Kurze Münchner Architektur-Geschichte: Das Schwabylon

AZ-Leser Rainer Schoder hat das Schwabylon fotografiert, als es noch stand – und als es abgerissen wurde. Ein kleiner Rückblick.
| Thomas Müller
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Die Pyramide mit der charakteristischen Sonne auf der Blechfassade.
Rainer Schoder 4 Die Pyramide mit der charakteristischen Sonne auf der Blechfassade.
1978: Im Hochhaus hinterm Schwabylon sind Appartements zu vermieten, wie auf dem oberen Balkon zu lesen ist.
Rainer Schoder 4 1978: Im Hochhaus hinterm Schwabylon sind Appartements zu vermieten, wie auf dem oberen Balkon zu lesen ist.
Das Schwabylon im Jahr 1978.
Rainer Schoder 4 Das Schwabylon im Jahr 1978.
April 1979: Das Schwabylon wird abgerissen – die planerische Utopie eines Freizeit-Palastes im Norden Schwabings wird dem Erdboden gleichgemacht.
Rainer Schoder 4 April 1979: Das Schwabylon wird abgerissen – die planerische Utopie eines Freizeit-Palastes im Norden Schwabings wird dem Erdboden gleichgemacht.

München - Die Böden und Wände dunkelblau, dazwischen bunte Stahlrohr-Geländer, die von den gleißenden Deckenstrahlern erhellt wurden. Treppen? Fehlanzeige. Dafür gab’s Rampen, die die Ebenen und Attraktionen miteinander verbunden haben: Eislauf-, Box- und Konzert-Arena, Spielhalle, Schwimmbad, Biergarten, 100 Läden und Galerien, zwölf Restaurants, Kino, römische Thermen, Sauna und Solarium.

Ja, das Schwabylon war etwas Besonderes. Eine "Stadt in der Stadt" sollte es sein, eine gebaute Utopie aus 100.000 Kubikmetern Stahl, Beton und quietschbunter Fassade, weit draußen in Nord-Schwabing an der Leopoldstraße, gleich neben einem riesigen Appartementhaus, dem Holiday Inn Hotel und der berühmten Disco "Yellow Submarine".

Schwabylon - Eine 156 Millionen Mark teure Fehlinvestition

Der Schweizer Architekt und emeritierte Professor der TU Wien, Justus Dahinden (93), hatte die Utopie damals geplant. "Ein urbano-soziales Experiment", war es für ihn, um eine Atmosphäre und Gefühlskultur zu erzeugen, die in den meisten Öffentlichkeitsbereichen unserer gewachsenen Städte fehlt", wie er mal schrieb.

Nun, der 156 Millionen Mark teure Traum eines Vergnügungstempels platzte. Und zwar sehr schnell. Am 9. November 1973 wurde der Konsum-Tempel eröffnet. Nach nur 14 Monaten stand der riesige Palast bereits leer. Eine gigantische Fehlinvestition, in der nach-olympischen Ära, die München mit Öl- und Wirtschaftskrise besonders hart getroffen hat.

Genau diesen Zustand zwischen Leerstand und Abriss hat AZ-Leser Rainer Schoder 1978 und 1979 fotografiert. Bemerkenswert ist die Aufnahme der Eingangshalle rechts. Denn obwohl das Schwabylon leer stand, war es geöffnet. Durch das halbdunkle Gebäude gelangte man damals nämlich ins Schwimmbad, in die Sauna, zur Apotheke oder ins Ärztehaus – die allesamt weiterhin geöffnet hatten. Bizarr.

Historische Fotos: München zwischen den 60ern und 80ern

Das Schwabylon - die utopische "Stadt in der Stadt"

Das Schwimmbad gibt es freilich noch, unterhalb des sanierten Plattenhochhauses hinter der ehemaligen Vergnügungsstätte. Alles andere ist untergegangen – zuletzt auch noch das "Yellow Submarine", die legendäre 70er Jahre Großraum-Disco mit der Bullaugen-Optik. Zusammen mit dem Holiday Inn gleich daneben musste sie 2013 dem Neubaugebiet Schwabinger Tor weichen.

Was bleibt von dieser Utopie? Vom poppigen Schwabylon leider nur sehr wenig – außer wenigen Fotos ist es (sehr kurze) Münchner Architektur-Geschichte.

Einem anderen Bau des Architekten Justus Dahinden hat das Schicksal ein weit besseres Los entschieden: Das "Tantris" gleich ums Eck ist originalgetreu erhalten geblieben – und steht seit 2012 außen wie innen unter Denkmalschutz. Hinter diesem Bau steht damals wie heute ein privater Bauherr, die Familie Eichbauer, die das Erbe hegt und pflegt.

Das Schwabylon - Schon nach 14 Monaten brach das Kartehaus zusammen

Und hinter dem Schwabylon? Da stand die Idee des Augsburgers Otto Schnitzenbaumer, der die Schwabinger Samy-Brüder beerben wollte, die Hessische Landesbank sowie 5.000 Anteilszeichner einer Anleihe, die mit über sechs Prozent verzinst war. Schon 1974 stieg Schnitzenbaumer wieder aus – kurz bevor das bunte Kartenhaus zusammenkrachte.

Schade, dass das Schwabylon nicht umgenutzt, sondern dem Erdboden gleichgemacht werden musste. Irgendwie typisch München, damals schon.

Wäre es stehengeblieben, würde es heute garantiert unter Denkmalschutz stehen. Jede Wette.


Haben Sie auch Fotos aus dem München der 70er- und 80er-Jahre? Schicken Sie sie uns an leserfoto@az-muenchen.de oder AZ, Leserfoto, Garmischer Straße 35, 81373 München

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