So warb man in München vor einem Jahrhundert

In einem geheimen Sendlinger Keller hütet die Werbefirma Ströer Papierschätze, die einst die Litfaßsäulen zierten. Die AZ zeigt die schönsten Archivstücke in einer mehrteiligen Reihe.
| Irene Kleber
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1898: Münchner Radl-Chic. Der Königlich Bayerische Hoflieferant Härting vertreibt in der Neuhauser Straße 7 Räder der Wanderer-Werke.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1898: Münchner Radl-Chic. Der Königlich Bayerische Hoflieferant Härting vertreibt in der Neuhauser Straße 7 Räder der Wanderer-Werke.
1900: Aber auch Räder der "Normalfahrradwerke" aus München-Mittersendling sind um 1900 erhältlich – in der Augustenstraße 77.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1900: Aber auch Räder der "Normalfahrradwerke" aus München-Mittersendling sind um 1900 erhältlich – in der Augustenstraße 77.
1905: Mit der 5er und 7er Tram geht’s zum Ausschank auf den Nockherberg, das erklärt dieses Plakat von Paulaner den bierdurstigen Münchnern hier sehr übersichtlich. Mit der Pferdekutsche kommt man, wie man sieht, ebenso bequem bis vors Tor vom Salvatorkeller.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1905: Mit der 5er und 7er Tram geht’s zum Ausschank auf den Nockherberg, das erklärt dieses Plakat von Paulaner den bierdurstigen Münchnern hier sehr übersichtlich. Mit der Pferdekutsche kommt man, wie man sieht, ebenso bequem bis vors Tor vom Salvatorkeller.
1906: Auf geht’s, Münchner, an den See! Das Undosa-Bad in Starnberg sei nicht nur ein Riesen-Wellen-Bad mit See-Restaurant, sondern auch noch "eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges", erklärt dieses Plakat den Sommerfrischlern. Bevor man sich in die Badeanzüge begab (übrigens auch einige Männer, wie man bei dem bärtigen Herrn in Rotweißgestreift rechts unten im Bild sehen kann), reiste die feine Gesellschaft freilich mit Hut und Handschuhen an. Ein Wellenbad kostete 1908 60 Pfennig. Die riesige Wellenmaschine, die man im Jahr zuvor ins Wasser gebaut hatte, war allerdings so reparaturanfällig, dass 1921 schon wieder Schluss war mit dem Wellenspaß.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1906: Auf geht’s, Münchner, an den See! Das Undosa-Bad in Starnberg sei nicht nur ein Riesen-Wellen-Bad mit See-Restaurant, sondern auch noch "eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges", erklärt dieses Plakat den Sommerfrischlern. Bevor man sich in die Badeanzüge begab (übrigens auch einige Männer, wie man bei dem bärtigen Herrn in Rotweißgestreift rechts unten im Bild sehen kann), reiste die feine Gesellschaft freilich mit Hut und Handschuhen an. Ein Wellenbad kostete 1908 60 Pfennig. Die riesige Wellenmaschine, die man im Jahr zuvor ins Wasser gebaut hatte, war allerdings so reparaturanfällig, dass 1921 schon wieder Schluss war mit dem Wellenspaß.
1908: Ludwig Hohlwein gestaltet dieses Plakat für die Parfümerie Tochtermann im Arco-Palais.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1908: Ludwig Hohlwein gestaltet dieses Plakat für die Parfümerie Tochtermann im Arco-Palais.
1911: Ja, wenn die Lektüre so amüsant ist, dann kaufmer’s halt auch, oder – die "Fliegenden Blätter"? So hieß eine illustrierte Satire-Wochenschrift, die von 1845 bis 1928 beim Münchner Verlag Braun & Schneider erschienen ist (Auflage 1948: 15.000). Der "Dackelmaler" August Roeseler hat sich dazu ein munteres Werbeplakat einfallen lassen, das einen Querschnitt der Münchner Bürger um 1911 zeigt: einen Bilderbuch-Grantler mit Dackel und Hofbräu-Maß aus dem Steinkrug – umringt von einem Lehrer (mit Monokel), Arbeitern und einer feinen Perlenketten-Dame.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1911: Ja, wenn die Lektüre so amüsant ist, dann kaufmer’s halt auch, oder – die "Fliegenden Blätter"? So hieß eine illustrierte Satire-Wochenschrift, die von 1845 bis 1928 beim Münchner Verlag Braun & Schneider erschienen ist (Auflage 1948: 15.000). Der "Dackelmaler" August Roeseler hat sich dazu ein munteres Werbeplakat einfallen lassen, das einen Querschnitt der Münchner Bürger um 1911 zeigt: einen Bilderbuch-Grantler mit Dackel und Hofbräu-Maß aus dem Steinkrug – umringt von einem Lehrer (mit Monokel), Arbeitern und einer feinen Perlenketten-Dame.
1913: Mit einem Bild von Alexej von Jawlensky wirbt Kunsthändler Hans Goltz für die Sommerschau.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1913: Mit einem Bild von Alexej von Jawlensky wirbt Kunsthändler Hans Goltz für die Sommerschau.
1919: "Hüte, Mäntel, Kleider, Blusen, Pelze": alles in den "Ausstellungsräumen im ersten Stock unseres Hauses Hermann Tietz" (später kurz: "Hertie") zu sehen. Dieses Plakat vom Künstler Engelhard und ist in der Grafischen Kunstanstalt von Oscar Consée in München gedruckt worden – damals in der Valleystraße 7-9. Das zeigt ein Stempel rechts unten im Bild.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1919: "Hüte, Mäntel, Kleider, Blusen, Pelze": alles in den "Ausstellungsräumen im ersten Stock unseres Hauses Hermann Tietz" (später kurz: "Hertie") zu sehen. Dieses Plakat vom Künstler Engelhard und ist in der Grafischen Kunstanstalt von Oscar Consée in München gedruckt worden – damals in der Valleystraße 7-9. Das zeigt ein Stempel rechts unten im Bild.
1919: In den Wirren der Münchner Räterepublik zeichnet der Grafiker und Filmarchitekt Ludwig Kainer, der auch für die Satirezeitschrift Simplicissimus arbeitet, diesen Aufruf an "Mädchen und Frauen" für eine "freie sozialistische Republik". 1933 muss Kainer emigrieren.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1919: In den Wirren der Münchner Räterepublik zeichnet der Grafiker und Filmarchitekt Ludwig Kainer, der auch für die Satirezeitschrift Simplicissimus arbeitet, diesen Aufruf an "Mädchen und Frauen" für eine "freie sozialistische Republik". 1933 muss Kainer emigrieren.
1928: Sogar Gänseleberpastete aus Straßburg gibt’s in München – bei Fritz Boeck am Rindermarkt 10.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1928: Sogar Gänseleberpastete aus Straßburg gibt’s in München – bei Fritz Boeck am Rindermarkt 10.
1928: Wagnerbräu? Doch! Das war mal ein Münchner Bier: 40.000 Hektoliter hat der Brauer Hans Wagner (der als junger Bursch 1901 an der Lilienstraße das heutige "Wirtshaus in der Au" gebaut hat), in guten Jahren ausgeschenkt, wie man dort in der Chronik nachlesen kann. Das "Münchner Weizengold" ist sogar dem Münchner Kindl zu Kopf gestiegen, wie dieses Plakat eindrucksvoll belegt (gedruckt 1928 bei Dr. Köhler Steindruck in der Blütenstraße 11-13). Nach Wagners Tod 1936 übernahm die Stadtsparkasse die Brauerei. 1956 ging sie an Paulaner.
Plakate: Ströer/ Repros: Daniel von Loeper 11 1928: Wagnerbräu? Doch! Das war mal ein Münchner Bier: 40.000 Hektoliter hat der Brauer Hans Wagner (der als junger Bursch 1901 an der Lilienstraße das heutige "Wirtshaus in der Au" gebaut hat), in guten Jahren ausgeschenkt, wie man dort in der Chronik nachlesen kann. Das "Münchner Weizengold" ist sogar dem Münchner Kindl zu Kopf gestiegen, wie dieses Plakat eindrucksvoll belegt (gedruckt 1928 bei Dr. Köhler Steindruck in der Blütenstraße 11-13). Nach Wagners Tod 1936 übernahm die Stadtsparkasse die Brauerei. 1956 ging sie an Paulaner.

In einem geheimen Sendlinger Keller hütet die Werbefirma Ströer Papierschätze, die einst die Litfaßsäulen zierten. Die AZ zeigt die schönsten Archivstücke.

München - Die Adresse kennen nur ein paar wenige Eingeweihte, denn was in dem geheimen Keller tief im Sendlinger Untergrund lagert, ist ein besonderer Münchner Schatz.

Mehr als 50.000 Reklameplakate aus vergangenen Jahrzehnten

Weit mehr als 50.000 Reklameplakate, die in vergangenen Jahrzehnten Münchens Litfaßsäulen zierten, lagern dort in Metallschränken und Rollen – geschützt vor Licht und unsachgerechtem Zugriff. Die ältesten Exemplare sind 130 Jahre alt, viele sind von Künstlern gestaltet worden, die zwischendrin auch mal in der Werbung ihr Geld verdient haben.

Grafiker Ludwig Hohlwein gehört dazu, der "Simplicissimus"-Zeichner Olaf Gulbransson, die Maler Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky und Bildhauer Franz von Stuck. Das wertvollste Stück, ein Kandinsky-Plakat, hat einen Sammlerwert von etwa 80.000 Euro. Der Werbevermarkter Ströer hat das Archiv vor Jahren von der "Deutschen Städtereklame" übernommen.

130 Jahre Münchner Werbegeschichte

Herr über den Plakatschatz ist seit über 40 Jahren der ehrenamtliche Archivar (und Künstler) Hubert Franz Schweitzer (71). Er hat die Papierbögen nach Jahreszahlen und Themen geordnet: Ausflugtipp-Plakate und Politpropaganda, Film, Theater, Sportveranstaltungen, Reklame für Fahrräder, Bier, Mode, Waschmittel, Parfüm und Gänseleberpastete – alles aus 130 Jahren, das die Münchner auf der Straße inspirieren, bewegen oder erregen sollte.

Noch immer übrigens sammelt Schweitzer, der seine Schätze nur mit weißen Handschuhen anfasst, weiter. So sind die aktuellsten Stücke der Sammlung aus diesem Jahr.

Die AZ stellt in loser Folge die schönsten Plakatexemplare exklusiv vor.

Sehen Sie eine Auswahl der Werbeplakte in unserer Bildergalerie (oben).

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