Exklusiv

EM-Tickets für Beamte? Andere Städte lehnten gleich ab

Der DFB-Skandal erreicht die Münchner Stadtverwaltung. Wegen Korruptionsverdachts bei der EM-Ticketvergabe wird eigentlich gegen zwei Männer aus NRW ermittelt. Doch am Mittwoch wurde auch das Sportreferat in der Bayerstraße durchsucht. Pikant: Die Stadt hat sich bei den Tickets offenbar anders verhalten als andere deutsche Städte. Die AZ erklärt die Lage.
Felix Müller
Felix Müller
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
2  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Auch in der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main gab es Durchsuchungen.
Auch in der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main gab es Durchsuchungen. © Florian Wiegand/dpa

Update vom 1. Juli, 14.25 Uhr: Auch das noch! Mitten in der sportlichen Mega-Krise wird der DFB von einem weiteren Skandal erschüttert. Am Mittwoch durchsuchten Ermittler die Frankfurter DFB-Zentrale wegen Korruptionsverdachts in Zusammenhang mit der Fußball-EM 2024 – und auch an der Münchner Bayerstraße unweit des Hauptbahnhofs rückten sie an.

Am Vormittag hatte es aus Rathauskreisen nach Bekanntwerden von bundesweiten Razzien in der Sache noch Gerüchte gegeben, Ermittler seien im Rathaus selbst. Das zumindest stellte sich als falsch heraus. Um 12 Uhr bestätigte ein Sprecher des städtischen Sportreferats an der Bayerstraße der AZ: "Hier sind gerade drei Staatsanwältinnen im Haus – plus Polizisten." 

Ausgelöst wurden die bundesweiten Durchsuchungen – betroffen waren auch mehrere Stadtverwaltungen in anderen Ausrichterstädten der 2024er-EM bundesweit – durch Ermittler in Nordrhein-Westfalen. Die Staatsanwaltschaft Bochum und das LKA NRW ermitteln wegen des Verdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung.

Durchsuchung in Münchner Stadtverwaltung

In der Münchner Stadtverwaltung gab man sich am Mittwoch zunächst demonstrativ entspannt. Lesart: Ermittelt wird hier ja nicht gegen einen unserer Leute. Tatsächlich hieß es am Mittwoch aus NRW, ermittelt werde gegen einen 66-jährigen Deutschen aus Gelsenkirchen und einen 46-jährigen Franzosen. Zur Ausrichtung des Turniers sei die Euro 2024 GmbH als Tochtergesellschaft der UEFA Events SA und der DFB EURO GmbH gegründet worden. Deren früherer Sitz war die DFB-Zentrale in Frankfurt. Der DFB wollte sich angesichts der laufenden Ermittlungen zunächst nicht weiter äußern. Ein Sprecher stellte aber klar, dass sich die Ermittlungen nicht gegen den Verband richten.

Wie lange die Entspanntheit in München anhält, muss sich nun zeigen. Dem Vernehmen nach durchsuchten die Ermittler an der Bayerstraße zum Beispiel E-Mails nach Hinweisen auf Vergehen. In einer offiziellen Stellungnahme der Stadt vom Mittwochnachmittag wurde betont, das Sportreferat unterstütze "die Ermittlungsbehörden vollumfänglich". "Derzeit" seien keine "konkreten" Vorwürfe gegen städtische Mitarbeiter Teil der Ermittlungen.

Ob das auch so bleibt? Die Ermittler haben zumindest den Verdacht, dass Tausende EM-Tickets zu Vorzugspreisen an Stadtverwaltungen gingen. Diese seien von einigen Städten genutzt und unterschiedlich verwendet worden, teilten Staatsanwaltschaft und LKA Nordrhein-Westfalen mit.
Die Beschuldigten hätten bislang keine Gelegenheit gehabt, sich zu den Vorwürfen zu äußern, hieß es am Mittwoch. Es gelte die Unschuldsvermutung.

Andere Städte lehnten direkt ab

Der 66-Jährige soll als ehemaliger Beschäftigter der Stadt Gelsenkirchen zum EM-Halbfinale Spanien gegen Frankreich nach München eingeladen worden sein. Er habe dadurch im Rahmen seiner Amtsausübung einen finanziellen Vorteil von rund 2400 Euro erlangt.
Er sei bereits wegen Betrugsverdachts sowie des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt polizeilich in Erscheinung getreten und inzwischen nicht mehr für die Stadt Gelsenkirchen tätig. Nach den Ermittlungen sei davon auszugehen, dass vergleichbare Einladungen auch an EM-Projektleitungen weiterer Gastgeberstädte ausgesprochen wurden, hieß es.

Ferner habe sich der Verdacht einer strukturierten Vorteilsgewährung durch die Euro 2024 GmbH ergeben. Diese soll mehrere Tausend Eintrittskarten zur internen Verwendung an die zehn Austragungsstädte vergeben haben. Ob und in welchem Umfang diese Karten und Einladungen zu Spielbegegnungen angenommen wurden, sei ebenfalls Gegenstand des Verfahrens.

Der städtische Umgang mit EM-Tickets war 2024 in München schon mal politisch Thema geworden. Die Stadtratsfraktion der Linken hatte den Umgang der Stadt mit Euro-Tickets im Rathaus auf die Tagesordnung gebracht. Die Antwort des Sportreferats auf eine Anfrage im Stadtrat ist online noch einsehbar. Sportreferent Florian Kraus (Grüne) betonte damals, man habe zwar ein Ticket-Kontingent der Uefa angenommen, doch unter den städtischen Mitarbeitern seien nur Kaufoptionen verlost worden. Sie hätten dann den regulären Preis bezahlt. Nur 60 Mal hingegen seien bei den Münchner Spielen kostenlose Tickets ausgegeben worden – an "hochrangige Vertretungen" etwa des Freistaats.

Dass es auch anders geht, wurde 2024 schon deutlich. Damals wurde bekannt, dass Städte wie Hamburg, Frankfurt und Leipzig die Tickets der Uefa nicht angenommen hatten. Leipzig verwies explizit darauf, dass der örtliche Antikorruptionsbeauftragte abgeraten habe. Durchsuchungen gab es am Mittwoch aber trotzdem auch dort.  

Erstmeldung: Wegen Korruptionsverdachts im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2024 in Deutschland haben Ermittler bundesweit zahlreiche Stadtverwaltungen und die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main durchsucht. Das haben eine Sprecherin des Landeskriminalamts (LKA) NRW sowie ein Sprecher des Deutschen Fußball-Bunds bestätigt. Die Staatsanwaltschaft Bochum und das LKA NRW ermitteln wegen des Verdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung.

Stadtverwaltungen sollen tausende EM-Tickets zu Vorzugspreisen erhalten haben. Diese seien von einigen Städten genutzt und unterschiedlich verwendet worden, teilten Staatsanwaltschaft und LKA mit.

Durchsuchungen auch in Münchner Sportreferat

Durchsuchungen sollte es entsprechend bei den Stadtverwaltungen Gelsenkirchen, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main, Stuttgart und München geben. Bei der Stadtverwaltung Leipzig werde ein sogenanntes Herausgabe-Ersuchen vollstreckt. 

In Münchner Rathauskreisen war die Aufregung nach dem Bericht am Mittwochmorgen groß. Es kursierten Gerüchte, Ermittler seien im Rathaus selbst. Das war aber offenbar nicht der Fall. Ein Sprecher des Sportreferats bestätigte der AZ um 12 Uhr, dass sein Haus betroffen sei. Die Ermittler befänden sich zur Stunde noch im Haus. "Hier sind drei Staatsanwältinnen plus Polizisten", sagte er. Nach AZ-Informationen sollen die Ermittler dort zum Beispiel E-Mails lesen.

Bei der Stadt dürfte man die Durchsuchung vorerst eher entspannt sehen. Handelt es sich bei den Verdächtigen, gegen die sich der bundesweite Schlag richtet, doch nicht um eigene Angestellte oder Beamte.

Durchsucht werden sollten zudem zwei Unternehmen in Nordrhein-Westfalen und ein Unternehmen in Bayern.

Innenminister Reul kündigt konsequente Aufklärung an

"Ein Fußball-Ticket ist kein Gehaltsbestandteil. Wer im öffentlichen Dienst die Hand aufhält, bekommt von uns Besuch", teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mit. Großveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft lebten vom Vertrauen der Menschen in den Sport und in die Behörden, die ihn möglich machen. 

"Dieses Vertrauen lassen wir nicht durch ein paar Einladungen und Eintrittskarten beschädigen. Der Verdacht wiegt schwer, und genau deshalb wird er konsequent aufgeklärt", sagte Reul. Die Ermittler des LKA arbeiteten "gründlich, sachlich und ohne Ansehen der Person".

Die Maßnahmen dauerten noch an. Die Beschuldigten hätten bislang keine Gelegenheit gehabt, sich zu den Vorwürfen zu äußern, hieß es. Es gelte die Unschuldsvermutung.

66-Jähriger aus Gelsenkirchen im Fokus

Aus Sicherheitskreisen hieß es, ermittelt werde gegen einen 66-jährigen Deutschen und einen 46-jährigen Franzosen. Zur Ausrichtung des Turniers sei die Euro 2024 GmbH als Tochtergesellschaft der UEFA Events SA und der DFB EURO GmbH gegründet worden. Deren früherer Sitz war die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main. Der DFB wollte sich angesichts der laufenden Ermittlungen zunächst nicht weiter äußern. Ein Sprecher stellte aber klar, dass sich die Ermittlungen nicht gegen den Verband richten.

Der 66-Jährige soll als ehemaliger Beschäftigter der Stadt Gelsenkirchen zum EM-Halbfinale Spanien gegen Frankreich nach München eingeladen worden sein. Er habe dadurch im Rahmen seiner Amtsausübung einen finanziellen Vorteil von rund 2.400 Euro erlangt. 

Er sei bereits wegen Betrugsverdachts sowie des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt polizeilich in Erscheinung getreten und inzwischen nicht mehr für die Stadt Gelsenkirchen tätig. Nach den Ermittlungen sei davon auszugehen, dass vergleichbare Einladungen auch an EM-Projektleitungen weiterer Gastgeberstädte ausgesprochen wurden, teilten die Kreise mit. 

Ferner habe sich der Verdacht einer strukturierten Vorteilsgewährung durch die Euro 2024 GmbH ergeben. Diese soll mehrere tausend Eintrittskarten zur internen Verwendung an die zehn Austragungsstädte vergeben haben. Ob und in welchem Umfang diese Karten und Einladungen zu Spielbegegnungen angenommen wurden, sei ebenfalls Gegenstand des Verfahrens.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
  • gubr vor 15 Minuten / Bewertung:

    Da wäre es mal schon wichtig zu wissen um was für Tickets es geht. Ein Bürgermeister oder Ministerpräsident wird oft auf die VIP Tribüne eingeladen als Vertreter der Stadt bzw des Landes.
    Da würde ich jetzt nichts ungewöhnliches daran sehen.
    Anders wäre es für Tickets für normale Beamte. Die dürfen sowieso keine Geschenke annhehmen.
    Noch schlimmer wäre es aber die Tickets nach Parteizugehörigkeit oder Freundeskreis zu verteilen.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
  • OLGI vor 2 Stunden / Bewertung:

    Dieter R. kann sich nicht mehr erinnern und meldet sich schon mal krank.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.