Interview

Hellabrunn-Pfleger im Interview: "Für Tiere sind Menschen wie Kino"

Florian Hundshammer ist Tierpfleger. Hier spricht er über Wildtiere, die im Lockdown in den Tierpark kommen, seine Schützlinge, die die Menschen nicht vermissen - und die Vorfreude auf Alltag.
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Tierpfleger Florian Hundshammer und Nepomuk.
Tierpfleger Florian Hundshammer und Nepomuk. © Sigi Müller

München - Florian Hundshammer im AZ-Interview: Der 37-jährige Niederbayer ist seit fast 20 Jahren Zoo-Tierpfleger in Hellabrunn und spricht hier über seine Arbeit im Tierpark während des Lockdowns.

AZ: Herr Hundshammer, seit 2003 arbeiten Sie im Tierpark. Seit 2. November 2020 sind keine Besucher nach Hellabrunn gekommen. Wie fühlt sich das für einen Tierpfleger an?
FLORIAN HUNDSHAMMER: Anfangs war es etwas surreal. Die Arbeit zwar fast wie immer. Die Tiere müssen ja so oder so gepflegt werden. Aber ich sehne den Tag herbei, an dem endlich wieder Besucher vorbeischauen dürfen. Es wird Zeit.

Wegen Lockdown: "Wir können den Tag etwas freier strukturieren"

Warum?
Ich liebe Tiere. Aber genauso liebe ich auch das Gespräch mit Menschen, vor allem, wenn ich ihnen etwas über Tiere erzählen kann. Die Freude und Reaktion, vor allem der Kinder, ist immer wunderschön. Das fehlt mir.

Sie haben gesagt, es ist fast wie immer. Was ist anders?
Wir können uns manche Routineaufgaben flexibler einteilen.

Kleiner Spaziergang im besucherlosen Tierpark für das Trampeltier Kataja. Manchmal ist sie sehr stur und bleibt einfach stehen.
Kleiner Spaziergang im besucherlosen Tierpark für das Trampeltier Kataja. Manchmal ist sie sehr stur und bleibt einfach stehen. © Sigi Müller

Ein Beispiel?
Früher mussten um kurz vor neun Uhr morgens die Fenster alle blitzblank geputzt sein. Wir putzen sie natürlich immer noch täglich. Aber so etwas können wir derzeit irgendwann machen, wenn es gerade zeitlich passt. Wir können den Tag etwas freier strukturieren.

Florian Hundshammer kümmert sich um große und kleine Tiere

Welche Tiere pflegen Sie?
Giraffen, Heckrinder, Waldbisons, Erdmännchen, Tarpane, Vögel in der Großvoliere, Stachelschweine, Fledermäuse, Wasserschweine, Pampashasen, Pelikane, Darwin-Nandus, Schraubenziegen, ich mache die Greifvogel-Flugshow mit den Eulen, Steinböcke ...

Die Frage, die jetzt kommt, haben sie bestimmt oft gehört.
Was mein Lieblingstier ist?

Richtig.
Das fragen Kinder sehr gerne.

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Das Lieblingstier eines Tierpflegers

Und die Antwort?
Ich kann es wirklich nicht sagen. Mir macht einfach die Arbeit mit Tieren Spaß. Wenn Sie unbedingt eine Antwort haben wollen: Ich mag es, wenn ein Tier einen klar erkennbaren Charakter hat, egal welches.

Welches Tier hat das?
Ganz viele. Eine der Giraffendamen zum Beispiel. Bahati. Die hat einen eigenen Kopf. Die unterscheidet auch ganz klar unter den Pflegern, wen sie mag und nicht mag. Die zeigt dir deutlich, wie sich dich findet. Mein Vorteil ist, dass sie mich mag.

Giraffendame Makena (l.) scheint die Besucher zu vermissen. Sobald sie jemanden ohne Tierpark-Uniform sieht, starrt sie ihn sehnsüchtig an.
Giraffendame Makena (l.) scheint die Besucher zu vermissen. Sobald sie jemanden ohne Tierpark-Uniform sieht, starrt sie ihn sehnsüchtig an. © Sigi Müller

Manche Tiere verhalten sich anders ohne Zoobesucher

Merken Sie bei den Tieren, dass sie anders sind, seit keine Besucher mehr kommen?
Bei manchen Tieren, ja. Eine andere Giraffendame, die sechsjährige Makena zum Beispiel. Bei ihr fällt es auf. Sie ist gerade immer sehr neugierig, wenn sie Menschen ohne Tierpfleger-Uniform sieht. Schauen Sie, sie fokussiert Sie gerade. Auch die Kamera ihres Kollegen. Sie hört das Klicken, wenn er abdrückt.

Aus dieser Entfernung?
Natürlich. Giraffen haben ein feines Gehör. Die unterhalten sich in Frequenzen, die wir Menschen nicht wahrnehmen. Die anderen Giraffen sind auch neugieriger, verhalten sich aber eigentlich wie immer.

In Hellabrunn tauchen immer mehr heimische Wildtiere auf

Hat sich im Tierpark grundsätzlich etwas verändert seit dem Lockdown?
Wir nehmen die heimischen Wildtiere viel stärker wahr. Die vielen Vogelarten.

Sind es mehr geworden?
Das auch. Aber was ich merke, ist, dass wir seltene Gäste wie Eisvögel viel öfter sehen. Erst hört man ihr feines Fiepen, dann sieht man sie. Wunderschöne Tiere, die in der Sonne türkis-blau glitzern wie Diamanten und eigentlich sehr vorsichtig und scheu sind. Ich glaube, sie trauen sich häufiger hierher, weil eben so wenige Menschen unterwegs sind. Momentan vergeht kein Tag, an dem wir keinen sehen. Und ein Tier habe ich zum allerersten Mal auf der Zooanlage bemerkt.

Welches?
Den Mittelspecht. Ein sehr seltenes Exemplar.

"Für die Tiere ist es auch spannend, so viele verschiedene Menschen zu sehen"

Erkennen Sie alle Vögel?
Nein, aber ich merke, wenn ich Gezwitscher höre, das ich sonst nie höre. Es ist viel deutlicher, weil das Gemurmel der Menschen nicht da ist. Das Grundrauschen der Besucher ist wie ein Radio, das gerade nicht läuft.

Haben Sie das Gefühl, manchen Tieren fehlen die Menschen regelrecht?
Ich würde sagen, eher nein. Aber klar ist, dass für viele Zoo-Tiere der Mensch ja eine Art Kino ist. Die Leute kommen, um die Tiere anzuschauen und für die Tiere ist es auch spannend, so viele verschiedene Menschen aus sicherer Entfernung zu sehen.

Wir stehen jetzt bei den Heckrindern. Merkt man denen irgendwas an?
Wie wir sehen, ist Nepomuk auf dieser Anlage der Chef. Er beobachtet uns. Und er posiert gerne für die Kamera. Er ist ein Star in Japan, hat mal Model gestanden für ein Tiermagazin. Um auf ihre Frage zu antworten: Ich kann ihm nicht in den Kopf schauen, aber ich glaube, er freut sich schon, dass mal wieder eine Kamera auf ihn gerichtet wird.

"Tiere brauchten weiterhin Pflege, trotz Lockdown"

Menschen sind ja im Lockdown aggressiver geworden, darauf deuten viele Statistiken. Die Tiere dürften ja sogar noch entspannter geworden sein. Oder?
Gleiches Gehege, ähnliche Tagesroutinen, weiterhin die gewohnten Pfleger... Es geht ihnen gut. Sie sind sicher nicht aggressiver geworden. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Tiere kein Homeschooling machen müssen.

Darwin-Nandu Owen, im Beschützer-Modus, stürzt heran, plustert sich auf und faucht. Es ist Balzzeit. Seine Frau hat schon ein Ei gelegt.
Darwin-Nandu Owen, im Beschützer-Modus, stürzt heran, plustert sich auf und faucht. Es ist Balzzeit. Seine Frau hat schon ein Ei gelegt. © Sigi Müller

Eine Frage zu den Kollegen: Hat sich im Verhältnis untereinander etwas verändert?
Ich kann natürlich nicht für jeden sprechen, aber ich glaube, dass viele Kollegen dankbar sind und sehr schätzen, dass ihr Job während des Lockdowns nicht gefährdet war, dass wir keine Kurzarbeit hatten und kein Homeoffice - wie auch. Viele haben den Job gewählt, weil er im Freien stattfindet, mit vielen Tieren und Natur. Und die Tiere brauchten weiterhin Pflege, trotz Lockdown.

Wann öffnet der Tierpark Hellabrunn wieder?

Ab Montag, den 8. März, darf der Tierpark wieder Besucher empfangen. Es gelten die üblichen AHA-Regeln. Zugangskarten müssen mindestens einen Tag vorher über München Ticket gebucht und an der Kasse vorgezeigt werden. Die Besucherzahl wird begrenzt. Für Inhaber einer aktuell gültigen Jahreskarte gibt es ein Sonderkontingent. Noch kann man zwar keine Jahreskarten verlängern. Aber für alle, die während des Lockdowns eine gültige Jahreskarte hatten, erweitert sich die Gültigkeit um den Lockdown-Zeitraum.

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