Stromschnellen und Niedrigwasser: SUP-Abenteuer auf Bayerns letztem Wildfluss
Was für ein Oktoberfest – ein Herbststart mit 20 Grad und mehr. Solche Tage in München müssen gefeiert werden. Was macht man da, wenn die weltgrößte Bierparty auf der Theresienwiese schon rum ist? Noch einmal im T-Shirt am Nachmittag in einem Schanigarten sitzen, den Englischen Garten genießen, das Gesicht Richtung Sonne halten, an der Isar? Oder einfach gleich auf die Isar statt einfach nur an den Fluss? Abgemacht. Mein SUP will noch einmal eingesetzt werden, bevor es in die Winterpause geht. Das Stand-Up-Paddleboard gehört inzwischen zur Standard-Ausstattung mittelalter Väter, habe ich mir sagen lassen. Um meinen Status nicht zu verlieren, lasse ich mich also über die Isar treiben.
Von Baierbrunn nach Hellabrunn mit dem SUP
Ohne das Vorhaben allzu lange zu zerdenken, geht's nach einer Frühschicht direkt von der Arbeit mit dem übergroßen Rucksack auf dem Rücken und der S7 Richtung Wolfratshausen – der Plan ist grob, die Zeit knapp. Klar ist nur: Zum Sonnenuntergang möchte ich an der Tierparkbrücke sein – und: am Georgenstein muss es vorbeigehen. S-Bahn-Ausstieg und Isar-Einstieg sind damit schnell gesetzt: von Baierbrunn geht es nach Hellabrunn. Von der S-Bahn führt ein Weg laut Kartenanbieter der eigenen Wahl in 30 Minuten an die Isar. Dass das Höhenprofil da nicht eingerechnet ist, ist schnell vor Ort klar. Die malerische Gemeinde liegt knapp 80 Meter über der Isar. Schnell geht es bergab. Der Urwald an den Isarauen macht den Weg auch ohne SUP-Tour sehenswert. Die einzigen Menschen, die mir und meinem Rucksack hier begegnen, sind die von einigen gefürchteten Gravel- und Mountainbiker. (Unsere Treffen waren friedlich.)

Reizende Reißende – die SUP-Tour startet südlich von München
Die Isar, die schnell zur Reißenden werden kann – darauf geht ihr keltischer Ursprungsname Isara zurück – ist aktuell recht zahm. Zumindest am Einstieg in Baierbrunn. Dass sie auch anders kann, zeigt sie bei regelmäßigen Hochwassern, wenn ganze Baumstämme über den Fluss getragen werden und mir auch gegen Ende meiner Tour. An der Einstiegsstelle (Hier finden Sie Google-Markierung, an der unser Autor losgefahren ist) ist es so tief, dass man ohne Probleme ins "kühle" Nass springen kann. Das muss man eindeutig in Anführungszeichen setzen. Recht warme 16 Grad hat die Isar als ich Anfang Oktober unterwegs bin, zwei Wochen später sind es noch um die 14 Grad. Kleiner Reminder an mich: nächstes Mal eine Doppelhubpumpe besorgen – das geht deutlich schneller. Das SUP ist aufgeblasen, alles Wichtige im Drybag vor dem Wasser geschützt und vorne auf dem Brett festgezurrt. Um 16 Uhr geht's los. Mit der späten Nachmittagssonne im Rücken.

Kurzinfo: Mit dem SUP über die Isar nach München
Die Isar lädt zu vielen Touren ein – am bekanntesten sind die Bierboote – also die Schlauchbootrunden, die teilweise sogar von Wolfratshausen kommen. Für eine schnelle Runde auf dem Stand-Up-Paddle (SUP) kann man kurz vor München einsteigen. Unser Autor ist in Baierbrunn gestartet. Dorthin geht es leicht mit der S7. Ein Weg durch den Wald führt über den Steilhang herunter, in 30 Minuten hat man schnell eine Stelle an der Isar für einen Einstieg gefunden. Von hier aus geht es über eine Strecke von 13 Kilometern mit der Strömung bis nach München. Der Autor hat dafür drei Stunden gebraucht.
Aufgepasst: Auf dem Weg sind drei Wehre. Hier sollte man sich unbedingt die Mühe machen, das SUP kurz zu tragen. An den Staustufen droht Lebensgefahr.
13 Kilometer bis München – im Süden ist die Isar wilder
Unten, im Süden von München, ist die Isar rauer als in den renaturierten Bereichen der Innenstadt. Hier sammeln sich Treibholz, Äste und Laub an Nebenarmen, hier hausen Biber, steht Schilf hoch am Flussufer. Die Bäume am Rand zeigen sich jetzt, im bayerischen Indian Summer, von ihrer buntesten Seite. Ein Bild, das ich kaum mit jemandem teilen muss. Zu dieser späten Jahres- und Tageszeit habe ich die Isar nahezu für sich allein. Vor mir ist noch ein Schlauchboot unterwegs, das ich aber mit Abstand habe ziehen lassen.

Nach mir folgt auf den knapp 13 Kilometern Richtung München niemand mehr auf dem Fluss. Nur dort, wo die Sonne sich noch auf den Kiesbänken niederlässt, finden sich vereinzelt ein paar Sonnenbadende, die genau wissen, wo sie selbst am späten Herbstnachmittag die besten Plätze finden. Allerdings: Auf der Isar weht schon ein kühlerer Wind. Wer hier länger unterwegs ist, sollte nicht an der richtigen Kleidung sparen. Mir reicht noch ein UV-Langarmshirt, andere brauchen vielleicht schon eine Neoprenschicht.

Georgenstein, Römerschanze, Lebensgefahr am Kraftwerk Baierbrunn
Weiter geht's. Am Georgenstein – oberhalb thronten an dieser Stelle 300 Jahre nach Christus schon die Römer über der Isar – vollführt ein älterer Herr jugendliche Kopfsprünge, die man sonst nur an südlicheren Steilküsten zu Gesicht bekommt. Der gewaltige Fels mitten in der Isar war früher wohl eine echte Gefahr für die Isarflößer. Vor gut über 200 Jahren soll ein eben solcher hier gekentert sein. Ein Stoßgebet zum Heiligen Georg will ihn gerettet haben. Zum Dank gab es ein Schild für den Fels im Wasser und für uns noch heute den Namen.
Zeit zum Staunen bleibt kaum. Nach einer weiteren Kehre begrüßt mich ein Schild am Ufer mit den Worten "Lebensgefahr". Das erste Wehr auf der Strecke steht an – den Hinweis sollte man übrigens unbedingt ernstnehmen, solange man nicht auf einem Floß sitzt und über die Rutsche ganz links auf die andere Seite gelangt. Zu oft mussten wir bei der AZ schon über Übermutige unter den Wasserwalzen an den Isarwehren berichten. Also raus aus dem Wasser und das SUP für 200 Meter tragen – dafür kann die Reise aber auch ohne Verletzungen weitergehen.

Nach der Staustufe teilt sich die Isar in zwei Arme auf. Man muss einmal schnell durch den tieferen Isarwerkkanal auf die andere Flussseite setzen – bis München folgen links fünf Wasserkraftwerke, die die Isar für die grüne Stromerzeugung nutzen, in der Mitte zieht sich ein langer Damm bis Großhesselohe. Am anderen Ufer angekommen, geht es wieder raus und auf den rechten Isar-Arm. Beim Schlauchbooteinstieg – der Punkt heißt auch bei Google Maps so – führt die Reise weiter Richtung Grünwald.
Niedrigwasser: Rekordsommer fordert Tribut
Mit dem Wehr bei Baierbrunn hat die Isar auch an Tiefe verloren. Der Fluss fließt zwar, nur bleibt gerade einmal die berüchtigte Handbreit Wasser unter dem flachen Board. Das Paddel wird jetzt fast zum Stecken. Der Rekordsommer – noch nie wurden so viele Hitzetage in Bayern gemessen – lässt auch die Münchner Wasserader rekordverdächtig austrocknen. Das Schlimme: Schon der Winter und das Frühjahr waren zu trocken und der aktuelle Herbst sieht nicht viel besser aus.
"Von März bis Juli 2026 fiel in Bayern so wenig Niederschlag wie noch nie seit 1931" ist bei der Bayerischen Staatsregierung zu lesen. Und der Pegel-Regler der Isar, der Sylvensteinspeicher bei Lenggries, hatte dieses Jahr selbst mit extremem Niedrigwasser zu kämpfen. Traurige Bilder zeigten im Sommer, wie Fische aus traurigen Restpfützen umgesetzt werden mussten. Aber: Ohne den künstlichen See hätte die Isar im heißen Sommer wohl gar kein Wasser mehr gehabt. Noch kann der Speicher liefern. Also geht es auch auf dem SUP voran, nur muss ich teilweise so weit wie möglich vorne stehen, damit die Finnen am Heck nicht über die Isarkiesel kratzen. An manchen Stellen wird es jetzt aber so flach, dass ich von den drei Finnen am Heck die längste abstecken muss. Damit lässt sich das SUP zwar schwerer steuern, aber sonst verkantet sich das Board an den Steinen. Nicht mehr ganz so geradlinig geht es weiter Richtung Grünwald.

Burg Grünwald, die Rittersleut und Karl Valentin
Von weitem sieht man jetzt eine hohe Isarbrücke auf langen Stelzen – aus den Baumwipfeln schaut eine Befestigung. Ich bin in Grünwald angekommen. Der Münchner Vorort ist ja auf verschiedene Arten ein Paradies – egal ob am steilen Ufer, an den Kiesbänken, für manche Steueroptimierer oder eben auf dem Wasser – hier lässt es sich ganz gut aushalten. Oberhalb sitzt die Burg Grünwald. Das Museum ist übrigens immer sehenswert und der Turm bietet einen herrlichen Blick über das Isartal – der eine Euro Eintritt ist es jedes Mal wert (aktuell ist er wohl gesperrt). Bereits vor 1000 Jahren sollen hier hohe Herren den hohen Platz genossen haben. Zuerst gehörte die Veste dem Grafen von Andechs, dann entstand ein Wittelsbacher Jagdschloss am Ort, später waren die Mauern ein Gefängnis und Pulverlager. Und: Münchens berühmter Komiker Karl Valentin suchte bei den "Rittersleut", im Schlosshotel nebenan, zusammen mit Liesl Karlstadt etwas Ruhe vor den Folgen des Zweiten Weltkriegs (1941- 1943). Ja, so warn's.
Mein lieber Schwanthaler – noch mehr Geschichte
Kurz nach der Grünwalder Brücke kündigt ein Rauschen Stromschnellen an. Allerdings ist es so flach, dass ich hier wieder zum SUP-Träger werde. Als nächste Wegmarke folgt Burg Schwaneck – damit erfüllte sich der Mittelalterfan Ludwig Schwanthaler 1843 einen Kindheitstraum. Genau – der Schwanthaler, der als Bildhauer einst die Bavaria für König Ludwig I. an der Theresienwiese geschaffen hat. Inzwischen ist die Anlage ganz dem Nachwuchs gewidmet – der Kreisjugendring bildet hier weiter und eine Jugendherberge bietet ein herrschaftliches Gefühl für kleineres Geld.
Der Fluss ist weiter zweigeteilt: Der tiefere Isarwerkkanal für die Stromerzeugung an den Wehren und die Flößer aus Wolfratshausen führt links flussabwärts weiter, als SUP-Tourist bleibe ich auf dem rechten Arm. Auf dem Damm in der Mitte lässt es sich übrigens gut radeln und wandern, das Ufer bietet zahlreiche kleine versteckte Buchten. Perfekt für Menschen, die die Massen aus der Innenstadt-Isar meiden wollen. Die einen grüßen, die anderen grummeln im Vorbeifahren. Kein Wunder, auf dem SUP ist man schon ein kleiner Störfaktor der Privatsphäre – wer kommt um diese Jahreszeit schließlich schon auf dem Wasser vorbei.

Brenzlige Situation am Wehr Großhesselohe
Zu den kleinen runden Isarkieseln, die den Fluss so charakteristisch machen, gesellen sich jetzt schon weitaus größere Steine. Hier sind mehr Manöver gefragt, einfach Treiben lassen geht nicht mehr. Kleine Stromschnellen nehme ich lieber in der Hocke als im Stehen. Das ist nicht ohne, geht aber auf der flachen Isar – zur Not hüpfe ich kurz von Bord. Aber man bekommt ein Gefühl, wie die Reißende sein kann, wenn sie voller und schneller ist. Einen ersten Geschmack davon erhalte ich vor dem Wehr Großhesselohe. Vor der 42 Meter hohen Brücke muss ich rechts raus und das SUP am Wehr vorbeitragen. Kurz davor zieht mich die Strömung zwischen zwei Felsen genau auf einen Baumstamm – ich kann nicht mehr ausweichen und stecke fest. Zu anderen Zeiten könnte das brenzlig sein, die Strömung schiebt, die Isar entlässt mich nicht so leicht. Mit dem Paddel und den Beinen kann ich mich befreien und es geht mit leicht erhöhtem Puls ans Ufer.

Wo sich normalerweise Wasser über den Damm am Wehr wälzt, kann man jetzt über den trockenen Beton laufen. Übergesetzt, kommt nach über zwei Stunden die vorletzte Etappe. Nun hört man deutlich öfter das Rauschen von Stromschnellen zwischen den großen Steinen, die sonst tiefer im Wasser liegen. Teilweise bilden die Eiszeitriesen Sperren über die gesamte Flussbreite. Dieser Teil ist herausfordernder als gedacht: Wenn ich nicht kräftig paddele, zieht mich die Strömung schnell direkt auf die Steine. Wie knapp das SUP da drüber kratzt, sehe ich meist erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Hier stecken zu bleiben, kann schnell brenzliger sein, selbst bei flachem Wasser. Für mich geht es zum Glück unfallfrei weiter.

"Da sind schon große Steine": Letztes Risiko vor dem Ziel
Kurz vor der Fußgängerbrücke, am Wehr an der Marienklause, bereiten sich Kajakfahrer vom benachbarten Verein gerade darauf vor, sich das Wehr herunterzustürzen – natürlich professionell mit Schutzausrüstung. Ich frage, ob ich das auch mit SUP schaffen könnte. "Möglich, aber da sind schon große Steine an der Rutsche", sagt er und zeigt auf seinen Helm. Ich bin zwar gut ausgestattet, aber einen Kopfschutz habe ich nicht an Bord. Und ganz ehrlich: Auf den letzten Metern will der mittelalte Vater auch nicht ins Krankenhaus abbiegen. Mit dem Hinweis im Hinterkopf trage ich das SUP ein letztes Mal um ein Wehr auf meiner Tour.

Jetzt sind es noch zweihundert Meter bis zur Brücke am Tierpark. Der typische Mix aus Grillgeruch und Musik kommt näher. Am Ufer sitzen gegen 19 Uhr auch hier noch viele Menschen. Die Stadt hat mich zurück. Mit der Ruhe auf der Reißenden ist es vorbei, mit der Tour für den Tag auch. Nächstes Mal geht es nach Wolfratshausen.
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