48 Millionen mit Masken: Politikertochter gibt Steuerkanzlei die Schuld für Steuerhinterziehung
Sie ist wieder aufgetaucht. Umrahmt von einer kleinen Gruppe aus Anwälten und Beratern, steht Andrea Tandler (43) am Dienstag vor dem Gerichtssaal 167 im Justizpalast. Doch diesmal ist die Frau, die einst als größte Absahnerin im Geschäft mit Corona-Schutzmasken sowie als Mega-Steuerhinterzieherin in die Zeitgeschichte einging, nicht Angeklagte. Sondern Klägerin.

Tandler sieht sich zu Unrecht verurteilt und gebrandmarkt. Sie verlangt, kurz gesagt, nichts Geringeres, als dass ihre Unschuld festgestellt und sie vollständig rehabilitiert wird. Die Tür des kleinen Saales wird geöffnet. Auf der rechten Seite nehmen die Kläger Platz – zwei Anwälte der bekannten Kanzlei König, Gauweiler, Sauter. Und Tandler sowie ihr einstiger Geschäftspartner Darius N. Auf der linken Seite sitzen die Beklagten – Rechtsvertreter der Münchner Steuerkanzlei Peters, Schönberger und Partner (PSP).
Der Vorwurf im Kern: PSP habe Tandler fehlerhaft und rechtlich nicht korrekt beraten. Und damit überhaupt die Grundlage geliefert für das ganze Verhängnis, in das sie seit dem Frühjahr 2020 hineingeschlittert sei. Ohne PSP hätte es keinen Rechtsbruch und keine Steuerhinterziehung gegeben. Und keinen Prozess gegen sie.

Im Dezember 2023 wurde Andrea Tandler in München zu vier Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Ihr Geschäftspartner Darius N. bekam drei Jahre und neun Monate. Der Bundesgerichtshof verringerte beide Strafen später auf drei Jahre.
Daddys Kontakte waren in der Pandemie mehr als nützlich
Rückblick: Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie ausbrach, waren FFP2-Masken plötzlich ein rares und hoch begehrtes Gut. Tandler, die eigentlich eine kleine Werbeagentur hatte, kam in Kontakt zu einem großen Schweizer Masken-Vermittler, der einen Vertrieb nach Deutschland suchte. Da nutzte Tandler ihren Namen aus, dem sie viele Beziehungen in die deutsche Politik verdankte. Denn Gerold Tandler, einst CSU-Generalsekretär und mehrfacher Landesminister, ist ihr Vater. Monika Hohlmeier, Tochter von CSU-Übervater Franz Josef Strauß, war eine der besten Freundinnen Tandlers.
So konnte sie Kontakte herstellen zum damaligen CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn und zu mehreren bayerischen CSU-Landesministerien. Alle wollten Masken, und zwar möglichst viele. Am Ende strichen Andrea Tandler und Darius N. eine märchenhafte Provision von 48 Millionen Euro ein.

Versteuert wurde nicht richtig, stellte das Landgericht fest, letztlich wurden demnach elf Millionen Euro hinterzogen. Denn als Firmensitz ihres Vermittlungsbetriebs wurde die Steueroase Grünwald gewählt mit Sätzen, die halb so niedrig sind wie in München. In der Landeshauptstadt wurden aber die Geschäfte gemacht, so das Urteil, Grünwald war nur eine Briefkastenfirma – ein kleines Bürozimmer, das laut Unterlagen von mehr als 20 Mietern genutzt worden sein soll.
Die Steuerberater weisen jede Mitschuld von sich
Die Tandler-Leute werfen PSP vor, neun von zehn nötigen Meldepflichten an das Finanzamt nicht ausgefüllt zu haben und eine fehlerhaft.
Die PSP-Vertreter weisen das zurück, bei der Beratung sei alles mit rechten Dingen zugegangen.

Andrea Tandler hätte in diesem Verfahren nicht persönlich erscheinen müssen. Doch sie zeigt sich – mit ihrem Gesicht und dunklem Haar. Sie ist ganz in schwarz gekleidet und trägt weiße Sportschuhe mit dicken Sohlen. Früher wollte sie sich nicht zeigen wegen der Fotografen und der Kameras. Im Masken-Untersuchungsausschuss im Landtag kam es deshalb zu einem äußerst bizarren Auftritt. Nachdem Tandler trotz Ladung zwei Mal gefehlt hatte, erschien sie beim dritten Mal vollkommen unkenntlich gemacht mit Maske, Sonnenbrille und Baseball-Kappe. Und sagte, dass sie die Aussage verweigere.
Seit der U-Haft ist Andrea Tandler auf freiem Fuß
Bisher ist sie auf freiem Fuß. Die elf Monate U-Haft bis zum Ende des Prozesses werden ihr angerechnet. Der restlichen Haftstrafe konnte sie bisher entgehen mit Verweis auf ihren schlechten Gesundheitszustand und chronische Schmerzen.

Außerdem liegt ihr Fall nun beim Verfassungsgericht. Im Gespräch mit der AZ sagt ein Tandler-Berater, dass sie nun eine Entschädigung von PSP verlangt und später auch eine strafrechtliche Verurteilung der Kanzlei. Darius N. sitzt derzeit seine Haftstrafe ab. Um bei der Verhandlung dabei zu sein, bekam er einen Tag Hafturlaub.
Das Urteil soll am 22. Dezember verkündet werden.
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