"Ist in Sendling nicht mehr zukunftsfähig": So blicken die Händler auf ihren Großmarkt

Seit mehr als 100 Jahren befindet sich der Großmarkt in Sendling. Doch womöglich ist es damit bald vorbei. Das Rathaus muss 2026 entscheiden, ob er in München bleiben oder raus an den Stadtrand ziehen soll. Und was wollen die Händler? Die AZ hat sie getroffen und eine Überraschung erlebt. 
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Morgens früh um kurz nach 6 Uhr in der Großmarkthalle herrscht viel Gewusel - und zwar schon seit Stunden.
Morgens früh um kurz nach 6 Uhr in der Großmarkthalle herrscht viel Gewusel - und zwar schon seit Stunden. © Ben Sagmeister

Cappuccino? "Fast ein bisschen spät", sagt Marco Di Maggio. Es ist 6 Uhr morgens – aber für Marco Di Maggio ist quasi Nachmittag. Er ist Händler auf dem Münchner Großmarkt. Und dort beginnt der Tag um ein Uhr in der Nacht.

Die AZ hat sich mit ihm und Händler Günther Warchola getroffen, zuerst in einem kleinen Café auf dem Großmarkt-Areal, wo draußen die Gabelstapler vorbeisausen, wo’s drinnen bloß ein paar Stehtische gibt, wo die Croissants in einer Glas-Vitrine liegen und das Radio vor sich hindudelt. Fast wie in Italien fühlt sich das an. Aber tatsächlich ist der Großmarkt eine eigene kleine Welt. Die AZ durfte hineinschauen, denn 2026 stehen für den Großmarkt wichtige Entscheidungen an. Wird er in Sendling bleiben, wo er seit mehr als 100 Jahren zu Hause ist? Oder zieht er um – womöglich sogar hinter die Stadtgrenze?

Draußen kurven die Gabelstapler hin und her. Denn die Wege auf dem Großmarkt sind weit.
Draußen kurven die Gabelstapler hin und her. Denn die Wege auf dem Großmarkt sind weit. © Ben Sagmeister

Der Stadtrat muss bald entscheiden. Denn der Großmarkt ist in keinem guten Zustand mehr. Bis 2030 wird die Stadt 40 Millionen investiert haben, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Der Keller wurde vor Jahren geschlossen, weil die Statik schlecht ist. Statt Gemüsekisten stehen dort jetzt Baumstämme, die das Einstürzen des Gebäudes verhindern sollen, so erzählen es die Händler. Einige haben deshalb provisorische Hallen aufgebaut.

Am Großmarkt hängen Tausende Existenzen – und zwar nicht nur aus München und dem Umland, sagt Günther Warchola. Er ist 73 Jahre alt, trägt eine Schiebermütze, zwei goldene Ohrstecker, sein kleiner Finger ist blau lackiert. Er könnte als Bar-Mann durchgehen, hätte er nicht eine dicke rote Arbeitsjacke an.

Marco Di Maggio und Günther Warchola zeigen der AZ das Großmarktgelände.
Marco Di Maggio und Günther Warchola zeigen der AZ das Großmarktgelände. © Ben Sagmeister

Täglich kaufe zum Beispiel ein Händler aus Innsbruck bei ihm ein – drei Lkw schicke er vorbei. Auch aus Franken kommen die Händler angefahren. Über 20 Millionen Menschen würden vom Münchner Großmarkt aus mit Obst und Gemüse versorgt. Der nächste richtige Großmarkt sei schließlich erst in Verona, sagt Warchola. Auch Kantinen, Kitas, Krankenhäuser beziehen ihr Obst und Gemüse vom Münchner Großmarkt. Ein großer Teil gehe an die Gastronomie.

Warchola vertritt als Präsident des Vereins "Bayerischer Fruchtimport und Großhandel" seit 18 Jahren die Händlerschaft. In dieser Zeit hat er schon viele Ideen aus dem Stadtrat für den Großmarkt gehört. Zuerst wollte die Stadt in Sendling selbst bauen, dann sollte das ein Investor übernehmen. Zeitweise war von einem gestapelten Markt samt Park auf dem Dach die Rede. Dann wurden die Pläne immer schmuckloser, bis sich schließlich vor Kurzem der Investor Ralf Büschl (der übrigens auch die beiden 155-Meter-Türme an der Paketposthalle baut) aus dem Projekt zurückzog. Er fand keine weiteren Geldgeber, hieß es.

Und jetzt ist plötzlich wieder alles offen. 2026 soll ein Arbeitskreis unter der Dritten Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) Lösungen erarbeiten, auch die Händler sollen mitreden dürfen.

"Ein Großmarkt heißt Großmarkt, weil er groß ist"

Schon Warcholas Großmutter Magdalena Mündlein hat vor 94 Jahren auf dem Großmarkt Kartoffeln verkauft – in Zentner-Säcken. Heute bringen Lkw Tonnen von Obst und Gemüse. Die Mengen sind enorm, die Margen gering. "Wenn am Ende ein, zwei Prozent Gewinn übrig bleiben, freuen wir uns", sagt Warchola. Er hält wenig von der Idee der SPD, in Sendling eine Art kleinen Großmarkt für die lokalen Märkte zu errichten und drumherum ein Wohngebiet zu bauen. "Ein Großmarkt heißt Großmarkt, weil er groß ist", sagt er.

Eine andere Händlerin, Patricia Oswald wird es später so formulieren: "Was verdiene ich an einem Kopf Salat?" Centbeträge? Sie habe 40 Angestellte – und die könnte sie freilich nicht bezahlen, wenn sie nicht Massen verkaufen würde. Manche ihrer Mitarbeiter hätten kein Wort Deutsch gesprochen, als sie bei ihr anfingen. "Die finden so schnell nichts anderes. Ich habe doch Verantwortung für meine Jungs", sagt sie.

Patricia Göpel hält nichts von der Idee, in Sendling einen kleinen Großmarkt aufzubauen. Schließlich arbeiten in ihrem Betrieb 40 Angestellte.
Patricia Göpel hält nichts von der Idee, in Sendling einen kleinen Großmarkt aufzubauen. Schließlich arbeiten in ihrem Betrieb 40 Angestellte. © Ben Sagmeister

Von einer anderen Idee halten die Händler, mit denen die AZ an diesem Morgen sprechen kann, dafür umso mehr: Den Großmarkt neu zu bauen – und zwar nicht in Sendling, sondern draußen auf der grünen Wiese – mit Autobahn-Anschluss, dafür ohne Anwohner, die über Lärm klagen. "Hier in Sendling ist der Großmarkt nicht mehr zukunftsfähig", sagt Warchola.

Händler Marco Di Maggio erzählt, dass der neue Großmarkt in Barcelona eben nicht mitten in der Nacht, sondern morgens um halb neun aufmache. Ein Grund, warum das in München nicht geht: Die Lastwagen müssen Sendling verlassen haben, bevor sie im Berufsverkehr im Stau stehen. Am Stadtrand wäre das anders. Am Stadtrand gäbe es auch keine Anwohner. "Drei Klagen wegen Lärmschutz laufen momentan", sagt di Maggio.

"Hier wird kein moderner Markt möglich sein"

Am Stadtrand gäbe es dafür jede Menge Platz für einen modernen Markt. Dass so viele Gabelstapler auf dem Areal in Sendling umher kurven, liegt auch daran, dass die Lager und die Verkaufshallen etwa 500 Meter trennen. "Hier wird kein moderner Markt möglich sein", sagt Di Maggio. "Hier müssen Wohnungen und Schulen hin."

Warum hört man das nicht viel früher so klar von den Händlern? "Wir wollen natürlich nicht, dass gar kein Großmarkt entsteht", sagt Di Maggio. Und die Politik habe sich schließlich auf Sendling festgelegt. Erst vor wenigen Wochen hat der Stadtrat diesen grundsätzlichen Beschluss aufgehoben.

Seit mehr als 100 Jahren befindet sich der Großmarkt in Sendling. Doch womöglich ist das nicht mehr lange so.
Seit mehr als 100 Jahren befindet sich der Großmarkt in Sendling. Doch womöglich ist das nicht mehr lange so. © Ben Sagmeister

Seit 1912 befindet sich der Großmarkt in Sendling. Die Verkaufshalle 1 ist die einzige, die der Krieg nicht zerstört hat. Am Eingang bläst ein Heizlüfter warme Luft hinein. Links stehen kistenweise Salat, rechts stapeln sich die Tomaten. Hier hat Patricia Oswald ihr Geschäft, sie ist 26 Jahre alt und betreibt es mit ihrem Vater.

Oswald hat BWL studiert. Vermutlich hätte sie auch einen gemütlichen Büro-Job haben können, bei dem sie nicht um ein Uhr nachts aufstehen und drei Jacken übereinander anziehen muss. "Aber ich wollte nicht nur so eine Nummer sein", sagt sie. Der Großmarkt sei spannend. Gurken zum Beispiel würden in Belgien an der Börse in einer Auktion gehandelt. Weil Göpel selbst persönlich nicht vor Ort ist, halte sie telefonisch Kontakt zu einem Käufer. Sie müsse jeden Tag schnelle Entscheidungen treffen. Am allerspannendsten seien Erdbeeren, weil bei kaum einem anderen Obst der Preis so schwanke. Auch jetzt im Dezember stehen in der Halle Schalen voller saftig glänzender Erdbeeren.

"Das Thema sollte bei der Politik ganz oben auf der Agenda stehen"

Patricia Oswald sagt, sie würde das Geschäft gerne weiterführen. "Aber an diesem Standort sehe ich dafür keine Möglichkeit." Sie kann sich nicht vorstellen, wie auf dem Areal eine neue Halle gebaut und gleichzeitig der Betrieb weiterlaufen soll – wo doch jetzt schon alles so eng und die Wege so weit seien. Wenn man im Sommer Erdbeeren bei 30 Grad umherkarrt, sehen die gleich ganz anders aus, meint sie. Von der Politik wirkt sie enttäuscht.

"Das Thema sollte ganz oben bei der Stadtpolitik auf der Agenda stehen", sagt sie. Auch der Ministerpräsident müsste sich einschalten, findet Oswald. Schließlich betrifft es ganz Bayern – weil der Großmarkt eben nicht nur Märkte in München, sondern in allen bayerischen Städten mit Lebensmitteln versorge.

Die Halle 1 ist die einzige, die während des Krieges nicht zerstört worden ist.
Die Halle 1 ist die einzige, die während des Krieges nicht zerstört worden ist. © Ben Sagmeister

"Schauen Sie mal", sagt Günther Warchola. Er deutet auf ein gelbes Gemüse mit spiralförmigen Türmchen, wie außerirdischer Blumenkohl sieht es aus. "Das ist gelber Romanesco, den gibts im keinem Supermarkt", sagt er. "Ist der nicht traumhaft?" Er klingt, als würde er über Kunst sprechen. Gegenüber zeigt er drei verschiedene Sorten Radicchio.

Radicchio di Castelfranco hat cremeweiße, zarte mit pink gesprenkelte Blätter. Radicchio Rosa di Gorizia sieht aus wie eine Rose. Beim Radicchio Roso Tardivo haben sich die purpurfarbenen Blätter elegant zusammengerollt. Warchola ist verzückt. Und er hat noch mehr Schätze, die er zeigen will. In seiner Lagerhalle öffnet er eine Holzkiste, doch darin liegt kein teurer Wein, sondern kleine schwarze Kartoffeln. Vitelotte sei der Name.

Diese schwarzen Kartoffeln bezieht Warchola aus Frankreich.
Diese schwarzen Kartoffeln bezieht Warchola aus Frankreich. © Ben Sagmeister

"Schön, gell?", fragt er. Er beziehe sie aus Frankreich. Schon im Einkauf sei sie so teuer, dass er noch nie Geld mit ihr verdient habe, sagt Warchola. Man spürt: Er liebt das Besondere, das Feine. Und er ist überzeugt, dass auch diese Vielfalt verloren gehen könnte, wenn der Großmarkt stirbt. "Unser Herz schlägt für den Großmarkt", sagt Warchola zum Abschied und klopft gegen seine Brust. "Nehmen Sie diese Begeisterung mit nach Hause."

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2 Kommentare
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  • Der wahre tscharlie am 01.01.2026 16:53 Uhr / Bewertung:

    Ich bin ja schon Jahren der Meinung, dass dieser Großmarkt an den Stadtrand mit Autobahn-Anbindung gehört. Insofern ist die Aussage, dass ein Großmarkt in der Stadtmitte nicht mehr zeitgemäß ist, richtig.
    Und dass die Gewinnspanne der Händler kleiner geworden ist, mag auch zutreffend sein. Aber ich habe da keine Sorge, denn ich kenne keinen Händler, der dort pleite gegangen ist.

    Grundsätzlich bin ich auch dafür, dass auf dem Gelände Wohnungen gebaut werden.

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  • marshal am 01.01.2026 14:49 Uhr / Bewertung:

    Patricia Oswald oder Patricia Göbel?

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