Gutachten zur Eisbachwelle endlich da: "Es dauert zwei Tage, dann ist das drin"

Der Unglückstag an der Eisbachwelle jährt sich an diesem Donnerstag zum ersten Mal – es ist ein Trauertag für die Münchner Surfcommunity. Vor einem Jahr, am 16. April 2025, war eine 33-jährige, erfahrene Surferin kurz vor Mitternacht mit ihrem Board auf der reißenden Welle gesurft. Als sie stürzte, zog die Sicherungsleine am Knöchel die junge Frau in der starken Strömung unter Wasser. Die Leash hatte sich an einem unbekannten Gegenstand im Bachbett verhakt.
Die Rettungsversuche und die Bergung durch die Feuerwehr hatten der Surferin nicht mehr helfen können. Eine Woche später, am 23. April, verstarb sie im Krankenhaus.

"Respektieren den Wunsch nach Anonymität"
Ein öffentliches Gedenken an der Welle soll es nicht geben. "Wir respektieren weiterhin ausdrücklich den Wunsch der Familie nach Anonymität und Ruhe", erklärt Surf-Club-Präsident Martin Grün. "Daher wird es vom Surf Club München keine öffentliche Form des Gedenkens, keine Veranstaltungen und keine weiteren Stellungnahmen geben." „Der Tod der Surferin vor einem Jahr hat uns alle erschüttert", erklärt Bürgermeister Dominik Krause (Grüne). "Ich bin in diesen Tagen mit meinen Gedanken bei den Hinterbliebenen."

Unfallursache bleibt ungeklärt
Die Surfercommunity stand nach dem Unglück unter Schock, die Welle war zunächst gesperrt worden, die Staatsanwaltschaft ermittelte zur Unfallursache. Woran die Leash sich verhakt hatte, konnte nicht geklärt werden. Ende Juni gab OB Dieter Reiter (SPD) die Welle wieder frei. Securityleute überwachten das Geschehen, dokumentierte auch Surferunfälle. Mehrfach, hieß es in den Unterlagen, sei wegen Blessuren ein Krankenwagen am Eisbach angerückt.

180 Tage ohne Surferwelle
Seit letztem Oktober ist komplett Schluss mit dem Surfen am Eisbach. Denn bei der Bachauskehr hatten Arbeiter der Stadt das Flussbett an der Eisbachbrücke so gründlich von Kies, Moos und Sand gereinigt, dass sich seither keine natürliche Welle mehr aufbaut. In früheren Jahren hatten die Surfer in solchen Fällen unter Wasser ein Holzbrett an Seilen aufgehängt – auch Rampe oder Kicker genannt – und so künstlich eine Flusswelle hergestellt, stillschweigend geduldet von der Stadt (AZ berichtete).
Nur: Ein eigenmächtiger Rampeneinbau ohne Genehmigung ist jetzt verboten. Im Februar verbot die Stadt das Surfen komplett. Zum Ärger vieler Surferinnen und Surfer. Ein paar Mal setzten sich einzelne übers Verbot hinweg und hängten kurzerhand wie früher eine Rampe ins Wasser, um zu zeigen, wie einfach das geht. Die Stadt duldete es nie lange.
Der tragische Unfall habe "die rechtliche Situation an der Welle verändert", erklärt Bürgermeister Dominik Krause an diesem Donnerstag. "Wir sind deshalb als Stadt München rechtlich verpflichtet, die unter den gegebenen Umständen gebotene Verkehrssicherheit an der Welle herzustellen." Die Eisbachwelle sei "ein Wahrzeichen" Münchens: "Ich unterstütze deshalb alle Versuche, damit ein so sicheres Surfen wie möglich am Eisbach stattfinden kann und hoffe, dass wir bis zu den Sommerferien eine Lösung finden.“ Nur: Wie?
Streit um Tempo und Bürokratie
Darüber gibt es seit Monaten Streit zwischen der Stadtverwaltung und den Münchner Surferinnen und Surfern, die mehr Tempo und weniger Bürokratie bei der Wiederherstellung der Welle fordern. Und ungeduldig die Tage ohne Eisbachwelle zählen. 180 sind es schon.
Fragen zu klären gibt es dennoch viele. Wie soll ein genehmigter und sicherer Einbau aussehen? Wo genau und wie soll der befestigt werden? Wer weist nach, ob eine Aufhängung einer Rampe an der Eisbachbrücke statisch sicher ist? Und vor allem: Wer übernimmt am Ende die Haftung für Unfälle?

Gutachten ist da und liegt der Stadt vor
Diverse Vorversuche zu einem sicheren Einbau hat die Surf-Community unter Leitung des Strömungsexperten Robert Meier-Staude von der Hochschule München bereits gemacht – genehmigt von der städtischen Wasserrechtsbehörde. "Ziel ist, eine Konstruktion zu installieren, die eine dauerhafte Welle erzeugt", teilt die Stadt dazu mit. Denn ohne einen Einbau baue die Welle sich, je nach Zufluss und Unterwassersituation im Eisbach, maximal an 30 bis 40 Tagen im Jahr auf. Die Versuche seien "vielversprechend und werden in den kommenden Wochen fortgesetzt".
Wie die AZ erfahren hat, gibt es inzwischen einen 97 Seiten langen Bericht des Strömungsexperten zu den Versuchen. Er liegt seit Dienstag auch bei der Stadt vor, das bestätigt das Baureferat auf AZ-Nachfrage. Man könne dazu aber "derzeit noch keine Stellungnahme abgeben", erklärt eine Sprecherin.
Beste Bewertung: eine dreiteilige Holzrampe
Nach AZ-Informationen werden in dem Gutachten verschiedene technische Alternativen nach einem Punktebewertungsverfahren beurteilt. Als beste Variante, um eine Welle wiederherzustellen, gilt demnach der Einbau einer klassischen dreiteiligen Rampe aus drei Hartholzbrettern.
Das etwa lange Brett in der Mitte lasse sich über Hochleistungsseile am Mittelpfeiler der Brücke befestigen. Die beiden kleineren Bretter seitlich an den betonierten Bachseiten-Trogwänden.

"Das reicht für 2000 Kilo Gewicht"
Eine Seilbefestigung am Brückenmittelpfeiler hat es genau so früher schon gegeben, erklärt Surf-Club-Präsident Martin Grün der AZ. "Dort war ein Edelstahl-Schwerlastdübel in den Granit gespreizt, mit daraufgeschraubter Lasche als Seilbefestigung. Das reicht aus, um bis zu 2000 Kilo Gewicht zu tragen. Es ist mehr als genug für eine Rampe."
Ärger um den Statik-Nachweis
Die Konstruktion einzubauen, sei einfach: "Es dauert zwei Tage, dann ist das drin." Was den Eisbachsurfer ärgert: In einer Sitzung mit OB Dieter Reiter war vereinbart worden, dass das Baureferat den geforderten statischen Nachweis für die Aufhängung selbst erbringt. Das sei aber auch nach Wochen noch nicht passiert. "Wir haben inzwischen darum gebeten, uns alle Unterlagen zur Brücke zukommen zu lassen, damit wir den Statiknachweis selber rechnen können", sagt Grün, "aber auch das passiert nicht."
Am Mittwoch soll es nach AZ-Infos eine Besprechung zwischen dem Strömungsexperten und der Verwaltung gegeben haben. Ergebnisse teilte die Stadt auf AZ-Nachfrage bis zum Abend nicht mit.
Auf Anweisung von OB Dieter Reiter verfolge das Baureferat noch eine zweite Strategie, erklärt die Stadt. Es arbeite "in Abstimmung mit der Bundeswehruniversität Hamburg sowie der Universität Innsbruck an Varianten für einen sicheren Einbau, der zum Aufbau einer surfbaren Welle führt". Das sei eine "Rückfalloption" für den Fall, dass die aktuellen Testversuche an der Eisbachwelle nicht das gewünschte Ergebnis erbringen "oder in rechtlicher Hinsicht nicht umsetzbar sind".