Interview

Klimawandel-Folgen für München: "Unsere Sommer werden wie in Südfrankreich"

Welche Folgen der Klimawandel für München hat und ob irgendwann an der Isar Wein wächst, erklärt Meteorologe Lothar Bock im AZ-Interview.
| Christina Hertel
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Noch ist der Sommer nicht vorbei, meint Meteorologe Lothar Bock.
Noch ist der Sommer nicht vorbei, meint Meteorologe Lothar Bock. © Daniel von Loeper

München - In Griechenland und Italien brennen die Wälder. In der Türkei kämpfen die Menschen nach Starkregen gegen die schlimmsten Überschwemmungen. Alles Vorboten des Klimawandels? Der Weltklimarat warnte jedenfalls vor Kurzem deutlich, dass sich die Erde rascher erwärmt als bislang angenommen.

Bereits 2030 soll es 1,5 Grad wärmer als im vorindustriellen Zeitalter sein. Welche Folgen das für München hat und welches Wetter wir hier erwarten können, erklärt Meteorologe Lothar Bock im Interview. Er arbeitet beim Deutschen Wetterdienst (DWD) und berät unter anderem die Stadt bei Fragen rund um den Klimawandel.

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AZ: Herr Bock, heute Morgen schien die Sonne, auf dem Weg zu Ihnen musste ich den Regenschirm auspacken. Was ist mit dem Sommer los?
LOTHAR BOCK: Für einen bayerischen Sommer ist das normal. Wochenlange Schönwetterperioden sind die Ausnahme. In der Regel haben wir hier in Bayern wechselhaftes Wetter: ein paar Tage Sonnenschein, dann wieder Gewitter und Schauer. Aber natürlich: Verglichen mit den letzten Sommern ist dieser eine Katastrophe. Doch die Sommer der letzten Jahre waren eben auch außergewöhnlich warm.

In Berchtesgaden, in Rheinland-Pfalz und NRW gab es Hochwasser. Sollten wir hier anfangen, uns auf eine Flut vorzubereiten?
Natürlich könnte man alle möglichen Schutzmaßnahmen treffen und Häuser und Gärten umbauen. Es ist zum Beispiel gerade modern, dass Fenster bis zum Boden reichen. Bei Starkregen läuft da aber das ganze Wasser durch. Doch was der Mensch wirklich braucht, ist wieder mehr Sensibilität für das Wetter. Durch unsere ganzen Apps und Computer meinen wir, alles im Griff zu haben. Aber die Natur zeigt uns eben immer wieder, dass sie der Herr im Haus ist.

Lothar Bock im Gespräch mit AZ-Reporterin Christina Hertel.
Lothar Bock im Gespräch mit AZ-Reporterin Christina Hertel. © Daniel von Loeper

Müssen wir uns also keine Sorgen machen?
Hochwasser gab es schon immer. Auch die Niederschläge der vergangenen Wochen sind nicht einmalig. Diesen Sommer regnete es in München rund 400 Liter. In diesem Bereich lag die Niederschlagsmenge schon immer.

Meteorologe: Temperatur ist der eindeutigste Indikator für den Klimawandel

Es heißt, mit dem Klimawandel nehmen die Extreme zu.
Das kann man pauschal nicht so sagen. Die Grünen haben das Hochwasser an der Ahr sofort mit dem Klimawandel gleichgesetzt, aber eigentlich müssen wir das differenzierter betrachten. Wind und Niederschlag sind kein guter Indikator für den Klimawandel, weil es so viele Schwankungen gibt. In dem einen Jahr regnet es mehr, im nächsten weniger.

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Wo ist der Klimawandel dann spürbar?
Wir sehen den Klimawandel deutlich bei der Vegetation, die immer früher startet und immer länger dauert. Wir sehen ihn an unseren Gletschern. Der an der Zugspitze wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren verschwunden sein. Der eindeutigste Indikator ist aber die Temperatur.

Hitzetage haben in München stark zugenommen

Wie hat die sich in München entwickelt?
Seit Ende des 19. Jahrhunderts erlebten wir in Bayern ungefähr einen Anstieg von 1,5 bis 2 Grad. Auch die Hitzetage, also die Tage, die heißer als 30 Grad sind, haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen: Im Raum München gab es in den 60ern durchschnittlich fünf Hitzetage im Jahr. 2003 und 2018 gab es über 30.

Die Tabellen zeigen Starkregen- und Hitzetage in München seit 1955 bis zum Jahr 2020.
Die Tabellen zeigen Starkregen- und Hitzetage in München seit 1955 bis zum Jahr 2020. © DWD

Das schaffen wir dieses Jahr wohl kaum.
Heuer liegen wir bei etwa fünf Hitzetagen. Verglichen mit den letzten Jahren ist dieser Sommer tatsächlich ein Reinfall.

Ist der Klimawandel also abgewendet?
Auf keinen Fall. Andere Teile Europas stöhnen gerade wegen der Hitzewelle.

Wie schaut Ihre Wettervorhersage für den Sommer 2030 aus?
So genau können wir das noch nicht sagen. Bis Ende des Jahrhunderts rechnen wir mit einem weiteren Temperaturanstieg zwischen zwei und vier Grad. Das heißt, in der Zukunft erwarten wir hier in München Wetter wie derzeit in Südfrankreich, Kroatien oder Norditalien.

Das klingt doch ganz angenehm.
Klar freut das viele, die Freibäder, die Eisverkäufer. Aber es wird auch hier Verlierer geben können. Wenn es zu Dürren kommt, werden die Landwirte, die Gärtner und Obstbauern klagen. Auch die alten Menschen werden leiden. Voraussichtlich wird es mehr Hitzetote geben. Temperaturen wie in Südfrankreich können in einer dicht besiedelten Stadt wie München richtig unangenehm werden.

Bauen in München: Mehr Rücksicht aufs Klima nehmen

Wie können wir es schaffen, dass das Leben hier erträglich bleibt?

Die Spanier machen mittags Siesta. Vielleicht müssen wir auch unsere Aktivitäten in die kühleren Stunden verlegen und tagsüber mal nichts machen. Auch beim Bauen müssen wir mehr Rücksicht auf das Klima nehmen. Lange Zeit hieß es, dass am besten so viel und dicht gebaut werden soll wie möglich, weil der Grund so teuer ist. Es ist gut, dass die Stadt umdenkt und eben nicht alles zubauen möchte.

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Welche Flächen sollte sie unbedingt schützen?
Vor allem die Lüftungsschneisen, die nachts den kühlen Wind von den Alpen und aus dem Umland in die Stadt tragen, müssen frei von Bebauung bleiben, entlang der Isar zum Beispiel. Auch begrünte Fassaden und mehr Bäume könnten helfen, allerdings müssen das dann auch Bäume sein, die die Hitze vertragen.

Gibt's in München bald Pinien wie am Mittelmeer?

Wachsen also bald in München Palmen?
So weit wird es nicht kommen. Denn unsere Winter bleiben dazu wahrscheinlich zu kalt. Aber es könnte in München bald mehr Platanen wie in Wien geben. Oder vielleicht Pinien wie am Mittelmeer. Wir können uns viel von der Bepflanzung in Meran abschauen.

Wenn es so warm wird wie in Südfrankreich – könnte dann Wein an der Isar wachsen?
Vor Jahrhunderten wurde hier tatsächlich Wein angebaut. Vielleicht kommt das wieder. Unsere Land- und Forstwirtschaft versucht gerade, sich anzupassen. Das passiert übrigens nicht zum ersten Mal: Bis zum Mittelalter war Bayern mit Eichen und Buchenmischwäldern bedeckt. Der Wald wurde dann zugunsten landwirtschaftlicher Flächen zurückgedrängt. Die Holzknappheit sorgte dafür, dass man mit Beginn des 18. Jahrhunderts viele Fichten pflanzte. Allerdings war es damals deutlich kühler als jetzt. Doch Hitze vertragen die Fichten schlecht. Wie exotisch die Pflanzen hier werden, hängt davon ab, wie kalt die Winter werden.

Können wir den Klimawandel überhaupt noch aufhalten?
Als einzelner Mensch nicht. Die Schadstoffe, die ich heute ausstoße, verweilen teilweise Hunderte Jahre in der Atmosphäre. Das heißt, wenn ich jetzt anfange, CO2 zu sparen, tritt die Wirkung auch erst in 100 Jahren ein.

Klimawandel: Viele Maßnahmen haben nur "symbolischen Wert"

Es ist also egal, ob ich Diesel fahre oder dreimal im Jahr nach Mallorca fliege?
Der Klimawandel ist ein globales Problem, die Treibhausgas-Emissionen machen nicht an den Grenzen halt. Um effektiv etwas dagegen zu tun, müssten sich alle Staatschefs der Erde an einen Tisch setzen und sinnvolle Maßnahmen beschließen – zum Beispiel, dass der Regenwald nicht mehr abgeholzt wird. Das hätte tatsächlich einen großen Effekt. Vieles andere hat aber nur einen symbolischen Wert.

Was meinen Sie damit?
Viele Klimaschützer fordern ein Verbot von Kreuzfahrtschiffen. Aber tatsächlich machen Kreuzfahrtschiffe nur zwei Prozent der Schiffe überhaupt aus, der Rest sind Frachter und Transportschiffe. Trage ich also etwas zum Klimaschutz bei, wenn ich Kreuzfahrten meide? Eher nicht.

Auf dem Dach des Wetterdiensts steht eine Wetterstation.
Auf dem Dach des Wetterdiensts steht eine Wetterstation. © Daniel von Loeper

Wie sehr sorgen Sie sich um das Klima?
Wäre ich ein Egoist und würde ich nur an mich und meine Kinder denken, hätte ich keine größeren Sorgen. Aber viele Länder wird es viel schlimmer treffen als uns. Wir leben, was den Klimawandel betrifft, eher auf der Sonnenseite - was aber nicht heißt, sich gar nicht um Umweltschutz und an Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel kümmern zu müssen.

Und der Sommer, ist der schon vorbei?
Meteorologisch geht der Sommer ja auch noch bis Ende August. Bis dahin schaut es eigentlich ganz gut aus, dass wir noch einige schöne und warme Sommertage erleben können.

Dann wird's wieder so verdammt kalt wie letztes Jahr?
So weit gehen unsere Prognosen leider nicht. Aber eigentlich gibt es in München mehr milde als kalte Winter. Weil es letztes Jahr schon so kalt war, ist es wenig wahrscheinlich, dass es heuer wieder so wird. Wir werden es sehen.

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