Geschichte der Münchner Polizei: Freund, Helfer - und Feindbild?

In diesem Jahr stehen die Einsatzkräfte in München besonders im Fokus. In einer neuen Serie wirft AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz einen Blick auf die Geschichte der Münchner Polizei.
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März 2020: Münchner Polizisten patrouillieren durch den Englischen Garten und kontrollieren die Abstandsregeln.
März 2020: Münchner Polizisten patrouillieren durch den Englischen Garten und kontrollieren die Abstandsregeln. © Matthias Balk/dpa

München - Die Münchner Polizei steht vor einer beispiellosen Herausforderung. Sie soll strenge Hygiene-Gebote durchsetzen und stößt immer öfter auf Widerstand von Bürgern. Dabei muss die von Gerichten mehrmals angemahnte "Verhältnismäßigkeit" gewahrt bleiben. Wie soll das gehen?

Aufs Pferd und Knüppel frei wie einst bei den Schwabinger Krawallen? Wegtragen wie einst bei den Anti-Atom-Sitzblockaden? Abführen im gelernten Achtergriff? Alles Taktiken von gestern oder vorgestern. Der Konflikt, der neuartig und programmiert ist, muss anders gelöst werden.

Wie soll die Münchner Polizei in Konfliktfällen vorgehen?

"Wegsprechen" hat Marcus da Gloria Martins, bis vor Kurzem redegewandter Sprecher der Polizei, die derzeit bevorzugte Methode genannt. Aber die funktioniert nicht immer bei Gruppen oder Massen von krakeelenden oder auch politisch argumentierenden Maskenverweigerern - oder gegenüber Feiernden wie dieser Tage erst am Gärtnerplatz, als es zu Auseinandersetzungen kam.

Also doch körperliche Gewalt? Die Polizeigewerkschaft hält sie manchmal für nötig, Bayerns Innenminister, eigentlich kein Gegner einer harten Linie, ist grundsätzlich dagegen. Zeitlich und örtlich begrenzte Aufenthalts- oder Alkoholverbote? Will der Stadtrat irgendwie nicht, irgendwie dann unter Umständen aber doch - dieser Tage wurde ja erst beschlossen, bei steigenden Corona-Zahlen doch zu diesem Mittel zu greifen. Andere Ideen zur Deeskalation gibt es auch: etwa uniformierte Streifen auf Fahrrädern.

Einsatz gegen Corona-Leugner gleicht Kampf gegen Windmühlen

Die Ratlosigkeit frustriert - nicht zuletzt Teile der Polizei. "Es ist mehr als notwendig, der Bevölkerung eine klare Linie vorzugeben und diese Linie auch ebenso konsequent um- und durchzusetzen", schrieb mir ein höherer Polizeibeamter, mit dem ich normalerweise mündlich kommuniziere.

Leider gleiche der Einsatz gegen Corona-Leugner und Party- Freaks oft einem Kampf gegen Windmühlen. Während sich die Polizei beim Bewältigen solcher Einsatzlagen weiterentwickelt habe, bleibe der Respekt gegenüber den Kollegen und das Verständnis für die nicht unberechtigten Vorgaben der Staatsregierung auf der Strecke.

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Warum sich das Verhalten in Teilen der Gesellschaft dermaßen entwickelt hat, kann mein freundlicher Polizist auch nur vermuten: Der gemeine Bürger denke: "Man liest nichts mehr, man sieht nichts mehr, man hört nichts mehr, man ist selbst bislang davongekommen - dann ist auch nichts mehr in Bezug auf Corona zu erwarten." Dieses Denken, gepaart mit der Rücksichtslosigkeit, Oberflächlichkeit und vor allem auch der Dummheit Einzelner, werde noch Folgen haben.

Die Schlagstöcke brechen oft schon beim ersten Hieb

Wenn's denn nur Dummheit oder fehlender Respekt wären. In gewissen Kreisen scheint unser vertrautes Bild vom "Freund und Helfer" zum Feindbild zu entarten.

Vor 75 Jahren stand Münchens Polizei vor einer viel größeren Herausforderung. Die "Blauen", so nannten wir Jugendlichen die späteren "Bullen" - waren durch den Krieg und die Amtsentlassung erkannter Nazis dezimiert, fast führerlos. Sie waren schlecht geschult und zuerst nur mit Schlagstöcken bewaffnet, die oft schon beim ersten Hieb brachen.

Sie durften manche Einsätze, zum Beispiel in Ausländerlagern, nur auf Anweisung und in Begleitung misstrauischer olivgrüner Military Police erledigen. Ab dem 30. Oktober 1945 wurden wieder Schusswaffen ausgegeben - für zehn Polizisten ein Revolver. Mit nur neun Mitarbeitern begann Andreas Grasmüller in provisorischen Büros den Aufbau einer Kriminalpolizei. In diesem Zustand begegneten die Münchner Schupos dem Nachkriegs-Chaos, das mit dem Plündern der von den NS-Bonzen gehorteten Depots noch lange nicht endete. Und sie mussten eine ständig steigende Kriminalität bändigen.

Fünf Polizisten werden in einem Jahr von Verbrechern erschossen

Marodierende Banden, meist befreite Zwangsarbeiter aus Osteuropa, machten hemmungslos von Schusswaffen Gebrauch. Von Mai bis Ende 1945 wurden 237 Tötungsdelikte, 1.578 Fälle von Raub und Plünderung und etwa 30.000 Diebstähle registriert, aufgeklärt wurden die wenigsten.

1946 wurden fünf Münchner Polizisten von Verbrechern erschossen und elf schwer verletzt. Und noch 1947 starben sechs Beamte und neun Verbrecher bei Feuergefechten. Mehrmals standen sich US-Militärpolizisten und Soldaten der Besatzungsarmee gegenüber.

Ein besonderer Brennpunkt, Hotspot würde man heute sagen, war der Schwarzhandel. In der unversehrten Möhlstraße hatte sich ein europäisches Hauptquartier etabliert. Etwa eine Million Zigaretten, täglich 20 bis 30 Tonnen Kaffee und Hunderttausende von Schokoladetafeln, aber auch Autos und Diamanten wurden in Buden und Kellern ge- und verkauft.

Hier im vornehmen Bogenhausen erlebte die Münchner Polizei ihre ersten, denk- und fragwürdigen Großeinsätze nach dem Krieg. Den bis zu 150 Razzien pro Tag - nur deutsche Staatsbürger durften festgenommen werden - folgten regelrechte Straßenkämpfe.

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