„Lippen-Negerin“ und Looping

Volksbelustigung früher und heute: Über die Jahre haben sich die Wiesn-Sensationen stark verändert. Motto: Immer höher, immer schneller.
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Münchner Stadtmuseum Illustration

Volksbelustigung früher und heute: Über die Jahre haben sich die Wiesn-Sensationen stark verändert. Motto: Immer höher, immer schneller.

Die Beschreibung allein reicht schon, um den Blutdruck eher ängstlicher Zeitgenossen in ungesunde Höhen zu treiben. 55 Meter hoch steigt die neueste Wiesn-Attraktion namens „Rocket“ in den Münchner Himmel. ImPrinzip ist das Gerät so etwas wie ein überdimensionierter Kettenflieger. Er hat nur eine nette, kleine Gemeinheit eingebaut: Wenn die Passagiere in luftiger Höhe mit 60 Sachen in einem Radius von 32 Metern schwindlig gedreht werden, kommt der spezielle „Rocket“-Kick: Die Gondeln überschlagen sich immer wieder um die eigene Achse . . .

Willkommen zur Wiesn 2010, zur großen Volksbelustigung mit Fünfer-Looping, Alpenrausch, mit Fahrgeschäften, die offenbar nur einen Zweck haben: Die Magennerven der Oktoberfest-Besucher zu strapazieren.

Rückblende. Wir befinden uns auf der Theresienwiese zu München. Man schreibt das Jahr 1860. Mit lauten Rufen feuern die Zuschauer die bedauernswürdigen Hauptakteure eines grausigen Spektakels an. Zwei Hunde wälzen sich ineinander verbissen am Boden. Sie kämpfen um ihr Leben – und die Meute johlt. Hundehetzer Gabler hat die Tiere angekarrt, er verdient mit der Blutrünstigkeit seiner Zeitgenossen gutes Geld. Immerhin bis ins Jahr 1865 – da untersagte die Obrigkeit dann das fürchterliche Gemetzel.

Oktoberfest und Volksbelustigung – das gehörte schon immer zusammen. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten geschäftstüchtigen Münchner im Umfeld der Festlichkeiten auf. Ein paar Schaukeln, zusammengezimmert von einem Tagelöhner, eine Bolzenschießanlage, die ein Büchsenmacher aufbaute – die Anfänge waren eher bescheiden.

Aber es ging schnell bergauf mit den Fieranten und Schaustellern. Rund ums Oktoberfest war viel Geld zu verdienen, die Zahl der Attraktionen wuchs von Jahr zu Jahr – auch wenn manche nach unschönen Vorkommnissen wieder verschwanden – wie die Kegelbahnen nach einer zum Tumult ausgearteten Schlägerei anno 1866.

Bis zum Jahr 1890 nahm der Ansturm der Schausteller aufs Fest derart zu, dass der Magistrat Konzessionen erteilen musste – für Zaubertheater, Nagel- und Wurfbuden und für diverse Varietés. Als ganz große Attraktion erwiesen sich die lebenden Darsteller in den Wiesn-Buden. Da wurde die Elephanten-Mutter mit ihrem säugenden Baby gezeigt. Fremdländische Menschen aus exotischen Kulturen sollten die Neugierigen anlocken. „Lionel, der Löwenmensch“ und „Tabor, der Beherrscher der Muskeln“ traten 1908 in einem „Indischen Tempel“ auf.

Direkt über den Köpfen gefährlicher Löwen radelten wagemutige Artisten in einer Stahlkonstruktion – und das Publikum gruselte sich wohlig. Genauso wie bei der „Größten Schlange der Welt“, die im Jahr 1907 von fünf ausgewachsenen Männern getragen wurde. 1000 Mark Prämie versprach Carl Hagenbeck jedem, der beweisen konnte, in Europa ein ebenso großes Exemplar lebend gesehen zu haben. Ob er sie jemals auszahlen musste, ist nicht überliefert.

Das Geschäft mit den Völkerschauen, mit der voyeuristischen Betrachtung exotischer Menschen und Tiere hielt sich bis in die 1930er Jahre. Da wurden noch einmal die „aussterbenden Lippen-Negerinnen vom Stamme Kara-Saba“ präsentiert oder eine Wiesn später die „Kanaken der Südsee“. Dann wandte sich das Interesse der Besucher mehr und mehr den Mitmach- und Nervenkitzel- Attraktionen zu. Fliehkraft und viel Tempo waren angesagt, die Fortschritte der Technik schlugen sich direkt auf dem Oktoberfest nieder.

Die Steilwand-Kitty zog die Massen in den Bann der Motoren, Autoscooter, Wilde Maus, Teufelsrad oder Calypso lockten vor allem die jungen Leute an, denen es gar nicht rasant genug zugehen konnte.

Im Jahr 1989 feierte dann der Fünfer-Looping der Schausteller- Familie Barth Premiere. Die Adrenalin-Junkies standen Schlange – um nach der Fahrt cool festzustellen: So schlimm war’s gar nicht.

High Energy, Star Flyer, Skater, Freefall – die großen Fahrgeschäfte der Gegenwart sind hoch, schnell, heftig. Aber wer mag, der kann’s auch bei der Jubiläums-Wiesn ganz gemütlich angehen lassen. Toboggan oder Krinoline, Kettenflieger und Pferdl-Karussell – die Attraktionen von anno Dazumal haben auch heute noch ihren nostalgischen Reiz. Und bei manchen muss man sichwundern, mit wie wenig Aufwand eine enorme Wirkung erzielt werden kann. Nach dem Motto: Schlecht is ned – aber schlecht kannt’s oam wern! Rudolf Huber

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