Historische Plakate: Wie die Nazis Münchner Werbung prägten

"Arier"-Kopf und Hakenkreuz: Ein weiterer Blick ins geheime Reklame-Archiv zeigt, wie die Nazis die Werbung an den Münchner Litfaßsäulen radikal verändert haben.
| Irene kleber
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1927: Noch laufen die Geschäfte gut im Kaufhaus Oberpollinger, das hier für die "Dichtl-Spitze" wirbt. Gerade hat Rudolph Karstadt das Haus übernommen. Ab 1933 unterwirft er sich der "Arisierung" und entlässt die jüdischen Angestellten.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1927: Noch laufen die Geschäfte gut im Kaufhaus Oberpollinger, das hier für die "Dichtl-Spitze" wirbt. Gerade hat Rudolph Karstadt das Haus übernommen. Ab 1933 unterwirft er sich der "Arisierung" und entlässt die jüdischen Angestellten.
1934: Am Odeonsplatz 12 sind eine Woche lang die schönsten Automobile der "Auto Union" zu sehen. Zwei Jahre zuvor haben sich (weil finanziell angeschlagen) die vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer zusammengeschlossen.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1934: Am Odeonsplatz 12 sind eine Woche lang die schönsten Automobile der "Auto Union" zu sehen. Zwei Jahre zuvor haben sich (weil finanziell angeschlagen) die vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer zusammengeschlossen.
1935: Der Münchner Plakatkünstler Ludwig Hohlwein (1874-1949), ein Star unter den deutschen Reklamegestaltern seiner Zeit, dient sich ab 1933 den Nazis an. Hier illustriert er für den "Münchener Festsommer 1935", der "künstlerische, gesellschaftliche und sportliche Großveranstaltungen" bot, das Münchner Kindl mit einem "Arier"-Kopf.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1935: Der Münchner Plakatkünstler Ludwig Hohlwein (1874-1949), ein Star unter den deutschen Reklamegestaltern seiner Zeit, dient sich ab 1933 den Nazis an. Hier illustriert er für den "Münchener Festsommer 1935", der "künstlerische, gesellschaftliche und sportliche Großveranstaltungen" bot, das Münchner Kindl mit einem "Arier"-Kopf.
1936: Max Eschle zeichnet das Plakat für die "Große antibolschewistische Schau". Die Nazi-Hetzschau präsentiert im Deutschen Museum das angebliche "Zusammenwirken des Judentums und der Freimaurerei mit dem Bolschewismus".
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1936: Max Eschle zeichnet das Plakat für die "Große antibolschewistische Schau". Die Nazi-Hetzschau präsentiert im Deutschen Museum das angebliche "Zusammenwirken des Judentums und der Freimaurerei mit dem Bolschewismus".
1936: Den Münchnern soll im braunen Sumpf die gute Laune nicht vergehen. Dieses Plakat schickt sie für einen "herrlichen Frühjahrs- und Herbstaufenthalt" nach Lindau an den Bodensee,
ins Hotel Bayerischer Hof.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1936: Den Münchnern soll im braunen Sumpf die gute Laune nicht vergehen. Dieses Plakat schickt sie für einen "herrlichen Frühjahrs- und Herbstaufenthalt" nach Lindau an den Bodensee, ins Hotel Bayerischer Hof.
1937: "Große Deutsche Kunstausstellung" mit Hakenkreuz im "Haus der Deutschen Kunst". In der Eröffnungsrede erklärt Adolf Hitler sein Verständnis von "Deutscher Kunst", die künftig als einzige öffentlich zugelassen werde.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1937: "Große Deutsche Kunstausstellung" mit Hakenkreuz im "Haus der Deutschen Kunst". In der Eröffnungsrede erklärt Adolf Hitler sein Verständnis von "Deutscher Kunst", die künftig als einzige öffentlich zugelassen werde.
1937: Der blaue Anzug glänzt, Hut und Krawatte sitzen – und der gelbe Schriftzug "Johann Konen" strahlt. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass dieses Plakat von Zeichner E. Böhm das Ende eines  jüdischen Erfolgsunternehmens markiert. Gerade nämlich hat Johann Konen (ein Maßschneider-Sohn, der als Lehrling in die Firma gekommen war) als neuer Boss das noble Bekleidungshaus an der Sendlinger Straße übernommen. Bis zum Sommer 1936 gehörte es noch dem jüdischen "Joppenkönig" Isidor Bach und dessen Familie, die fast 1.000 Mitarbeiter beschäftigten, darunter 400 Schneider in den Werkstätten an der Lindwurmstraße 76. Die Nazis trieben die Firma systematisch in den Ruin, sodass Bach übergeben musste. Isidor Bach emigrierte nach Bern, wo er 1946 starb. Auch sein Sohn Alfred und sein Neffe Carl mussten ihre Häuser zurücklassen und flohen ins Exil.
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1937: Der blaue Anzug glänzt, Hut und Krawatte sitzen – und der gelbe Schriftzug "Johann Konen" strahlt. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass dieses Plakat von Zeichner E. Böhm das Ende eines jüdischen Erfolgsunternehmens markiert. Gerade nämlich hat Johann Konen (ein Maßschneider-Sohn, der als Lehrling in die Firma gekommen war) als neuer Boss das noble Bekleidungshaus an der Sendlinger Straße übernommen. Bis zum Sommer 1936 gehörte es noch dem jüdischen "Joppenkönig" Isidor Bach und dessen Familie, die fast 1.000 Mitarbeiter beschäftigten, darunter 400 Schneider in den Werkstätten an der Lindwurmstraße 76. Die Nazis trieben die Firma systematisch in den Ruin, sodass Bach übergeben musste. Isidor Bach emigrierte nach Bern, wo er 1946 starb. Auch sein Sohn Alfred und sein Neffe Carl mussten ihre Häuser zurücklassen und flohen ins Exil.
1942: Der Krieg verschlingt Unsummen, Hitler braucht Geld und wirbt zum "Tag der Wehrmacht" am 28. und 29. März mit diesem Plakat (mit Frauenkirche) in München um Spenden: "Die Heimat zeigt wieder ihr gold’nes Herz".
Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 8 1942: Der Krieg verschlingt Unsummen, Hitler braucht Geld und wirbt zum "Tag der Wehrmacht" am 28. und 29. März mit diesem Plakat (mit Frauenkirche) in München um Spenden: "Die Heimat zeigt wieder ihr gold’nes Herz".

München – Münchner Mode- und Radl-Chic, Bierkeller, muntere Satire und expressive Kunst – letzte Woche haben wir gezeigt, was Münchens Litfaßsäulen bis in die 20er Jahre hinein zierte. In Folge zwei unserer Reihe "Münchens Plakatschatz" geht es heute um die dunklen Jahre ab 1933, als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen – und damit auch Münchens Werbewelt radikal veränderten.

Vieles, was sich in der wertvollen Münchner Plakatsammlung der Werbefima Ströer aus den 30er Jahren findet, zeigt Nazi-Propaganda. Da wird der "Münchner Festsommer" mit einem Münchner Kindl mit "Arier"-Kopf beworben. Reklameplakate kündigen NS-Kunst an oder Schauen, die gegen Juden agitieren.

Wie die Nazis die Juden aus dem Münchner Wirtschaftsleben vertrieben

Auch das Ende des blühenden jüdischen Geschäftslebens in München lässt sich an der Reklame ablesen. Es hatte bis dahin mehrere hundert Geschäfte gegeben, die von jüdischen Familien betrieben wurden. Das Seidenwarengeschäft von Heinrich Cohen, die Kaufhäuser Hermann Tietz am Hauptbahnhof oder Max Uhlfelder am Viktualienmarkt, die Tuchhändler Stark am Stachus, Eichengrün am Promenadeplatz oder Springer am Alten Peter – und die Kunst- und Antiquitätenhändler Bernheimer, Rosenthal und Heinemann.

Den Nazis gelang es mit Boykottaufrufen, Hetzpropaganda und Anschlägen schnell, Juden aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Schon ab 1935 häuften sich Konkurse. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 schlossen 169 jüdische Geschäfte in München.


Die Sammlung: 50.000 Münchner Plakat-Schätze

In einem geheimen Keller in Sendling hütet die Werbevermarktungsfirma Ströer mehr als 50.000 Reklameplakate, die in vergangenen Jahrzehnten Münchens Litfaßsäulen zierten. Die ältesten Exemplare sind 130 Jahre alt. Viele sind von Künstlern gestaltet. Der Grafiker Ludwig Hohlwein gehört dazu, der "Simplicissimus"-Zeichner Olaf Gulbransson, Maler Alexej von Jawlensky und Bildhauer Franz von Stuck.

Das wertvollste Stück, ein Plakat von Wassily Kandinsky, hat einen Sammlerwert von etwa 80.000 Euro. Ströer hat das kostbare Archiv von der „Deutschen Städte-reklame“ übernommen – und lässt ihren Archivar die Sammlung jedes Jahr mit neuen Stücken erweitern.


Nächste Woche lesen Sie: Wirtschaftswunder in München – die Reklame der 50er Jahre

So warb man in München vor einem Jahrhundert

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