Grundsanierung Gasteig: Den Leuchtturm retten

Angesichts hoher Kosten wird beim Gasteig nun die Sanierung der Philharmonie und die neue Kulturbühne in Frage gestellt.
| Robert Braunmüller
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In der neuen Philharmonie würde mehr Nähe für ein gesteigertes Konzerterlebnis sorgen. Aber jede Kritik am Gasteig wird von Teilen der Politik als Luxusproblem angesehen.
In der neuen Philharmonie würde mehr Nähe für ein gesteigertes Konzerterlebnis sorgen. Aber jede Kritik am Gasteig wird von Teilen der Politik als Luxusproblem angesehen. © Mir AS/Henn Architekten/Gasteig

München - Ohne Corona hätte der Stadtrat im Herbst über die sogenannten "Steckbriefe" abgestimmt. Wahrscheinlich hätte es ein paar Abstriche gegeben, aber trotz Ächzen über das viele Geld beim Oberbürgermeister und dem kleineren Koalitionspartner SPD wäre nun die lange verschleppte Modernisierung des Kulturzentrums am Isarhochufer auf den Weg gebracht worden.

Die Philharmoniker, die Stadtbibliothek, die Musikhochschule und die Volkshochschule würden den Umzug ins Interim vorbereiten und in der zweiten Hälfte das Jahrzehnts hätte München das modernste Kulturzentrum Europas bekommen - mit einem zukunftsweisenden Konzept der Zusammenarbeit aller Institutionen.

Ende der lange vorbereiteten Generalsanierung


Daraus wird nun wohl nichts mehr. Im Oktober beschloss die grünrote Rathaus-Koalition, die eine halbe Milliarde schwere Sanierung zu deckeln und 15 Prozent einzusparen - ohne allerdings zu sagen, wie das gehen solle. Weil die halbe Milliarde aber bereits politisch schön gerechnet ist, musste Gasteig-Chef Max Wagner offenbar vergangene Woche den Ausschüssen für Arbeit und Wirtschaft sowie Kultur erklären, dass man sich wohl entweder von der alle Institutionen verbindenden Verlängerung der Glashalle zu einer "Kulturbühne" oder der Ertüchtigung der Philharmonie verabschieden müsse.

Das wäre das Ende der lange vorbereiteten Generalsanierung, für die man sich mühselig mit den ursprünglichen Architekten geeinigt hat und für die ein Architekturwettbewerb durchgeführt wurde. Die SPD mag das Projekt ohnehin nicht: Sie verabschiedete sich schon vor der Kommunalwahl von der 2017 im Stadtrat beschlossenen Generalsanierung.

Die erweiterte Glashalle soll eigentlich den Bibliothekstrakt mit der Philharmonie im Gasteig verbinden. Vor allem wegen dieser Idee siegte das Projekt des Büros Henn Architekten im Wettbewerb. Aber es ist auch teuer, weshalb es neuerdings in Frage gestellt wird.
Die erweiterte Glashalle soll eigentlich den Bibliothekstrakt mit der Philharmonie im Gasteig verbinden. Vor allem wegen dieser Idee siegte das Projekt des Büros Henn Architekten im Wettbewerb. Aber es ist auch teuer, weshalb es neuerdings in Frage gestellt wird. © Mir AS/Henn Architekten/Gasteig

Die Grünen wollen die Neukonzeption des Kulturzentrums noch retten. Die zweite Bürgermeisterin Kathrin Habenschaden denkt über eine Finanzierung durch Privat-Public-Partnership nach, Fraktionschef Florian Roth spricht immer wieder von einer Beteiligung des Freistaats an der Sanierung der Philharmonie. Die wäre zwar vernünftig, würde aber ein auch Aus für den staatlichen Konzertsaalneubau im Werksviertel bedeuten. Der wackelt zwar immer mehr, aber den Spott über das Ende dieses Neubaus will sich Markus Söder derzeit (noch) nicht antun.

Am Mittwoch berät der Stadtrat wieder einmal über die Gasteig-Sanierung. Offenbar soll das Baureferat prüfen, ob sich weitere Einsparpotenziale finden lassen. Die gehen schon jetzt an die Substanz, weil sich die Politik offenbar von einer Weiterentwicklung des Gebäudes zu einem zeitgemäßen Kulturzentrum verabschiedet hat. Dabei wird eine langjährige Planung in die Tonne getreten, die auch nicht kostenlos zu haben war.

Neue Richtung ist fatal

Insgesamt ist die neue Richtung fatal, weil jede Verzögerung das Bauen und Sanieren noch teurer macht. Auch die Grundsanierung wird sehr viel Geld kosten.

Aber am Ende bekommen die Bürger nur den schlechten Status Quo des Gasteig mit einer neuen Haustechnik. Die alten Mängel bleiben: die mäßige Akustik der Philharmonie, der für heutiges Theater untaugliche Carl-Orff-Saal, teilweise fensterlose Räume der VHS und eine Stadtbibliothek der Prä-Internet-Ära, die nicht an die Nutzungsgewohnheiten der Schüler, Studierende und Freiberufler von heute angepasst wird.

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Alle diese Fehler des Gasteig sind bekannt. Sie werden von der Politik seit Jahren mit dem Argument der hohen Besucherzahlen als Genörgel weggewischt. Die SPD verwechselt ohnehin Kultur- und Bildungsstätten mit Sozialbürgerhäusern. Sie misstraut - wie die Sparvorschläge des Kulturreferats beweisen - den großen, funktionierenden Institutionen wie den städtischen Theatern und den Kammerspielen, kürzt Neuanschaffungen in der Stadtbibliothek und fördert lieber mit der Gießkanne zweitklassige Avantgarde ohne viel Publikum.


Kultur braucht aber auch Zentren und Leuchttürme. Die sind teurer wie ein Stadtteilkulturzentrum. Aber sie strahlen auch vorbildhaft aus. Die (teure) Neukonzeption des Gasteig wäre eine wichtige Investition für die kulturelle Bildung und das Zusammenwachsen der Stadtgesellschaft. Die Grundsanierung ist dagegen eine reine Geldverschwendung, die einen Zustand des Gasteig fortschreibt, der schon 1985 bei der Eröffnung nicht wirklich überzeugt hat.

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