Mehr häusliche Gewalt wegen Corona: Frauenhäuser müssen abweisen

Schockierende Zahlen. Expertinnen warnen, dass häusliche Gewalt während Corona zunimmt. Welche Erfahrungen Betroffene machen mussten.
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2018 nahmen die Münchner Frauenhäuser laut Sozialreferat 251 Frauen mit 263 Kindern auf. Aber 65 Frauen lehnten sie ab.
2018 nahmen die Münchner Frauenhäuser laut Sozialreferat 251 Frauen mit 263 Kindern auf. Aber 65 Frauen lehnten sie ab. © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

München - Mit sieben Jahren verlor Romy Stangl das Vertrauen in das Gute auf der Welt. Damals, so erzählt sie es, schlug ihr Vater sie wieder und wieder ins Gesicht. Sie flehte um Hilfe, doch ihre Mutter stand nur da, stumm und mit Tränen in den Augen.

Häusliche Gewalt: Frauenhäuser versuchen zu helfen

Mit 14 habe sie ihr Halbbruder geschlagen, gewürgt, beleidigt, beinahe getötet. Und mit Anfang 30, als junge Mutter, habe sie ihr Partner über Jahre hinweg seelisch und körperlich misshandelt. Eines Tages habe er sie mit der Faust ins Gesicht geschlagen, gelächelt und gesagt: "Jetzt erinnere ich dich an deinen Vater." In diesem Moment sei ihr bewusstgeworden, dass sie sich aus diesem Leben voller Gewalt befreien will.

Romy Stangl.
Romy Stangl. © theAIRstudios

Das ist zwölf Jahre her. Inzwischen, so wirkt es, wenn man mit Romy Stangl spricht, hat sie Vertrauen gewonnen, vielleicht nicht in die Welt, aber in sich selbst. "Ich kann die Welt nicht ändern", sagt sie. Doch vor drei Jahren machte sie es zu ihrer Aufgabe, den Blick der Menschen auf die Welt zu verändern: Seitdem unterstütze sie mit dem Verein One Billion Rising München Frauen dabei, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Jede zweite Frau wird in Bayern von einem Frauenhaus abgewiesen

Denn auch sie hätte es ohne fremde Hilfe nicht geschafft, sagt Stangl. Als eine Bekannte ihre Verletzungen sah, brachte sie sie in ein Frauenhaus. Damals, vor zwölf Jahren, habe sie sofort einen Platz bekommen, sagt Stangl. Heute sei das oft anders. "Jede zweite Frau wird in Bayern von einem Frauenhaus abgewiesen." Auch in München findet nicht jede Frau einen Platz. 2018 nahmen die Münchner Frauenhäuser laut Sozialreferat 251 Frauen mit 263 Kindern auf. Aber 65 Frauen lehnten sie ab.

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Auch eine von Romy Stangls Klientinnen fand in München keinen Platz. Sie habe mit Verletzungen vor dem Frauenhaus gestanden. Doch es war voll. "Am Ende ist sie zurück nach Hause gegangen", sagt Stangl. "Zu ihrem Ehemann, vor dem sie flüchtete." Die Zahlen derer, die Gewalt erfahren, die Schutz suchen, aber keine Hilfe finden, könnten während Corona massiv gestiegen sein, glaubt Stangl. Und das befürchtet auch SPD-Stadträtin Micky Wenngatz, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. "Der Lockdown führt dazu, dass die soziale Kontrolle fehlt." Wenn niemand die blauen Flecken sieht, kann auch niemand einschreiten.

Es sollen zwei neue Frauenhäuser in München gebaut werden

Dabei waren schon vor der Pandemie die Zahlen dramatisch: 2019 erfuhren laut Bundeskriminalamt mehr als 140.000 Menschen Gewalt in der Partnerschaft. 81 Prozent davon waren Frauen, die in etwa der Hälfte der Fälle mit dem Täter in einem Haushalt lebten. Sich aus diesen Beziehungen zu befreien, dauere im Schnitt sieben Jahre, sagt Romy Stangl. In einer teuren Stadt wie München vielleicht sogar noch länger. Denn neben verschiedenen Gefühlen, die sich aus einer Mischung aus Scham und Verpflichtung zusammensetzen, sei oft auch das Geld ein Faktor, warum Frauen bei ihrem Partner bleiben.

Weil Wohnraum so teuer ist, würden Frauen in München länger in den Heimen bleiben als anderswo, sagt Stadträtin Wenngatz. Auch deshalb ist der Bedarf groß. Vergangenes Jahr beschloss die Stadt zwei neue Frauenhäuser mit 48 Plätzen. Wann sie fertig sind, kann Wenngatz nicht sagen. Dann gäbe es in München 126 Plätze. Doch schon heute ist klar, dass die nicht reichen. Nach einer EU-Übereinkunft müsste es in München 156 Plätze geben. Heute sind es nicht einmal halb so viele. Ein Problem ist laut der SPD-Politikerinnen: Die Kosten für die Frauenhäuser müsse München alleine tragen. Der Freistaat beteilige sich daran zu wenig. "Die Stadt tut, was sie kann", sagt SPD-Stadträtin Julia Schmitt-Thiel. "Aber alleine schafft sie es nicht."

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