Linde: Wie gefährlich ist Reitzle für die Münchner Angestellten?

Der Chefkontrolleur will den Konzern mit einer Fusion zum Champion bei Industriegasen machen – mit Folgen für Münchner Mitarbeiter.
| Otto Zellmer
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Linde ist ein Konzern mit großer Tradition in München: hier das Kühlhaus des Unternehmens im Jahr 1938.
Linde ist ein Konzern mit großer Tradition in München: hier das Kühlhaus des Unternehmens im Jahr 1938.

München - An seinem Traum will Wolfgang Reitzle (68) festhalten. Der Linde-Aufsichtsratschef plant, den weltweit größten Industriegase-Konzern zu schmieden und selbst oberster Kontrolleur zu werden. Zur Not will der Spitzenmanager die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair gegen den Widerstand der Beschäftigten durchsetzen.

Der Zusammenschluss des Münchner Dax-Unternehmens mit den Amerikanern könnte – so will es Reitzle – noch vor der Linde-Hauptversammlung am 10. Mai unterzeichnet werden.

Der neue Mega-Konzern soll den Namen Linde behalten, künftig aber von Praxair-Chef Steve Angel geführt werden (AZ berichtete). Reitzle soll Boss des Aufsichtsrates werden. Die Holding wird in Dublin angesiedelt – das spart Steuern.

Somit wäre München mit dem aktuellen Firmensitz im Angerhof aus dem Rennen. Im Großraum der Stadt arbeiten Tausende Beschäftigte (siehe roter Kasten). Auf diese hätte eine Fusion negative Auswirkungen, warnen die Gewerkschaften IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE).

Die Arbeitnehmer lehnen einen Zusammenschluss strikt ab. Auch Lindes Europäischer Betriebsrat befürchtet einen massiven Stellenabbau, denn die Synergien gingen zulasten der Linde-Beschäftigten – auch wenn das Unternehmen mit Betriebsrat und Gewerkschaften eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2021 für den Fall einer Fusion vereinbart hat.

Die Rede ist von "einem Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird".

"Technologische Spitzenfähigkeit" in München erhalten

Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagt, es gehe nicht "um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair".

Wegen Auflagen der Kartellbehörden müssten Linde und Praxair Anteile veräußern – das könnte Konkurrenten stärken, meinen Gewerkschaften und Analysten. Einige von ihnen verweisen auf gescheiterte Fusion DaimlerChrysler. Ende der 90er-Jahre schlossen Daimler-Chef Jürgen Schrempp und Chrysler-CEO Bob Eaton ihre berühmte "Hochzeit im Himmel" – später wurde das Arrangement wieder aufgelöst.

Mittlerweile mischt sich auch die Politik bei Linde ein: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) fordert, "dass nicht gegen die Arbeitnehmer entschieden wird". Der Münchner Bundestags-Vizepräsident Johannes Singhammer (CSU) sieht Arbeitsplätze gefährdet und will "technologische Spitzenfähigkeit" weiter in München erhalten.

Singhammer stört sich auch daran, dass der Linde-Firmensitz nach Dublin verlagert werden soll. "Es darf nicht zur Regel werden, dass Unternehmen aufgrund der niedrigen irischen Steuersätze nach Dublin abwandern", sagt der Bundestags-Vize, "während Irland gleichzeitig europäische Finanzhilfen in Milliardenhöhe zur Bewältigung seiner Finanzkrise in Anspruch genommen hat."

Linde ist ein Konzern mit großer Tradition in München: hier das Kühlhaus des Unternehmens im Jahr 1938.
Linde ist ein Konzern mit großer Tradition in München: hier das Kühlhaus des Unternehmens im Jahr 1938.

Linde ist ein Konzern mit großer Tradition in München: hier das Kühlhaus des Unternehmens im Jahr 1938. Foto: Linde Group

Fusion als Gehaltssprungbrett?

Doch Chefkontrolleur Reitzle lässt sich von den Sorgen der Mitarbeiter sowie der Kritik von Arbeitnehmervertretung und Politik nicht von seinem Weg abbringen. Bei der Abstimmung im Aufsichtsrat werde er notfalls sein doppeltes Stimmrecht in die Waagschale werfen: "Ja, ich bin dazu bereit", hatte Reitzle am Montag der "Financial Times" gesagt.

Am Donnerstagvormittag beriet der Aufsichtsrat in einer vierstündigen Sitzung über den Deal. Eine Entscheidung gab es dem Vernehmen nach nicht – dafür eine kontroverse und hitzige Debatte. Die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat wird komplett gegen die Übernahme stimmen. Wenn die Kapitalseite geschlossen dafür votiert, wird Reitzles Votum zum Zünglein an der Waage.

Der Top-Manager – er ist seit 2001 mit der Moderatorin Nina Ruge (61) verheiratet – würde von einer Fusion auch in finanzieller Hinsicht profitieren. Von 2002 bis 2014 erhielt er als Linde-Chef bei Weitem mehr als jetzt als Chef des Aufsichtsrates. Alleine 2011 bekam der ehemalige TUM-Absolvent etwa 6,8 Millionen Euro.

Nach der Linde-Praxair-Fusion könnte Reitzle wieder zu solchen Summen zurückkehren, mutmaßen Experten.

Ein Stolperstein auf dem Weg zur Mega-Fusion könnte für den Ex-BMW-Forschungsspezialisten die Staatsanwaltschaft München sein. An sie hat die Finanzmarktaufsicht Bafin nach Untersuchungen einen Sachstandsbericht geschickt – wegen möglicher Insidergeschäfte Reitzles.

IG Metall: "Es stellt sich die Frage, ob Reitzle der Richtige für Linde ist"

Der 68-Jährige hatte im Juni 2016 – zwei Monate bevor die Fusionsgespräche mit Praxair bekanntgegeben wurden – für knapp eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft.

Jetzt soll die Staatsanwaltschaft prüfen, ob "ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht" und ein Verfahren eröffnet wird, auch wenn Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl sagt: Reitzle "hat null verheimlicht, er hat es der Bafin gemeldet. Zudem sind die Fusionsverhandlungen im ersten Anlauf gescheitert."

Am Ende ist es auch nicht der mögliche Insiderhandel, der die Gewerkschaften erzürnt. Vielmehr schimpft die IG Metall Bayern auf Reitzles Alleingang, er wolle die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmer durchbringen.

Diese Ankündigung "ist sehr befremdlich und besorgniserregend", sagte Landesbezirkschef Jürgen Wechsler am Donnerstag. "Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist das Gegenteil von Mitbestimmung. Das sollte Herr Reitzle wissen", sagt Weichsler. "Wenn er dazu nicht in der Lage ist, stellt sich die Frage, ob er der Richtige für Linde ist."

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