teils einen halben Meter dick sind. Da kommen auf dem Papier etliche Quadratmeter mehr zusammen.

Miete plus 19 Prozent Mehrwertsteuer

Schlimmer noch trifft die Künstler, dass die MGH nun auf die Miete eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent draufschlägt. Denn die können viele kleine Künstler gar nicht vom Finanzamt zurückholen.

Warum tut die MGH das? "Weil wir als Gewerbehof GmbH Grundflächen einheitlich berechnen und Mehrwertsteuer erheben müssen", sagt MGH-Chef Rudolf Boneberger auf AZ-Nachfrage. "Sonst bleiben wir auf den Kosten sitzen."

"Zu diesen Bedingungen ist kreative Arbeit, die nicht-wirtschaftlich orientiert ist, absolut nicht möglich", ärgert sich Stadträtin Marie Burneleit (Die Partei), "dabei soll das Kreativquartier doch genau dafür Raum und Fläche in München bieten."

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Im Kreativlabor liegt beispielsweise die "Empfangshalle". Das Künstlerduo Corbinian Böhm und Michael Gruber hat die Atelierhalle gemietet, ein Netzwerk aus 40 Kreativen aus Kunst, Film und Musik nutzt sie mit, als Untermieter. Seit vergangenem Mai schon hat die MGH hier die Mehrwertsteuer auf die Hallenmiete draufgeschlagen: um die 700 Euro mehr im Monat. "Die Leidtragenden sind die Untermieter", sagt Böhm.

Auch die "WerkBox3" treffen die Modalitäten hart. Der gemeinnützige Verein hat im Herbst die hellblaue ehemalige Halle der Stadtentwässerung angemietet und betreibt hier eine offene Werkstatt. 45 Künstler und Hobbybastler haben sich eingemietet - Goldschmiede, Töpfer, Schreiner, Instrumenten- und Prototypenbauer und ein Schweißkünstler.

"Jeder Zweite hier wird sich sein Atelier nicht mehr leisten können"

"Nachdem uns unsere frühere Halle im Werksviertel gekündigt wurde, haben wir nach langer Suche hier unterschrieben", erzählt Co-Vorstand Frederik Franke, der in der Halle ein ehemaliges Löschfahrzeug zum Camper umbaut und Kofferträger für alte Simson-Motorräder entwickelt.

6.861,25 Euro Warmmiete kostet die Halle im Monat, bei 524 Quadratmetern Bruttogrundfläche. Davon entfallen über 1.000 Euro auf die Mehrwertsteuer. "Selbst wenn wir als Verein diese Summe an unsere Nutzer weitergeben", sagt Franke, "sie bekommen dieses Geld vom Finanzamt nicht zurück, weil sie meist keine Gewerbetreibenden sind."

Bei dem kleinen Hallenbereich etwa, den Claudia Hofmann (53) für 300 Euro angemietet hat, um neben ihrem Hauptberuf Gold- und Silberschmuck für ihr Label "happynature" zu schmieden, macht der Mehrwertsteueranteil rund 50 Euro im Monat aus. "Es gibt Kollegen", sagt sie, "für die sind 50 Euro mehr definitiv ein Grund, sich ein Atelier nicht mehr leisten zu können."

Wann und wie es das "Atelierhaus" treffen wird, in dem 26 Maler, Bildhauer & Co. arbeiten, ist noch unklar. Das Haus soll bald saniert werden, man sorgt sich hier, dass es danach veränderte Verträge geben wird. "Ob und wie sich die Mieten verändern, wird mit dem Stadtrat zu besprechen sein", sagt MGH-Chef Boneberger. Noch ist ein 40-Quadratmeter-Atelier für 260 Euro zu haben, erzählt Malerin Sara Rogenhofer. Das sind 6,50 Euro pro Quadratmeter. Aber wie lange noch?

100.000 Euro pro Container

Klar, die MGH braucht Einnahmen, um auf dem Gelände auch sanieren zu können. Andererseits hat sie erst für 4,5 Millionen Euro auf der Lamentofläche 45 kindergartenbunte Container aufgestellt - als anmietbare Ateliers, Werkstätten oder Büros.

100.000 Euro pro Container inklusive der ordentlich asphaltierten Freiflächen - das ist viel Geld dafür, dass die Anlage nur sechs Jahre stehenbleiben soll (bis ein Neubau kommt). Das Echo aus der Szene ist auch wenig schmeichelhaft: zu geschleckt, zu niedrige Decken, zu teuer (bei 12 bis 14 Euro pro Quadratmeter) ist da zu hören. Und optisch ungefähr so ansprechend wie eine "Sanitäranlage für Künstler".

Stadträtin Marie Burneleit hat nun eine Anfrage an OB Dieter Reiter (SPD) gestellt. War die Übertragung der Mietverträge an die MGH wirklich so eine gute Idee - und auch zu Ende gedacht? Kulturbürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) sagt, die Spielräume der MGH seien "begrenzt, da die Gesellschaft angehalten ist, wirtschaftlich zu handeln".

Ändern kann das fürs Kreativlabor nur der Stadtrat, indem er etwa den beschlossenen Atelier-Mietendeckel auch der MGH aufzwingt. Das letzte Wort im Rathaus dürfte dazu noch nicht gesprochen sein.

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