Hier liegen Münchens Kriminalitätsbrennpunkte

Diebstahl, Schlägereien, Bettler, Alkohol und Drogen. Die Polizei versucht, verlorenen Boden zurückzuerobern.
| Ralph Hub
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Münchens zentrale Brennpunkte auf einen Blick: Hauptbahnhof, Stachus und Nußbaumpark.
Google, dpa, Daniel von Loeper Münchens zentrale Brennpunkte auf einen Blick: Hauptbahnhof, Stachus und Nußbaumpark.

München - Ein gepflegtes Wohnviertel wird die Gegend um den Hauptbahnhof nie, da gibt man sich im Polizeipräsidium keinerlei Illusionen hin. Tag für Tag sind eine halbe Million Menschen unterwegs. Die Gesamtkriminalität nahm um 52,6 Prozent auf 4.058 Fälle zu. Wer regelmäßig zwischen dem Alten Botanischen Garten, Stachus, Hauptbahnhof und Sendlinger Tor unterwegs ist, stellt fest, dass sich die Zustände verschlechtern.

Am Bahnhofsvorplatz tummeln sich Männer und Frauen mit Bierflaschen. Morgens beginnt ihr Besäufnis, mit dem Promillespiegel steigt das Aggressionspotential. Seit Kurzem gilt im Hauptbahnhof zwischen 22 Uhr und 6 Uhr ein Alkoholverbot. Von Mitte März bis Mitte April wurden 233 Personen angezeigt. Mehr als zwei Drittel der nachts verübten Gewaltdelikte geschehen im Suff.

Immer öfter werden Polizisten zu Schlägereien gerufen. Die sogenannten Rohheitsdelikte stiegen laut dem am Freitag vorgestellten Sicherheitsreport 2016 auf 533 Fälle, ein Plus von 212 Delikten. Macht ein sattes Plus von 66 Prozent im Vergleich zu 2015. Bei gefährlicher oder schwerer Körperverletzung gab es 130 Fälle (+ 43 Delikte, eine Steigerung innerhalb eines Jahres um 39,1 Prozent). Beim Hausfriedensbruch sieht es noch düsterer aus: 161 Fälle zusätzlich, aktuell 309 Anzeigen. Macht ein Plus von 108,8 Prozent.

Bahnhofsviertel: Die Polizei hält mit Kontrollen und mehr Streifen dagegen

Der südliche Zugang zum Hauptbahnhof an der Bayerstraße. In diesem Bereich spricht die Polizei von Verwahrlosungstendenzen. Foto: dpa

Geschäftsleute beschweren sich über zunehmende Diebstähle. Egal ob in Kaufhäusern, Läden oder an Imbissständen, die Langfinger sind überall. 1.125 Fälle wurden 2016 angezeigt, 236 Taten mehr als im Vorjahr (+26,5 Prozent). Bei den Rauschgiftdelikten beträgt das Plus 92,5 Prozent. 1.078 Verstöße, plus 518 Fälle.

Damit entfällt beinahe ein Drittel des Gesamtstraftatenanstiegs in der Stadt (+ 4693 Fälle) allein auf den Bereich des Hauptbahnhofs. Beinahe die Hälfte des Anstiegs aller Rohheitsdelikte (+ 456 Fälle) wird durch die höheren Fallzahlen am Hauptbahnhof verursacht (+ 212 Fälle) – so der Report. "Wir müssen den Bereich im Fokus behalten", sagt der Leiter der Abteilung Verbrechensbekämpfung im Präsidium, Kriminaldirektor Stefan Kastner.

Der Bahnhofsvorplatz ist wegen der Baustelle besonders unübersichtlich. Rund um den Schwammerl steht ein mit Plastikplanen verkleideter Bauzaun. Was der Sicherheit von Passanten im Baustellenbereich dient, empfinden viele als "unheimlich". Man sehe nicht, was hinter der nächsten Ecke passiert, sehe man erst im letzten Moment. Und da könne es zu spät sein, sagen viele.

"Das Sicherheitsgefühl wird spürbar beeinträchtigt", heißt es nüchtern in der aktuellen Kriminalitätsstatistik.

Auf der Südseite des Bahnhofs machen sich "Verwahrlosungstendenzen" bemerkbar. Das betrifft unter anderem die Schillerstraße, in der abends Prostituierte Männer ansprechen. Tagsüber sind es Männer, die am sogenannten "Arbeiterstrich" auf einen Job als Tagelöhner hoffen.

Auf der Nordseite sieht es kaum besser aus. Dealer treiben sich in der Hirtenstraße und im Alten Botanischen Garten herum. Prostituierte suchen im Park nach Freiern. Dazwischen hocken Obdachlose auf den Bänken und lassen sich volllaufen. Zugedröhnte Junkies lungern umher. "Nachts traut man sich nicht mehr in den Park", sagen viele, die in der Maxvorstadt leben. Das städtische Luisengymnasium hat jetzt sogar einen Zaun errichten lassen, damit Schüler und Lehrer vor Belästigungen sicher sind.

Die Polizei erklärt die starke Zunahme bei den Delikten auch mit der verstärkten Präsenz von Streifen. Wenn mehr kontrolliert wird, werden logischerweise auch mehr Täter erwischt. "Doch die verstärkte Kontrolltätigkeit alleine erklärt die Zahlen nicht", gibt Stefan Kastner offen zu.

Das gilt auch für die stark gestiegene Zahl der Schwarzfahrer. 338 sind bei Kontrollen im letzten Jahr erwischt worden, ein Plus von 137 Fällen (68,2%). Wobei die Zahl der Gewaltdelikte bei Bahn, Tram und Bus gesunken ist. 2016 wurden 235 Fälle angezeigt. 279 waren es 2015, minus 15,8 Prozent.

Sauberkeits-Offensive der Bahn

Neue Rolltreppen, Aufzüge, Anzeigetafeln und Bänke: Die Deutsche Bahn will in den kommenden fünf Jahren 5,5 Milliarden Euro in ihre Bahnhöfe investieren. Damit steigen die Ausgaben auf Rekordniveau, wie der Bundeskonzern am Freitag mitteilte. Auch der Hauptbahnhof München wird umgestaltet. Ebenso eine Reihe mittelgroßer und kleinerer Bahnhöfe soll modernisiert werden und etwa Rampen für barrierefreie Zugänge erhalten.

"Nach der Investitionsoffensive in das Netz folgen nun die Bahnhöfe", sagte Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla. Ziele seien Barrierefreiheit, eine höhere Aufenthaltsqualität, digitaler Service und zuverlässigere Aufzüge und Rolltreppen. Zudem plant die Bahn, Hunde für mehr Sicherheit einzusetzen.

Stachus: Nur minimal entschärft

Hotspot Stachus. Foto: dpa

Die Situation an diesem Brennpunkt hat sich im vergangenen Jahr minimal entschärft. 604 Straftaten wurden 2016 angezeigt, lediglich vier weniger als im Vorjahr. Meist ging es um Schlägereien und Diebstahl. Auslöser war oft der Alkohol. Der Stachusbrunnen war bei Jugendlichen in den letzten Jahren besonders beliebt, weil sie hier freies WLAN hatten und unbegrenzt im Internet surfen konnten. Seitdem das WLAN-Angebot am Stachus deutlich reduziert wurde, hat sich auch der Andrang der Teenager verringert und somit auch die jugendspezifischen Vergehen. Mehr Arbeit hatte die Polizei auf der sogenannten "Feierbanane". Insbesondere die Straftaten entlang der Sonnenstraße und rund um den Maximiliansplatz stieg 2016 um 7,6 Prozent oder 57 Fälle auf 803 Delikte.

In den Diskotheken rund um den Hauptbahnhof betrug das Plus 25,6 Prozent, plus 22 Fälle auf insgesamt 108 Fälle.

Nußbaumpark: Schlägereien, Diebstähle und Drogen

Eine Streife im Nußbaumpark. Foto: Daniel von Loeper

Auch in der Umgebung des Sendlinger-Tor-Platzes gibt es eine Entwicklung, die den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorge bereitet. Die Zahl der gemeldeten Delikte stieg 2016 um 23,4 Prozent auf 243 Fälle. Zum Vergleich am Hauptbahnhof waren es exakt 1.462 Delikte, ein Plus von 364 Fällen (+ 24,9%).

Vor allem Schlägereien (von 29 auf 43) Diebstähle (68 auf 83) und Rauschgiftvergehen (13 auf 24) lassen die Zahl der Delikte am Sendlinger Tor stark ansteigen. Die Gegend ist bei Drogensüchtigen beliebt. Sie treffen sich vor allem im Nußbaumpark, ebenso die Alkoholabhängigen, die im Sommer auf den Bänken sitzen und in der kalten Jahreszeit ins Zwischengeschoss des U-Bahnhofs ausweichen. "Wir können durch ständige Kontrollen lästig werden", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, "mehr nicht. Wo sich die Bürger aufhalten und Öffentlichkeit schaffen, meiden diejenigen die Orte, die die Öffentlichkeit lieber scheuen", sagt Martins.

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