Interview

Matilda Gettins: "Dass Corona dem Klima hilft, ist kompletter Schmarrn"

Vor einem Jahr haben 60.000 Münchner für Klimaschutz protestiert. Seit Corona hört man kaum etwas von "Fridays for Future". Wie die Aktivisten weiterkämpfen wollen.
| Benjamin Brown
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Mathilda Gettins organisiert "Fridays for Future"-Proteste. Corona hat ihr und ihren Mitstreitern das Demonstrieren schwer gemacht.
Mathilda Gettins organisiert "Fridays for Future"-Proteste. Corona hat ihr und ihren Mitstreitern das Demonstrieren schwer gemacht. © Daniel von Loeper

München -  Vor einem Jahr, am 20. September 2019, gingen in München Zehntausende auf die Straße, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Der Münchner Ableger der globalen Bewegung "Fridays for Future" (FFF) hatte damals zum Streik aufgerufen.

Über ein Jahr später, am 25. September, steht erneut ein Klimastreik an - in Corona-Zeiten aber anders als bisher. Die Klima-Aktivistin Matilda Gettins (18) war schon von Anfang an dabei. In der AZ spricht sie über Protest in Pandemiezeiten. 

AZ: Frau Gettins, seit Corona spricht niemand mehr über die Klimakrise. Was bedeutet das für Ihre Bewegung?
MATHILDA GETTINS: Natürlich hat Corona uns vor allem zu Beginn die Aufmerksamkeit genommen. Aber genau deswegen fordern wir auch, dass es nicht eine Sache ist, die einfach den Individuen überlassen sein sollte. Wenn ich alleine sage, ‚Okay, ich fliege nicht so oft', kann ich nicht so viel erreichen, wie wenn die Politik es macht. Und ich als Einzelperson kann mich auch nicht in jedem Moment mit zehn Krisen befassen, denn es gibt auch humanitäre Krisen auf dieser Welt.

Corona wurde von vielen Menschen auch als Chance für das Klima gesehen.
Viele von uns fanden es irritierend, dass es hieß, die Corona-Pandemie hilft dem Klima. Das ist kompletter Schmarrn. Klimaneutralität zu erreichen, braucht viele Gelder und zwei Krisen auf einmal helfen da garantiert nicht weiter.

Matilda Gettins: "Wir wollen auch Risikoprävention betreiben"

Also gibt es gar nichts Positives?
Positives herausziehen kann man nur, wenn man anschaut, wie Risikoprävention und Risikokommunikation betrieben wurden. Da hatten wir die Hoffnung, dass aus Corona was gelernt werden könnte. Zu sagen, dass die Corona-Krise irgendwelchen Leuten hilft, ist aber angesichts der Todeszahlen, aber auch den persönlichen Krisen, die beispielsweise durch den Verlust des Arbeitsplatzes entstehen, Spott. Es geht jetzt darum, die Krisen bestmöglich zu meistern. Unsere Forderung und Hoffnung war, dass mit dem großen Konjunkturpaket Systeme aufgebaut werden, die klimafreundlicher sind.

Der volle Königsplatz vor einem Jahr. Heuer wird deutlich kleiner protestiert.
Der volle Königsplatz vor einem Jahr. Heuer wird deutlich kleiner protestiert. © imago images/Action Pictures

Wie schafft FFF aktuell trotz Corona-Regeln und Infektionsschutz Aufmerksamkeit für Klima-Themen?
Bei uns ist es tatsächlich sehr schwierig gewesen, denn unser großes Aktionsformat waren Streiks mit vielen Menschen. Das geht natürlich am besten in Präsenz: Vor einem Jahr waren direkt hier am Königsplatz 60.000 Menschen. Für unseren kommenden Streik haben wir maximal 1.000 angemeldet. In der Klimakrise fordern wir, dass die Politik Verantwortung übernimmt und Risikoprävention betreibt. Jetzt wollen wir, was die Corona-Pandemie angeht, auch Risikoprävention betreiben.

Und wie machen Sie das?
In dieser Phase ist es wichtig, dass wir uns vernetzten. Der wichtigste Punkt ist, den Protest aufrechtzuerhalten. Wir haben ihn ins Internet übertragen, wir hatten Aktionen ohne Präsenz, wir hatten Netzstreiks. Wir bleiben laut. Mit jeder Minute wird das Thema dringlicher. Da wird diese Protestbewegung - die schon eine der größten der Geschichte ist - weitergetragen werden. Wir müssen uns jetzt schnell überlegen, wie wir weiter Aufmerksamkeit erreichen können.

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Gettins: "Wir sehen gerade, dass Transformation extrem schnell möglich ist"

Normalerweise versuchen Sie möglichst viele Menschen zu mobilisieren. Nun demonstrieren Sie nur mit 1.000 Menschen. Schwierig für Sie?
Es ist tatsächlich richtig schwierig. Wir sind in enger Absprache mit den Scientists for Future und mit dem Kreisverwaltungsreferat, um den richtigen Umgang zu finden. Mit den steigenden Zahlen in München gab es bei uns eine Debatte darüber, ob es verantwortlich ist, überhaupt einen Streik zu starten. Wir können nicht ausschließen, dass es mehr Leute werden, aber das ist wirklich nicht unser Plan.

Und wenn es doch mehr werden?'
Die Polizei wird Demonstrierende bei Bedarf zurückweisen, sollten doch mehr kommen. Wenn die 1.000 erreicht sind, werden wir das auch über unsere Kanäle kommunizieren.

In der Corona-Krise haben Menschen ihre Verhaltensweisen krass verändert, was bedeutet das für den Klimaschutz?
Wir sehen gerade, dass Transformation extrem schnell möglich ist. Dass Leute zum Beispiel aufs Fahrrad steigen, die das davor nie getan hätten. Es hieß auch immer, all diese Businessreisen müssten sein - nach wenigen Monaten sind Videocalls aber etabliert und viele Unternehmen haben gesagt, dass sie das nach Corona beibehalten, weil es sich für sie viel mehr rentiert, in Software statt in Businessflüge zu investieren. Es macht mir Hoffnung zu sehen, dass Leute bereit sind, sich schnell anzupassen und es auch die Wirtschaft kann. Es braucht die klare Kommunikation, dass das eine Krise ist und dass es nicht warten kann.

Gettins: "München hat massive Probleme mit dichter Besiedlung"

Haben Sie diese Hoffnung auch für die Politik?
Wir sehen, dass der politische Wille für Klimaschutz noch fehlt. Dass viele von den Entscheidungen, die hätten getroffen werden müssen, durchaus machbar sind. In Deutschland war die Corona-Krise ein Beispiel dafür, wie schnell dieser Druck entstehen kann. Ich wünsche mir jetzt, dass die Leute bei der Klimakrise - auch wenn sie vom zeitlichen Faktor komplett anders ist - wachgerüttelt werden und doch was tun. Jetzt. Es ist möglich.

Was macht München gut, was schlecht?
München ist bereits sehr stark, was den gesellschaftlichen Rückhalt angeht. Es gab viele gute Offensiven, den Radentscheid zum Beispiel. München hat aber massive Probleme mit der dichten Besiedlung. Dementsprechend fehlen Frischluftschneisen. Wenn es warm ist, heizt sich München enorm auf. Alle Nachverdichtungsmaßnahmen müssen integrativer gemacht werden, Stichwort Fassadenbegrünung und Photovoltaik. In München muss jeder Raum, den es gibt, besser durchdacht werden.

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