Geringer Stundenlohn, kein Betriebsrat: Der Aufstand der Busfahrer

Aus Angst, entlassen zu werden, gründen viele Busfahrer keinen Betriebsrat. Denn sie sprechen oft kaum Deutsch. Doch einige wehren sich nun.
| Christina Hertel
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In vielen Betrieben haben 80 Prozent der Busfahrer einen Migrationshintergrund.
In vielen Betrieben haben 80 Prozent der Busfahrer einen Migrationshintergrund. © dpa

München - Länger als fünf Minuten am Stück kann Serkan Curcic während seiner Schicht nicht telefonieren. Er arbeitet als Busfahrer hinter der Stadtgrenze und ruft in der kurzen Pause am Ende seiner Route an, bevor die nächsten Fahrgäste einsteigen.

Busfahrer fürchtet um Job, weil er Betriebsrat gründet

Curcic tut gerade etwas, das eigentlich sein gutes Recht ist: Er ist gerade dabei, in dem Unternehmen, für das er arbeitet, einen Betriebsrat zu gründen. Ab fünf Mitarbeitern ist das eigentlich gesetzlich vorgeschrieben. Trotzdem fürchtet er, dass ihm dies seinen Job kosten könnte. Deshalb will er seinen richtigen Namen lieber nicht verraten.

Fahrer arbeitet für MVV, ist aber bei Ettenhuber angestellt

Curcic arbeitet zwar als Busfahrer im Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV). Angestellt ist er aber bei dem Busunternehmen Ettenhuber, das 24 Linien im Landkreis München und Ebersberg bedient. Denn anders als in der Stadt schreibt der MVV seine Buslinien aus. Den Zuschlag erhält der günstigste Anbieter.

Busfahrer: Magerer Stundenlohn von 13,21 Euro

Dementsprechend gering fallen die Löhne aus: 13,21 Euro brutto ist der Stundenlohn nach Tarif als Busfahrer, wenn man in den Beruf einsteigt, sagt Frank Schütz von Verdi. Für viele Busunternehmen sei es deshalb schwer, Personal zu finden - zumindest in Bayern. Deshalb würden viele in Osteuropa werben.

In vielen Betrieben haben 80 Prozent der Busfahrer einen Migrationshintergrund, schätzt Schütz. "Viele kommen aus Rumänien, Ungarn und aus dem ehemaligen Jugoslawien und sprechen kaum Deutsch." Umso wichtiger sei es, dass es in den Unternehmen eine Interessensvertretung wie den Betriebsrat gibt, an die sie sich vertraulich wenden können - zum Beispiel, wenn es um ihre Löhne oder ihre Arbeitszeit geht. Doch in vielen Busunternehmen im Münchner Umland gebe es die nicht.

In vielen Busunternehmen gibt es keinen Betriebsrat

"Viele Unternehmen werten es als Angriff, wenn Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen wollen", sagt Schütz. "Dabei ist das ihr gutes Recht." Oftmals würden Unternehmen die Gründung eines Betriebsrats versuchen zu verhindern - zum Beispiel, indem sie Lügen verbreiten, wie, dass dann der Lohn gekürzt oder niemand mehr eingestellt werde, wenn es eine Arbeitnehmervertretung gibt.

Das sei auch bei dem Busunternehmen Ettenhuber passiert, erzählt Curcic. "Schon zweimal wollten Kollegen einen Betriebsrat gründen." Doch als es herauskam, seien einmal drei und einmal vier Busfahrer entlassen worden. Warum er trotzdem nicht aufgibt? "Damit wir unsere Rechte kriegen", sagt Curcic. "Damit nicht alleine der Chef das Sagen hat." Und wohl auch, damit weniger Willkür herrscht: Der eine Busfahrer müsse 240, der nächste 170 Stunden im Monat arbeiten, schildert Curcic.

Nach Eintritt in Gewerkschaft: Betriebsrat soll gebildet werden

Er und gut 15 weitere Kollegen seien deshalb vor kurzem alle auf einmal in die Gewerkschaft eingetreten und baten um Hilfe. Seitdem hilft Frank Schütz von Verdi bei der Organisation. Einen Erfolg gibt es bereits: Am Sonntag fand die Wahlversammlung statt. Fast 100 Angestellte wählten da laut Schütz einen Wahlvorstand, der in den nächsten Wochen einen Betriebsrat bilden soll.

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Doch bis kurz vor der Wahl am Sonntag habe das Busunternehmen versucht, die Wahl zu sabotieren, erzählt der Busfahrer Curcic. Zum Beispiel seien alle, die sich gegen den Betriebsrat aussprachen, gesammelt in einem Bus zur Wahl gefahren worden. Er und seine Kollegen wiederum mussten sich selbst um die Anreise kümmern.

Was sagt Ettenhuber?

Alldem widerspricht der Geschäftsführer Josef Ettenhuber scharf. "Ich stehe als Chef für betriebliche und private Anliegen sowie Anregungen und Verbesserungsvorschläge unserer Mitarbeiter wenn möglich persönlich zur Verfügung", schreibt er. Einen Bedarf für eine zusätzliche Interessenvertretung habe die Belegschaft deshalb nicht gesehen.

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